Die Weltchronik (Jans der Enikel)
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Weiterführende Informationen auf der Seite des Jans der Enikel-Forschers Graeme Dunphy.
Die Weltchronik
[Bearbeiten] Prolog: invocatio [1-38]
- Got, aller ding ein überkraft,
- gip mînem muot die meisterschaft,
- alsô daz mîn zunge
- von dîner barmunge
- 5
- und ouch von dîner gotheit,
- dâ nimmer ze end wirt von geseit,
- sprech ein teil von dem sîn,
- wan ich ze kranc dar zuo bin.
- wie sol ich mich des nemen an,
- 10
- daz ich ze end niht bringen kan?
- dâ von bit ich dich, herre got,
- daz dû mich habest in dînem gebot.
- wan ich weiz von der wârheit wol,
- dâ von ich ez sagen sol,
- 15
- daz aller griez und alliu loup
- und swaz ie geflouc oder stoup,
- wærn daz allez zungen gar,
- die möhten niht in tûsent jâr
- gar gesagen diu wunder,
- 20
- diu got alliu besunder
- mit sîner kraft beschaffen hât
- an einer ieslîchen stat.
- dâ von bin ich ein tumber man,
- daz ich mich des wil nemen an
- 25
- und ein teil wil dâ von sagen.
- ich möht gerner stille dagen,
- wan daz ich mich des trœsten sol,
- daz got ist aller gnâden vol.
- dâ von wil ich mich nemen an
- 30
- des ich nie begunnen hân,
- wan gotes genâd ist sô starc,
- si hilfet baz dan tûsent marc.
- wan swem got hilf mit teilen wil,
- der hât immer êren vil:
- 35
- er hilfet baz dann alz daz lebt.
- ist ieman der dâ wider strebt,
- er hât niht kristenlîchen sit,
- dâ er sîn sêl behaltet mit.
- Prolog: das Unternehmen [39-82]
- Wil mir nû got bî gestân,
- 40
- sô wil ich mich nemen an,
- daz ich daz buoch wil slihten,
- nâch mînem sinne rihten
- ûf die genâd der gotheit,
- dâ nimmer ze end wirt von geseit.
- 45
- nâch der künclichen lêr wil ich
- tihten und ouch rihten mich,
- wie die heiden besunder
- stiften manic wunder
- verr in der heidenschaft –
- 50
- si hêten liut michel kraft –
- und waz si dâ begiengen;
- si stiften unde viengen
- beidiu stet unde lant:
- wie daz stuont allez in irr hant.
- 55
- ich wolt iu sagen mêre,
- verdruzz iuch sîn niht sere,
- wie die künig ze Rôm sâzen
- und ir trûrens vergâzen,
- und wie si dar bequæmen
- 60
- und ouch ir ent næmen,
- wie ieslîcher besunder
- stifte in Rôm wunder.
- daz wolt ich gern bescheiden,
- wie die kristen und die heiden
- 65
- dâ gekrœnet giengen
- und werdiclich enpfiengen
- den zins von den rîchen,
- des mohtens niht entwîchen,
- die fürsten muosten in zins geben.
- 70
- dâ mohten si niht wider streben,
- wan die Rœmære
- lobt man dô âne swære,
- wan si gewaltic wâren
- bî den selben jâren:
- 75
- [wan] ein ieglîch fürst muost gâhen
- diu lant von in enpfâhen.
- swer des selben niht entet,
- der wart vertriben dâ ze stet.
- des hêt er schaden unde schant,
- 80
- swâ er fuor in dem lant.
- des moht in nieman widerstân,
- swer von Rôm niht wolt lêhen hân.
[Bearbeiten] Prolog: Der Dichter [83-108]
- Der ditz getiht gemachet hât,
- der sitzt ze Wienn in der stat
- 85
- mit hûs und ist Johans genant.
- an der korôniken er ez vant.
- der Jansen enikel sô hiez er.
- von dem buoch nam er die lêr.
- sî ieman, dem ez missehag,
- 90
- der mach ein bezzer sag,
- daz wil ich lâzen âne zorn.
- er sî edel oder ungeborn
- oder swie er ist sô gestalt,
- er sî junc oder alt,
- 95
- dürr oder veist genuoc:
- der dar zuo ist alsô kluoc,
- daz dâ heizet tihten,
- nâch dem wolt ich mich rihten
- und lernen die gefuoc,
- 100
- daz ich kund genuoc.
- ir tihter über tiutschiu lant
- oder swâ die tihter sîn bekant
- von dem mer hinz an den Rîn,
- die lâzen mich irn diener sîn,
- 105
- wan ich in den gedenken bin,
- daz ich die gefuog wil von in
- lernen unde tihten;
- der gefuog wolt ich mich rihten.
[Bearbeiten] Prolog: Spötter verflucht [109-128]
- Ich wil die red nû lâzen sîn.
- 110
- sî ieman der nû spotte mîn,
- daz ich daz buoch getihtet hân,
- der sî des tievels kappelân
- und müez sîn der helle kint.
- an den ougen werd er blint.
- 115
- an handen, [an] füezen werd er lam,
- an armen, [an] beinen alsam.
- hab er iht, daz im sî liep,
- daz müez im steln ein diep.
- den liuten werd er widerzæm
- 120
- und sînen mâgen ungenæm.
- des helfe mir der süeze Krist,
- der himel und erd gewaltic ist.
- den fluoch wil ich lâzen stân
- und wil daz buoch heben an.
- 125
- ich wil iu allen tuon bekant,
- wie got den êrsten menschen vant,
- und wie ouch got der reine
- beschuof die engel gemeine.
[Bearbeiten] Prolog: letzte invocatio [129-138]
- Got aller gnâd und güete vol,
- 130
- dû hâst beschaffen alsô wol
- ieglîch dinc besunder
- und hâst manic wunder
- der werlt ze trôst beschaffen,
- leien unde pfaffen,
- 135
- juden und heiden gemeine,
- dû lieber got vil reine,
- wer möht daz ân dich haben getân?
- hie hebet sich diu bibel an.
[Bearbeiten] Erschaffung der Engel [139-176]
- Des êrsten hiez got werden
- 140
- den himel und die erden.
- in dem himel beschuof er snel
- einen engel hiez Satael.
- dar nâch beschuof der reine
- die engel all gemeine,
- 145
- Luciferum und Michahel,
- Gabriel und ouch Raphahel.
- doch truoc under in allen schôn
- Lucifer die hœhsten krôn.
- kein schœner krôn wart nie bekant.
- 150
- ein liehtvaz sô wart er genant,
- wan im was niht gelîche
- in dem himelrîche.
- dô er in beschuof sô schôn,
- dô sanc er im ze lôn:
- 155
- ‘sanctus, sanctus’,
- daz bediutet alsus:
- ‘heilic und heilic bist dû wol,
- der himel ist dîner gnâden vol:
- sô süll wir engel alle
- 160
- tuon swaz dir gevalle.’
- alsô sprach Lucifer:
- ‘herr, lieber schepfær,
- dû bist aller êren wert,
- wan swer diner gnâden gert,
- 165
- der wirt von dir gescheiden niht.
- freuden vil von dir geschiht.
- daz weiz ich sicherlîchen wol,
- în güet ist aller gnâden vol.’
- die andern engel sungen alsus
- 170
- all vor im daz sanctus
- und lobten in vil schône.
- dô gap er in ze lône
- daz wert himelrîche
- besitzen êwiclîche.
- 175
- dâ wârn si all freuden vol,
- wan in was ân mâzen wol.
[Bearbeiten] Gott lobt Lucifer [177-186]
- Got von himelrîche sprach,
- dô er vor im stên sach
- Luciferum den engel hêr,
- 180
- vil tugentlîchen sô sprach er:
- ‘Lucifer, lieber engel mîn,
- wie möhtst dû immer schœner gesîn
- in dem himelrîche mîn?
- ez mac ouch nieman schœner sîn.
- 185
- dû bist mir niht unmær,
- wan dû bist mîn liehttragær.’
[Bearbeiten] Lucifers Aufstand [187-214]
- Dô in got hêt sô sêr gelobt,
- Lucifer vor freuden tobt.
- er gedâht in sînem muot:
- 190
- jâ bin ich got ze guot,
- sit ich gên vor in allen schôn
- und trag die öbristen krôn.
- des wil ich got gelich sîn.
- daz himelrich daz ist mîn.
- 195
- ze ietlîchen engeln nam er rât.
- ‘jâ wæn ich ez mir wol an stât,
- daz ich got gelîch sî.
- di engel di mir wellent bî
- bestên an diser stunt,
- 200
- die tuon mir daz kunt.
- got wil ich nû verstôzen.
- des süllen mîn genôzen
- mir immer gnâde sagen.
- si müezen hœher krône tragen
- 205
- dan si biz her habent getân.
- mit mir süllens freude hân
- in dem himelrîche
- immer êwicliche.
- verstôz ich got, sô ist mir wol
- 210
- und bin immer freuden vol.
- swelich engel nû bî mir belîb,
- der traht, daz ich vertrîib
- got, ê daz er sîn werd inne,
- wan der hât wîse sinne.’
[Bearbeiten] Treue, aufständische und neutrale Engel [215-246]
- 215
- Dô daz gehôrten die engel guot,
- sümlîch gedâhten in irem muot:
- wir süllen niht entwîchen
- got dem vil rîchen,
- sô mac uns nimmer missegân.
- 220
- wir sîn got billîch undertân,
- wan er uns selb beschaffen hât
- ân aller hant missetât.
- daz trahten engel alsô vil,
- die ich niht all nennen wil
- 225
- und niht all genennen kan,
- wan in got aller êren gan.
- daz habent si verdienet wol,
- ze himel sint si freuden vol.
- sümlîch gedâhten in irem muot:
- 230
- swer under in daz beste tuot,
- dâ süll wir mit belîben,
- wer mac uns dann vertrîben?
- die selben wârn zwîflær.
- dâ von wârn si unmær
- 235
- dem vil hôhgelobten got.
- dâ von sô liten si grôzen spot.
- Lucifer sprach ûz frîem muot:
- ‘ich sag iu waz mich dunket guot.
- ich wil wizzen die mit mir sint,
- 240
- wan si süllen wesen mîniu kint.
- ich wil si niht vertrîben,
- [wan] si süllen bî mir blîben
- in dem himelischen kôr,
- und wil di lâzen stên dâ vor,
- 245
- die mîn niht enruochent
- und mîn genâd niht suochent.’
[Bearbeiten] Die Rebellen werden ausgestoßen [247-296]
- Dô west got der rîch
- die rede gemelîch.
- er sprach ûz zorniclîchem muot:
- 250
- ‘Lucifer mir niht schaden tuot,
- wan er mir niht geschaden mac.
- sîn trahten wirt im ein slac.
- hôchvart diu sol niht sîn
- in dem himelrîche mîn.
- 255
- val von mir einen val
- in daz fiur hin ze tal,
- und die mit dir gewesen sint,
- die sin der bittern helle kint.’
- dô er daz wort volgesprach,
- 260
- di engel man dô vallen sach
- ûz dem himelrîche
- all gemeineclîche.
- die mit im wârn an sîner schar,
- die sach man mit im vallen gar,
- 265
- wan si mit im verstôzen sint.
- dâ von sint si der helle kint.
- und ouch die zwifelære
- die sint got gar unmære,
- wan si sint ouch verstôzen
- 270
- von andern irn genôzen.
- ich mein, die zwîflær wâren.
- die selben siht man varen
- noch hiut in die liute
- zwischen fleisch und hiute.
- 275
- dâ mit wellent si güften.
- si varent in den lüften,
- die andern ir gesellen
- die müezen in die hellen.
- diu stimm wirt dâ manicvalt.
- 280
- si werdent eislîch gestalt.
- die selben mit lûter stimme
- schrîent ûz grôzem grimme:
- ‘âwê! veterlîcher got,
- war umb zerbrâch wir dîn gebot?
- 285
- des müez wir lîden arbeit
- und immer werndez herzenleit.
- wær wir dir, herr, gewesen bî,
- sô wær wir manger sorgen frî.
- wir wæren schœn und klâr
- 290
- und als die engel gevar.
- nû müez wir manig sorge hân,
- daz wir wol hieten understân,
- hiet wir got dem rîchen
- gevolget stæticlîchen.
- 295
- sit wir des niht haben getân,
- dâ von uns got niht êren gan.’
[Bearbeiten] Lucifers Reue [297-316]
- Die red erhôrt Lucifer.
- dem was ez vil swær,
- wan er ûz zoren sprach:
- 300
- ‘ich lîd vil billîch ungemach.
- âwê unsæligiu hôchfart!
- jâ solt ich ez wol haben bewart!
- dâ liez mich niht der übermuot,
- der lîb und sêl schaden tuot.
- 305
- ê was ich lieht und schœn,
- nû bin ich krump und hœn
- unde trag ouch krumbiu horn
- und bin êwiclîch verlorn.
- ich stink als ein vûler hunt,
- 310
- daz was mir ê vil unkunt.
- zwâr ich hiet ez wol bewart
- und hiet ich lân die hôchfart,
- und wær diu hôchvart an mir niht,
- sô hiet ich mit dem engel pfliht.
- 315
- allez bet ist an mir vlorn.
- ich muoz nû dulden gotes zorn.’
[Bearbeiten] Fall der Engel [317-326]
- Ich wil iu noch mêr wunders sagen,
- des wil ich iu niht verdagen,
- von einer geschiht vil wunderlîch:
- 320
- ez regent von dem himelrîch
- drî tag und drî naht,
- als im got hêt gedâht,
- niht wan tiuvel her ze tal.
- die hêten jæmerlîchen val:
- 325
- si vielen in der helle grunt,
- dâ wart in leit und jâmer kunt.
[Bearbeiten] Gottes Vorhaben [327-334]
- Got der rein schepfær,
- der sach die stat alsô lær
- di er dô hêt verstôzen,
- 230
- Luciferum und sîn genôzen.
- ‘ich wil ûf daz ertrîch
- und wil beschaffen wærlîch
- aller hande kunder,
- ieslîch slaht besunder.’
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: erster Tag [335-358]
- 335
- Bî den zîten was âne swær
- daz ertrîch wan unde lær
- und ouch dar zuo vinster was,
- als ich an dem buoche las,
- unde nâch des buoches sag
- 340
- gotes geist ûf dem wâg
- bî den zîten wære:
- sô saget uns daz mære.
- dar nâch sô sprach ez got:
- ‘ich wil daz nâch mînem gebot
- 345
- über al ûf der erde
- ein schœn lieht werde.’
- alzehant dô erz gesprach,
- nâch sînem wort daz geschach.
- dô got daz lieht hêt gesehen,
- 350
- daz sîn schîn und sîn brehen
- guot und nütz wære,
- do gcschiet der gewære
- die vinster von dem licht,
- als man si noch siht.
- 355
- daz licht er den tac nant
- und die vinster naht zehant.
- dô wart der morgen biz an die naht
- ze einem tag gedâht.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: zweiter Tag [359-368]
- Zehant dô daz geschach,
- 360
- dar nâch got aber sprach:
- ‘nû werd ein vesticheit,
- dâ mit diu wazzer sîn gescheit.’
- hie mit besunder
- schiet er daz under
- 365
- von dem daz man oben sach.
- alzehant daz ouch geschach.
- die vesticheit den himel er nant.
- dâ mit der ander tac verswant.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: dritter Tag [369-390]
- Dô sprach er aber: ‘nû wil ich,
- 370
- daz alliu wazzer semmen sich,
- diu under dem himel sîn,
- an ein stat und erschîn
- ein trücken.’ daz geschach zehant.
- die trücken er daz ertrîch nant.
- 375
- der wazzer samnung gap er
- den namen, daz ez hiez daz mer.
- dô unser trehtin dô gesach,
- daz ez guot was, er sprach;
- ‘nû müez ûf der erden
- 380
- krût, grüen und boum werden,
- daz eines ieslîchen slaht
- erkant werd in sîner aht!’
- daz geschach ouch alsô.
- dô brâht diu erde dô
- 385
- grüen, krût mit sînem sâmen,
- diu sînes bots war nâmen:
- boum, krût, der ieglîchz wart
- frühtic nâch sîner art.
- ir dheinez misseviel im nie.
- 390
- dâ mit der dritt tac ergie.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: vierter Tag [391-412]
- Dô daz allez geschach,
- dar nâch got aber sprach:
- ‘ich wil, daz stern werden bereit
- an des himels vesticheit,
- 395
- die tac und naht scheiden,
- und dazs an den beiden
- zeichen unde zît gegeben,
- daz man dar nâch kunn geleben,
- und die tac unde jâr
- 400
- schînen ûf die erde gar.’
- dar nâch macht er zwei lieht,
- als man si all tage siht,
- ein grôzez und ein kleinez.
- dem tag schiet er einez
- 405
- und hiez der naht einz vor sîn,
- daz si beidiu geben schîn
- und liuhten ûf der erden.
- dar nâch hiez er werden
- an dem himel sternlîn,
- 410
- daz si der erd geben schîn
- und daz si scheiden tac und naht.
- also wart der vierd tac volbrâht.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: fünfter Tag [413-434]
- Dô sprach got aber an der stat:
- ‘swaz diu erd wazzers hât,
- 415
- diu bringen besunder
- visch und merwunder
- und swaz man in dem wazzer siht.’
- daz was ouch dâ wider niht.
- dar nâch geschuof der guote
- 420
- die visch in dem fluote,
- grôz unde kleine,
- und allez daz gemeine,
- daz lebentic und daz man
- noch lebentic gesehen kan.
- 425
- daz wart allez volbrâht,
- ein ieslichz in siner aht.
- dô ez got dô gesach,
- daz ez guot was, er sprach:
- ‘ir sült wahsen und iuch mêrn
- 430
- mir ze lob und ze êrn.
- vogel und visch mêren sich
- ûf der erde, daz wil ich.’
- des gescheftes er dâ mit pflac.
- sus endet sich der fünfte tac.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: sechster Tag [435-478]
- 435
- Dar nâch sprach aber got:
- ‘ich wil daz nâch mînem gebot
- über al ûf der erden
- elliu kunder werden
- und vich, swie ez sî genant.’
- 440
- daz ergie ouch sâ zehant.
- dô daz allez was geschehen,
- dô begund got aber jehen:
- ‘wir süllen einen menschen machen
- von sô getânen sachen,
- 445
- der uns gelich werde,
- und alz daz ûf der erde,
- swaz ich biz her geschaffen hân,
- vil gar werde undertân,
- und swaz ich vor hân genant.’
- 450
- dô wart der mensch zehant,
- nâch gotes bild sîn lîp.
- dar nâch beschuoff er im ein wîp.
- die brach er ûz dem rippe sîn,
- diu im triuwe tæte schîn.
- 455
- er teilt in sînen segen mit
- nâch sînem veterlîchen sit,
- daz si sich mêren solden
- und ouch wahsen wolden,
- und daz in wær undertân
- 460
- beidiu wilt unde zam.
- des machet er si gewaltic gar.
- er sprach: ‘ir sült nemen war,
- ich hân iu nû gegeben
- allez des ir süllet leben,
- 465
- boum, krût und swaz daz treit,
- daz iu daz allez sî bereit
- mit sîner fruht besunder,
- und hân ouch den kunder
- und ouch den voglîn für wâr
- 470
- dâ von beschert ir lîpnar,
- daz ez iu wart dester baz.’
- nâch sînem willen geschach daz.
- dô got hêt gesehen,
- daz alliu dinc wârn geschehen
- 475
- und daz ir dheinez nie
- sînen willen übergie:
- daz selb nâch des buoches sag
- geschach an dem sehsten tag.
[Bearbeiten] Schöpfungsbericht: siebter Tag [479-496]
- Nû hêt erz allez bereit,
- 480
- als ich iu vor hân geseit,
- den himel und die erde,
- ieglichz nâch sîner werde.
- der himel was gezieret wol,
- diu erd was alliu wazzers vol.
- 485
- daz geschach nâch gotes willen gar.
- daz ich iu sag, daz ist wâr.
- dô nâhent der sibent tac,
- dar an er alles werks verpflac
- und aller sîner getæt,
- 490
- wan er volendet hêt
- swaz im ze enden dô geschach.
- den sibenten tac hêt er gemach
- von allen den werken sîn,
- der vil lieb trehtîn.
- 495
- siniu werc gevielen im wol,
- wan daz ertrich wart freuden vol.
[Bearbeiten] Erschaffung von Adam und Eva [497-546]
- Nû lâz wir die rede stân
- und grîfen zuo Adam an.
- der was der êrst mensch ein,
- 500
- der ûf daz ertrîch ie erschein,
- und was der êrst man,
- den got machen began.
- von leim und von ertrîch
- machet er in wærlîch.
- 505
- dô er in dô gemachet hêt,
- als sîner gotheit wol an stêt,
- dô segent er in mit sîner hant,
- der vil süez heilant.
- er sprach: ‘erkenn mich, ich bin got,
- 510
- dû solt leisten mîn gebot.’
- Adam sprach: ‘lieber herre mîn,
- din will müez ervollet sîn
- an mir hiut und alle stunt.
- dîn genâd ist mir worden kunt.’
- 515
- dô got Adams red erhôrt
- unde sîn getriuwe wort,
- diu im an der selben stunt
- wart von Adâmen kunt,
- er gedâht in sînem muot:
- 520
- zwâr ez ist niht guot,
- daz ein alsô biderb man
- süll ein ûf der erden gân.
- im sol wonen ein gemechît bî,
- daz im selb gelîch sî.
- 525
- vil güetlîch er gên im ret.
- er sprach: ‘ich sag dir hie ze stet,
- dû maht niht ein genesen,
- dir sol ein wîp bî wesen.’
- der red antwurt Adam dô,
- 530
- wan er was sîn vil frô:
- ‘herr, swaz dir liep sî,
- dâ sol mîn will wesen bî.’
- dô macht got der rîche
- ein wîp im gelîche.
- 535
- dô er was entnucket,
- dô hêt im got enzucket
- ein ripp von der sîten sîn,
- der vil lieb trehtîn.
- er brach ez ûz dem lîp
- 540
- und macht im ein wîp.
- die nant er Viragô –
- des wîbes was er vil frô –.
- der nam ir wart mit sinne,
- daz si hiez ein menninne.
- 545
- dar nâch wart si Evâ genant,
- als si noch hiut ist bekant.
[Bearbeiten] Adams und Evas ‘Hochzeit’ [547-578]
- Dar nâch sprach sicherlîche
- got von himelrîche,
- dô er si nakent vor im sach stân:
- 550
- ‘vil lieber friunt, froun Even man,
- ich enpfilch dir daz wîp
- ûf dîn sêl und [ûf] dînen lîp,
- daz dû ir pflegest alsô wol,
- als ein frumer man sol
- 555
- pflegen sînes wîbes,
- ir êren und ir lîbes.
- alsô enpfilch ich dir Evâ
- dînen man aldâ,
- daz du pflegest sînes lîbes wol,
- 560
- als ein frum wîp sol.’
- dô sprach Adam, froun Even man:
- ‘herre, din will sol ergân
- an allen dingen, swâ dû wil,
- wan ich von dir freuden vil
- 565
- hân, die wîl ich leb.
- wider dîn gebot ich nimmer streb.’
- dô sprach got alzehant:
- ‘Evâ, ich tuon dir mêr bekant:
- ich enpfilch dir aber dînen man.
- 570
- dû solt im wesen undertân
- beidiu tac unde naht,
- als ich mir vor hân gedâht.
- dar umb wil ich ze lône
- iu beiden geben die krône
- 575
- und mîn vil werdez paradîs.
- dar inn sült ir werden wîs.
- nû gêt mit êrn dar in,
- diu zît gê iu mit freuden hin!’
[Bearbeiten] Adam und Eva erfreuen sich des Gartens [579-630]
- Dô si dar în bequâmen,
- 580
- vil wunn si dâ vernâmen.
- dô Adam dâ die wunn ersach,
- ein wort er frœlîchen sprach:
- ‘ich hân hie freud und wunne
- und liuht reht als diu sunne.
- 585
- hei waz si liehter varb hânt,
- die bluomen di hie vor uns stânt!
- daz kund ich niht volsagen gar
- zwâr in einem ganzen jâr,
- wan si gebent sô liehten schîn,
- 590
- daz ez niht naht dâ mac gesîn.
- ez ist dâ ze allen zîten tac,
- wan ez niht schœner wesen mac.’
- dô Eva ouch die wunn an sach,
- wider Adam si dô sprach:
- 595
- ‘Adam, mîn vil lieber man,
- die wîl und wir daz leben hân,
- süll wir von hinnen nimmer mê.
- hie stêt gras, bluomen unde klê.
- schœner wunn min ougen nie gesach.
- 600
- wir haben hie guoten gemach.’
- Adam nam Even bî der hant
- und wîst si da er die boume vant.
- er sprach: ‘Evâ, liebez wîp,
- swie alt, swie kranc wirt unser lîp,
- 605
- ezz wir diser reinen fruht,
- wir sîn gar frî vor der suht,
- vor allem siechtuom gemeine,
- ezz wir daz obz reine.
- dhein hunger uns niht bestêt,
- 610
- wan al bôsheit von uns gêt
- und al frümkeit ist uns bî.
- aller sorgen werd wir frî.
- dhein frost uns niht entuot.
- swie heiz diu sunn ist als ein gluot,
- 615
- diu ist uns als ein balsamsmac.
- dâ von uns niht geschaden mac.
- uns ist dhein durst bî,
- swie nâhen uns daz wazzer sî.
- noch kan sô süezez niht ensîn,
- 620
- als diu kleinen voglîn
- singent dâ ir süezen sanc.
- dâ von diu zît ist niht lanc,
- wan tûsent jâr ist ein tac,
- wan ez niht süezer wesen mac.
- 625
- heiâ wie mangen süezen dôn
- singent diu kleinen voglîn schôn
- hie bî uns in dem paradîs!
- bî den sô werd wir nimmer grîs.
- mit êren sî wir hie vil wol,
- 630
- sît unser lîp ist freuden vol.’
[Bearbeiten] Gottes Verbot [631-676]
- Do bevalch in got der reine
- daz paradîs gemeine.
- er sprach zuo in: ‘sît ich bin got,
- sô sült ir leisten mîn gebot,
- 635
- wan ir habet wîse sinne.
- der lât iu niht zerinnen.’
- er sprach zuo in vil schôn:
- ‘ditz paradîs sî iuwer lôn.
- dâ von, Adam, bevilch ich dir:
- 640
- den einen boum lâ mir –
- di andern sîn dir undertân –
- und tuo daz ich gesprochen hân,
- wan izzest dû den apfel rôt,
- sô muost dû wærlîch ligen tôt.’
- 645
- dô sprach Adam: ‘herre mîn,
- swaz dû wil daz sol sîn.
- dû bist mîn herr und mîn got.
- ich leist geren dîn gebot.
- ich nim daz leben für den tôt,
- 650
- wan mich twinget grôz nôt.
- ich wil sîn bî der voglîn sanc,
- wan vil süez ist ir klanc,
- der ûz ir werdem munde gât,
- wan ez in wunniclîch an stât,
- 655
- ir lieplîchez singen.
- swan ich sich her für dringen
- die schœnen bluomen ûz dem gras’ – –
- hei wie schœn der vîal was!
- und ouch die liehten rôsen rôt,
- 660
- die stuonden als in got gebôt,
- der klê und ouch die liljen wîz,
- als ez got worht mit flîz –,
- ‘der smac der von in gêt
- und daz obz daz ûf dem boume stêt,
- 665
- der smeckt als der balsam schôn.
- daz gît dir got und mir ze lôn’
- sprach er zuo sînem wîbe.
- ‘freud hab wir an dem lîbe.
- wie mac uns immer missegên,
- 670
- swenn wir vor unserm trehtîn stên,
- der uns sô schôn beschaffen hât
- ân aller hant missetât?’
- dô gie Adam und Evâ lîs
- ze tal in dem paradîs.
- 675
- dâ was in ân mâzen wol,
- wan si wârn ganzer freuden vol.
[Bearbeiten] Lucifer und Satan beraten sich [677-712]
- Dô hêt ouch Lucifer vernomen,
- daz Adam und Evâ was komen
- in das paradîse,
- 680
- do gedâht er in manger wîse,
- wie er Adam und Evam
- bræht von irr gehôrsam.
- er hiez im bringen sîn gesellen.
- schalkeit kund er snellen
- 685
- an manger hant dingen.
- nâch bôsheit kund er ringen
- beidiu tac unde naht.
- daz was sîn freud und sîn aht.
- er was geheizen Sathanas,
- 690
- wan er ein bœser wiht was.
- dô in Lucifer ersach,
- wie güetlich er wider in sprach:
- ‘Sathanas, lieber friunt mîn,
- dû solt von mir enpfangen sîn.
- 695
- ich wil dir klagen mîniu leit,
- diu mîn lîp unsanfte treit.
- got hât gemachet einen man,
- dem wil er daz pardîs lân,
- im und sînem wîb Evâ.
- 700
- diu selb sol ouch belîben dâ.
- daz ist mir leit und ungemach.’
- alsô er wider in verjach:
- ‘Sathanas, nû tuo schîn,
- ob dû ein schalc mügest gesîn,
- 705
- und var zuo Adâmen
- und sæ dînen sâmen,
- alsô daz Evâ und Adâm
- in dem pardîs iht bestân.
- nû var, vil lieber Sathanas,
- 710
- rât Adam und Even daz,
- daz si daz bot zerbrechen,
- und wir uns an in rechen.’
[Bearbeiten] Satan übernimmt Lucifers Auftrag [713-746]
- Dô sprach der tiufel Sathanas,
- der ein trugnære was:
- 715
- ‘Lucifer, lieber meister mîn,
- ir sült des vil gewis sîn,
- daz Adam nindert ist sô wîs,
- ich bring in ûz dem paradîs.
- ich tuon dir wærlîch bekant,
- 720
- ich wil varn in den serpant,
- sît si schôn gêt ûfgereht,
- reht als ein kerz sleht.
- dar inn wil ich erwerben wol,
- daz ich si beid verrâten sol,
- 725
- Even und ouch Adâmen.
- ich teil in mînen sâmen
- mit, alsô daz Adam
- entrinnet her ûz mit scham.
- daz weiz ich sicherlîchen wol,
- 730
- wan ich bin aller untriun vol.
- dâ von rât ich froun Evâ,
- daz si niht lenger dâ
- belîbent in dem paradîs,
- swie karc si sint und swie wîs,
- 735
- sît si mit ir sinnen
- wellent unsern kôr gewinnen,
- als dû mir selb hâst geseit.
- daz hân ich für ein wârheit.
- si wellent mit irn witzen
- 740
- unsern kôr besitzen,
- dâ von wir vorstôzen sîn
- von dem heiligen trehtîn.
- ich wil ir trahten understân.
- ir freud diu muoz ende hân.
- 745
- si müezen ezzen den tôt.
- ich bring si schier in grôz nôt.’
[Bearbeiten] Lucifer verspricht Satan Belohnung [747-766]
- Dô Lucifer dô erhôrt
- Sathanas des tiufels wort,
- er sprach: ‘gesell, lieber kneht,
- 750
- wirp mir und dir die botschaft reht.
- sô gib ich dir ze lône
- die fiurînen krône
- und tuon dir sicherlîchen kunt,
- ich setz dich in der helle grunt
- 755
- und gib dir, liep geselle,
- halp mîn grimmige helle.’
- dô sprach her Sathanas,
- dem alsô verfluochet was:
- ‘versmâhet mir die gâbe,
- 760
- sô wær ich ungehabe,
- wan in die hell kumt werlt vil,
- die ich gern mit dir teilen wil.’
- dô fuor er zuo dem paradîse
- in einer slangen wîse.
- 765
- hei wie er umbe rant,
- unz er froun Even vant!
[Bearbeiten] Lucifer betört Eva [767-824]
- Dô er froun Even ersach,
- ein wort er hinz ir sprach
- sanft unde lîse:
- 770
- ‘sît ir frou in dem paradîse
- und über daz obz al eine,
- und iuwer wirt gemeine,
- wie wol dir dann ist geschehen,
- solt dû die schônheit teglîch sehen!’
- 775
- dô sprach Evâ diu rein:
- ‘jâ ich bin frou al ein
- über daz paradîse.
- dâ von bin ich wîse
- und pfleg sîn alles gemeine
- 780
- wan des boumes eine.’
- ‘wer hât den verboten dir?
- daz solt dû, frou, sagen mir.’
- ‘daz hât der almehtig got.
- dar an lît sîn gebot.’
- 785
- ‘war umb hât er daz getân?
- daz solt dû mich wizzen lân.’
- ‘daz tet er durch min selbes nôt:
- æz ich daz obz, sô wær ich tôt.’
- dô sprach her Sathanas,
- 790
- der in der nâtern beslozzen was:
- ‘du geloubest an got stæte,
- sîn wort und sîn ræte,
- und hâst ez für ein wârheit.
- ez wirt dir noch her nâch leit.
- 795
- ich bin ein nâter triuwen vol.
- daz solt dû mir gelouben wol,
- daz ich durch lieb noch durch neît
- breche mîn wârheit.’
- alsô sprach si an der stat:
- 800
- ‘weist, umb wiuz verboten hât
- dîn meister über daz paradîs?
- daz dû iht werdest alsô wîs
- als er an der selben stat:
- dar umb er dirz verboten hât.
- 805
- dû wærest als schœn sam er ist
- zwâr in vil kurzer frist:
- dar umb hât er ez getân.
- des solt dû dich an mich verlân.’
- dô sprach Evâ daz wîp:
- 810
- ‘sam mir sêl unde lîp,
- west ich daz für ein wârheit,
- swem ez wær liep oder leit,
- ich wær dar zuo alsô kluoc,
- daz ich des obzs æz genuoc.’
- 815
- dô sprach diu nâter: ‘gloub mir daz,
- dir mac nimmer werden baz.
- brich den apfel an der stunt
- und iz ir einen in den munt
- und brinc den andern dinem man,
- 820
- sô wirt er wunniclîch getân
- und traget die öbristen krôn
- vor got in dem himel schôn.
- sô habt ez himel und paradîs.
- allerêrst sô sît ir worden wîs.’
[Bearbeiten] Der Sündenfall [825-940]
- 825
- Evâ geloubt der nâtern dô.
- des wart si trûric und unfrô.
- si brach einen apfel dâ,
- Adames wîp frou Evâ,
- und az in an der selben stunt
- 830
- und tet daz ouch Adâmen kunt.
- si sprach: ‘ich hân mich wol bedâht,
- ich hân dir einen apfel brâht,
- den schœnsten den ich indert vant.
- bî dem sô tuon ich dir bekant,
- 835
- daz er ist bezzer dann golt,
- wan ich bin dir mit triuwen holt.
- lieber Adam, nim in in den munt,
- sô wirst dû an der selben stunt
- vor allem ungelücke vrî.
- 840
- sæld und heil wonet dir bî,
- und wirst zwar als wîse
- als der beschuof daz paradîse.
- diu nâter hat mir daz geseit
- für die ganzen wârheit.’
- 845
- dô sprach ez Adam zehant:
- ‘wâ wart ez dir bekant?
- ôwê! wâ hast dû ez genomen?
- von wannen ist ez dir bekomen?’
- si sprach: ‘Adam, daz sag ich dir,
- 850
- wil dû ez gelouben mir.
- ab dem boum nam ich in drât,
- den uns got verboten hât.’
- dô sprach ez Adam:
- ‘izz ich daz obz, sô lîd ich scham
- 855
- und hiet zerbrochen daz gebot,
- daz mir verbôt der liebe got.
- daz wil ich niht zerbrechen.
- waz sold ich an mir rechen?
- sold ich umb disen apfel rôt
- 860
- lîden den bitterlîchen tôt?’
- dô sprach ez frou Evâ:
- ‘swîc und iz den apfel sâ,
- und brichest dû hiut daz gebot,
- sô wirst dû schœner dann got.
- 865
- daz weiz ich von der wârheit,
- swem ez sî liep oder leit.
- solt ich niht lieber frou sîn,
- und daz der himel wære mîn
- und ouch daz paradîse,
- 870
- sô wær ich vil unwîse.’
- vil dick si wider Adam sprach,
- dô si den apfel an sach:
- ‘Adam, dû bist ein vorhtic man,
- dâ von maht dû niht êre hân.
- 875
- des muost dû haben mînen haz.
- wem solt ich êrn gunnen baz
- dann mîn selbes lîbe?
- die êr ich niht vertrîbe.’
- Adam vorhticlîchen sprach:
- 880
- ‘und ist daz ich lîd ungemach
- daz ist von dîner schulde
- verlius ich gotes hulde.
- swaz mir dâ von mac geschehen,
- des wil ich vor got verjehen,
- 885
- daz ez von dînen schulden vert,
- wan uns beidiu nieman nert.
- wir müezen umb die schulde
- verliesen gotes hulde.’
- daz wîp Evâ aber sprach:
- 890
- ‘dû lîdst dar umb niht ungemach.
- hab ez für die wârheit,
- daz ich dir vor hân geseit.’
- dô sprach ez aber Adam:
- ‘wir müezen beidiu lîden scham.
- 895
- nû gip mir her den apfel rôt.’
- gegen dem mund er in bôt
- und az den apfel dô zehant.
- dô wart im an der stat bekant
- beidiu scham und ungemach.
- 900
- wider Even er ûz zorn sprach:
- ‘Evâ, waz haben wir getân?
- unser beider êr muoz zergân.’
- dô er der scham wart gewar,
- dô brach er ûz dem kopf daz hâr,
- 905
- wan er schrei mit grimme
- mit vil lûter stimme:
- ‘ôwê mir armen diser nôt!
- ich hân den bitterlîchen tôt
- gerüeret an mit mîner hant.
- 910
- Evâ, ich bin von dir geschant,
- wan dû vil übel hâst getân.
- daz gebot daz ich zerbrochen hân
- daz kumt von dîner schulde
- daz ich verlius gotes hulde.
- 915
- nû muoz ich decken mîn scham,
- ich vil armer man.
- daz hân ich allez von dir.
- got müez mich an dir rechen schier.
- in dem pardîs wær wir bliben,
- 920
- dâ hiet uns nieman von getriben.
- besich, wie wir gevarn hân,
- ob wir iht übel haben getân.
- ginc hin und brich uns bêden krût,
- daz wir verdecken unser hût,
- 925
- und bint uns wedel für die scham.’
- alsô sprach her Adam:
- ‘wie bin ich worden ze spot!
- ich wil mich bergen vor got,
- wan ich fürht sêr sînen zorn.
- 930
- siht er mich, sô bin ich vlorn.’
- daz wort Adam dicke sprach,
- sô er froun Evam an sach:
- ‘âwê vil armiu Evâ,
- waz ræch dû an uns beiden dâ,
- 935
- daz dû mir bræch den apfel rôt,
- dar an ich hân verdient den tôt?
- daz ist mir ân mâzen leit,
- wan ich muoz lîden arbeit
- und vil grôzen smerzen
- 940
- an lîb und an herzen.
[Bearbeiten] Gott befragt Adam [941-980]
- Ir red, ir werc wart bekant
- dem vil süezen heilant.
- der kom dar vil lîse
- in daz schœn paradîse.
- 945
- er sprach: ‘Adam, wâ bist hin?
- war kom dîn wîsheit, dîn sin,
- daz dû zerbræch daz gebot,
- daz dir verbôt dîn werder got?’
- mit riuwen gienc her für Adam
- 950
- und Evâ mit grôzer scham.
- dô Adam got selben sach,
- ein wort er bermeclîch sprach:
- ‘genâd, herr’, sprach Adam,
- ‘ich hân die gehôrsam
- 955
- zerbrochen und ouch mîn wîp.
- erbarm dich, herre, übr mînen lîp,’
- Adam wider got verjach.
- ein wort er dô mit jâmer sprach:
- ‘herr, dô ich dich erhôrt
- 960
- und dîn zorniclîch wort,
- dô west ich daz ich was verlorn
- und barc mich vor dînem zorn.’
- des antwurt im got zehant,
- dô er in nackent vant:
- 965
- ‘waz gie des, armer, dich nôt,
- daz dû verdienet hâst den tôt
- und dir ist doch gewesen wol?
- dîn lîp muoz werden leides vol.’
- ûz grôzem jâmer sprach Adam:
- 970
- ‘herr, dar umb lîd ich scham.
- mir riet ez daz wîp mîn.
- herr, lâ dînen zorn sîn,
- wan ich bin, lieber herre mîn,
- betrogen von der rede dîn.
- 975
- herr, bî diner hulde
- jâ hân ich niht vil schulde.
- mir riet ez Evâ mîn wîp.
- ze riuwen müez ir ir lîp
- werden an dirre stunt.
- 980
- diu unsæld wart mir von ir kunt.’
[Bearbeiten] Evas Fluch [981-1038]
- Dô sprach got hinz Evâ:
- ‘war umb hâst dû verrâten sâ
- dînen man und dînen lîp?
- zwâr dû bist ein armez wîp,
- 985
- daz dû verriet dînen man.
- dû hâst vil übel getân.
- wâ von ist ez zem êrsten komen,
- daz dû daz obz hâst genomen,
- dâ mîn gebot an lac?
- 990
- dar umb dû mangen leiden tac
- muost lîden, grôzen smerzen
- an lîb und an herzen,
- wan dir verfluochet müez sîn
- ûf dem ertrîche mîn:
- 995
- Adam dîn herr müez wesen.
- ân in sô mügest dû niht genesen.
- dû müezt ouch heizen sîn wîp.
- an maht, an kraft sî dir der lîp
- krenker dann er im sî:
- 1000
- elliu krancheit sî dir bî.
- der fluoch sî hiut dîn:
- undertân müezt dû im sîn.
- als er dich mit ruoten welle bern,
- sô mügest dich sîn niht erwern,
- 1005
- und alz daz von dir künftic sî,
- diu sîn des fluoches niht frî,
- daz einem ieslîchem man
- sîn wîp müez wesen undertân.
- daz hâst dû in verdienet zwâr.
- 1010
- si füeren in der engel schar.
- alliu wîp und alliu kint,
- diu her nâch dir künftic sint,
- diu müezen dîn engelten.
- si geniezent dîn vil selten.
- 1015
- noch tuon ich dir einen fluoch,
- den man her nâch an diu buoch
- schrîbet durch rehter klage nôt,
- wan von dem fluoch lît manic [wîp] tôt,
- diu wol nâch wunn hiet gelebt
- 1020
- und nâch freuden hiet gestrebt,
- ob dû daz obz hetest vermiten.
- diu werlt wær mit guoten siten
- gewesen in dem paradîs;
- nimmer wær si worden grîs,
- 1025
- wan ir wær gewesen wol.
- ir lîp wær aller freuden vol,
- wan alliu kleiniu kindelîn,
- diu geborn solden sîn,
- diu wærn geborn âne smerzen
- 1030
- an lîb und an herzen,
- daz muoter und ouch kindelîn
- dhein leit kund geschehen sîn
- von der geburt natouwer.
- nû müez si dir ein schouwer
- 1035
- werden und allen wîben.
- diu müezen vertrîben
- ir geburt mit jæmerlîchen siten,
- sît dû daz obz niht hâst vermiten.’
[Bearbeiten] Der Natter Fluch [1039-1074]
- Do sprach Evâ: ‘herre mîn,
- 1040
- dû solt mir genædic sîn.
- diu slang hât verrâten mich,
- herre got, daz klag ich
- dir und dîner gotheit,
- dâ von ich nû arbeit
- 1045
- lîd und vil grôz nôt,
- dâ von ich muoz ligen tôt.
- dâst von der slangen geschehen,
- daz muoz ich von wârheit jehen,
- sol ich von den genâden sin –
- 1050
- nein! vil lieber trehtîn.’
- dô sprach got der rîche
- vil gar zorniclîche:
- ‘diu nâter hab den fluoch,
- daz ir nieman enruoch,
- 1055
- und werd als eislîch getân,
- daz beidiu wîp unde man
- und allez daz ûf erde
- von wîben geborn werde,
- dem sol diu nâter sîn unwert.
- 1060
- beidiu mit kolben unde swert,
- mit steinen und mit stecken
- süllens die nâtern wecken
- alsô ungefuoge,
- daz si sîn hab genuoge,
- 1065
- und süllen ir ouch vâren
- immer bî irn jâren.
- si gie als ein kerz sleht
- ze allen zîten ûfgereht.
- ich wil ir einen fluoch geben,
- 1070
- daz si immer bî ir leben
- müg ûfgerihtes gên;
- si müez ûf irr brust stên
- umb ir bœse missetât,
- die ir lîp begangen hât.’
[Bearbeiten] Vertreibung aus dem Paradies [1075-1118]
- 1075
- Dar nâch sprach got der guote
- ûz vil frîem muote
- zuo dem engel Cherubin:
- ‘ginc zuo Adam hin,
- ginc zuo Even, nim daz swert
- 1080
- und trîp si ûz, des sint si wert.’
- dô gie der engel zehant,
- da er Adâmen und Even vant.
- er sprach: ‘Evâ, nim dînen man,
- ginc ûz, dû bist vertân.’
- 1085
- dô er daz wort vollengesprach,
- Adam den engel an sach.
- sîn varb sich verkêrte.
- sîn leit sich vast mêrte,
- wan im vil übel geschach,
- 1090
- dô der engel wider in sprach:
- ‘dû solt dich niht sûmen,
- daz pardîs solt dû rûmen.’
- dâ mit treip der engel wîs
- Adam [und Even] ûz dem paradîs.
- 1095
- er sprach: ‘Adam, unsælic man,
- dû solt niht lenger hie bestân,
- wan got hât dich verfluochet,
- daz er dîn niht enruochet.’
- dô er dô her ûz gie,
- 1100
- ein riuwe er in sîn herz vie,
- wan er ein zornige red vernam,
- dô er her ûz gegangen quam,
- wan Cherubin, der engel guot,
- sprach ûz frîem muot:
- 1105
- ‘dir enbiutet got und dînem wîb,
- daz ir verdienet mit dem lîb
- mit sweiz iuwer teglîch brôt,
- daz iu gê für des hungers nôt.
- der fluoch sî Even und Adam
- 1110
- und sîner afterkunft alsam.
- Adam, diu nôt, diu arbeit,
- diu all der werlt ist ûf geleit,
- daz ist daz dû, unsælic man,
- wær dînem wîb undertân
- 1115
- irr ræt und ir gebotes
- noch mêr danne gotes.
- dâ von bist dû von schulden
- von unsers herren hulden.’
[Bearbeiten] Adams und Evas Trauer [1119-1144]
- Daz buoch uns von im seit,
- 1120
- daz Adam vil tiuwer kleit
- und ouch sîn wîp Evâ,
- daz sölcher jâmer aldâ
- sit noch ê wart vernomen,
- wan si wârn nâhen komen
- 1125
- von irn sinnen sicherlîch,
- wan irr klag was niht gelîch.
- ez was ouch Evâ und Adam
- niht beliben âne scham
- wan siben wîl – daz ist wâr,
- 1130
- daz sag ich ân zwîfel gar –
- in dem paradîse –
- dâ von wârn si unwîse –,
- ê daz si ûz wurden getriben.
- niht lenger wârn si dâ beliben.
- 1135
- merk, ob daz niht wære
- ein kurz wîl ân swære,
- wan ein ieglich tac
- niht lenger wîl gehaben mac
- wan zwelf daz ist diu wârheit.
- 1140
- daz predigt man uns und seit.
- der zwelf wurden in siben ze wîz.
- dô rûmten si daz paradîs,
- Evâ und ouch Adam,
- mit jâmer und mit scham.
[Bearbeiten] Adams Klage [1145-1220]
- 1145
- Adam daz wort vil dicke sprach:
- ‘ôwê! des leiden ungemach,
- daz ich daz pardîs rûmen sol,
- dâ mir inn ist gewesen wol!
- ich hân dâ wunn sô vil verlân,
- 1150
- daz ich sîn niht gesagen kan.’
- dô gie Adam der guote
- mit trûrigem muote
- ûz dem paradîse
- vil drât und niht lîse,
- 1155
- wan in der engel jeit.
- den jâmer er vil dicke kleit.
- vil dick er hinder sich sach.
- ein wort er jæmerlîchen sprach:
- ‘ôwê! daz ich sô stæte
- 1160
- volget Even ræte!
- dâ von bin ich von schulden
- von unsers herren hulden.
- Evâ, waz hâst dû getân!
- süll wir nû blôz und nackent gân
- 1165
- und decken uns von schame nôt
- immer unz an unsern tôt?
- nû derret uns die hût der wint.
- sô wir nû beidiu gewinnen kint,
- ôwê! wie sol den geschehen?
- 1170
- vil jâmers müez wir an in sehen.’
- dâ mit gedâht Adam,
- wie er verdaht sîn scham.
- der schâf hiez er mit nœten
- ein michel teil tœten.
- 1175
- diu vel er an sich hienc.
- nû merket, wie er gienc!
- daz fleisch er an dene stunden
- warf sînen hunden.
- er sprach: ‘mîn freud ist al dâ hin,
- 1180
- wan ich vil gar ân sinne bin,
- und bin ouch worden gar unwîs,
- sît ich schiet von dem paradîs.
- ôwê der süezen voglîn sanc,
- da bî tûsent jâr niht wær lanc!
- 1185
- die wîl ich in dem pardîs lac,
- driu tûsent jâr was niht ein tac.
- ôwê der liehten bluomen schîn,
- vor den ez naht niht mac gesîn!
- wan die bluomen sint sô lieht,
- 1190
- daz dâ nieman vinster siht.
- da was ich mit aller freude bî,
- swie mir nû verfluochet sî.
- Evâ, daz hân ich von dir vlorn.
- des muoz ich lîden gotes zorn.
- 1195
- ôwê! daz got der rîch
- gegen mir wart zorniclîch,
- dô er dich mir ze wîbe
- gap! wê dînem lîbe!
- nû hab ein trûrigen muot,
- 1200
- sît dû niht freud hêtst für guot.
- ich muoz ouch trûren mit dir.
- got müez mich an dir rechen schier!
- mich hungert, des tet ez ê niht.
- ôwê der jæmerlîchen geschiht!
- 1205
- mich dürstet nû, des was ich frî.
- jâ wæn ich mir verteilet sî.
- ich hab nû niht, daz ich mich lab.
- mîn hût ist swerzer dann ein rab
- und dicker dann ein rinderhût.
- 1210
- daz hân ich von mîner brût.
- got hêt uns bêden êr gegeben,
- dâ begund si wider streben. –
- nû lîd mit mir die arbeit,
- di dû uns beiden hâst bereit.
- 1215
- doch kan ich niht vergezzen,
- well wir für hunger ezzen,
- sô müez wir arbeiten
- und uns dar zuo bereiten.’
- dô sprach Evâ: ‘Adam, nû sprich,
- 1220
- swaz dû wil, daz tuon ich.’
[Bearbeiten] Adam und Eva gehen arbeiten [1221-1250]
- Si giengen arbeiten beide
- in holz und in heide,
- daz in beiden tet vil wê.
- si ruoften beidiu dick ‘ôwê!
- 1225
- vil werdez paradîse!
- wie sanft und wie lîse
- wir dar inn sîn gewesen!
- des müez wir beid nû entwesen.’
- dô sprach ez her Adam:
- 1230
- ‘disiu arbeit und diu scham
- und dar zuo alle smerzen
- an lîb und ouch an herzen,
- daz kom von dînem râte.
- dîn klagen ist ze spâte
- 1235
- und ouch daz mîn besunder.
- doch klag ich ein wunder,
- daz diu afterkunft mîn
- an disem obz sol schuldic sîn,
- und klag ouch daz obz gemeit,
- 1240
- daz uns vil dick was bereit.
- swann ich des einn apfel truoc,
- sô hêt ich aller hant genuoc.
- ir geloubet endiclîche,
- daz ûf dem ertrîche
- 1245
- der wunn kan niht gelîch sîn,
- sô diu kleinen voglîn
- singent in dem paradîs,
- der stimm ist klein, lût und lîs.
- die freud muoz ich alle lân,
- 1250
- wan mir sîn got niht engan.’
[Bearbeiten] Eva wird Mutter [1251-1272]
- Do gedâht Adam und Evâ,
- wie si sich ernerten dâ,
- wan si gewunnen kint genuoc,
- diu Evâ alliu ein truoc,
- 1255
- zwên und drîzic sün guot
- und als manic tohter wol gemuot.
- do Adam diu kint all an sach,
- wider sîn wîp er dô sprach:
- ‘wir süln die werlt niht lân zergân.’
- 1260
- alsô sprach froun Even man:
- ‘diu kint süll wir zesamen kêrn,
- daz sich diu werlt müg gemêrn,
- und daz si kint zesamen bringen,
- diu nâch gotes hulde ringen
- 1265
- baz dann wir haben getân.
- diu werlt sol niht zergân.’
- der red wart frou Evâ frô.
- diu kint kômen zesamen dô
- und gewunnen kint genuoc,
- 1270
- der ieslîchz sîn muoter truoc.
- dô wart diu werlt gemêrt,
- als si ir vater lêrt.
[Bearbeiten] Adams und Abels Opfer [1273-1312]
- Diu êrsten kint diu Evâ truoc,
- diu wârn in beiden liep genuoc.
- 1275
- daz wurden zwên degen hêr.
- des lobten si got vil sêr.
- ir namen wurden dô bekant.
- der ein wart Abel genant.
- der ander der hiez Cain,
- 1280
- der selb hêt vil bœsen sin.
- eins tages Adam gedâht,
- daz er ze himel brâht
- ein opfer daz got zæme
- und ouch für wird næme.
- 1285
- ein kalp er verbrant.
- den rouch er ze himel sant.
- daz tet er got ze êrn
- und begund daz ouch lêrn
- sîniu kint, den selben sin,
- 1290
- Abel und ouch Cain,
- daz si got opfern solden
- schôn als si wolden.
- er sprach: ‘ein opfer sendet got!
- ir sült ouch leisten sîn gebot
- 1295
- baz dann wir getân hab,
- und gestêt des nimmer ab,
- und volget ouch niht stæte
- iuwer wîbe ræte,
- als ich ê selb hân getân.
- 1300
- daz ich daz pardîs hân verlân,
- daz geschach von mînem wîb.
- wê geschech irem lîb!’
- diu kint lernten den sin,
- Abel und ouch Cain.
- 1305
- do brâht Abel al eine
- ein opfer, daz was reine.
- ein lamp er dô verbrant,
- gegen himel er ez sant.
- er sprach: ‘herr, reiner got,
- 1310
- ditz ist dîn opfer und dîn gebot.
- besich, herr, wie ez dir gevall.
- ich nam daz best in mînem stall.’
[Bearbeiten] Abel und Kain [1313-1354]
- Dar nâch kom Cain gegân:
- ‘herr, mîn opfer daz sich an.’
- 1315
- zehant brant er einen schoup.
- der rouch vast gên himel stoup.
- daz was Abeln swær,
- daz er sînem schepfær
- ein sölich opfer hêt verbrant
- 1320
- und ez ze himel hêt gesant,
- und daz er daz an sach.
- wider Cain er dô sprach:
- ‘Cain, lieber bruoder mîn,
- dîn opfer solt wol bezzer sîn.’
- 1325
- des antwurt im Cain zehant dô,
- wan er der red was unfrô,
- [er sprach:] ‘Abel, dîn gespotheit,
- diu wirt dir ûf mîn triuwe leit,
- wan sol ich dhein wîl leben,
- 1330
- dîn hût muost dû dar umb geben.’
- dô sprach aber gotes kneht:
- ‘dû tuost mir wærlîch unreht,
- wan ichz in triuwen hân getân.
- dâ von solt dû den zorn lân.’
- 1335
- Cain hêt untriuwen vil.
- er sprach: ‘den zorn ich lâzen wil,
- den ich, bruoder, gegen dir hân.
- wol dan! wir süllen ze velde gân.’
- dô sprach Abel: ‘bruoder mîn,
- 1340
- swâ dû wil, dâ wil ich sîn.
- dû bist mir liep von herzen.
- ich wünsch dir freud, niht smerzen.’
- dâ mit giengens beide
- ûf ein schœne heide.
- 1345
- vil lieplîch Abel mit im gie.
- Cain einen kolben gevie
- und sluoc den bruoder an den nac,
- daz er an der erden lac.
- alsô daz mort dô geschach,
- 1350
- wider sich selben er dô sprach:
- ‘den spot den dû mir hâst getân,
- wie wol ich dir den vergolten hân!
- du gespotest nimmer mêr mîn.
- ich wil vrî vor dir sîn.’
[Bearbeiten] Kains Fluch [1355-1374]
- 1355
- Dô west got der rîche
- daz mort sicherlîche.
- er sprach: ‘sag dû mir, Cain,
- wâ ist dîn bruoder Abel hin?’
- Cain antwurt dô,
- 1360
- wan er was trûric und unfrô,
- er sprach: ‘vil lieber herre mîn,
- sîn hüeter mac ich niht gesîn.’
- daz was ein stimm diu daz sprach
- und wider Cain verjach –
- 1365
- ûz den wolken sprach si her,
- des erkom Cain vil sêr –,
- si sprach: ‘waz hâst dû getân?
- dîns bruoder bluot rüeft mich an.
- war umb hâst dû in erslagen?
- 1370
- sîn sünd muost dû für in tragen.
- der fluoch müez werden dîn
- ûf dem erdrîch mîn.’
- Cain wart ân mâzen leid
- bî der stimm ûf der heid.
[Bearbeiten] Erfindungen von Adams Kinder [1375-1398]
- 1375
- Die bêd wârn diu êrsten kint,
- diu von Evâ geborn sint.
- ez was unbillîch genuoc,
- daz ein bruoder den andern sluoc.
- diu andern kint besunder
- 1380
- diu funden michel wunder:
- weben, smiden, mangen list,
- der mangen liuten frömd ist,
- zimmern unde buochstaben,
- als wir si noch von in haben,
- 1385
- frömdes listes vil und gnuoc.
- si bouten daz daz ertrîch truoc
- in wald, in veld, in wert,
- daz sich diu werlt dâ von ernert.
- vil mangen list man dâ vant.
- 1390
- ir erb gie über alliu lant.
- dô Cain sînen bruoder sluoc,
- den doch ir beider muoter truoc,
- dô was Abeln gezalt,
- er wær zwei und drîzic jâr alt,
- 1395
- dô daz vil bitter mort geschach
- in einem tal, daz er got sach.
- daz tal was Damascus genant,
- dâ man Abeln tôten vant.
[Bearbeiten] Henoch [1399-1428]
- Ez hêt ouch Evâ und Adam
- 1400
- einen sun alsô lobesam.
- Enoch sô was er genant,
- dem lieben got wol bekant,
- wan er was ein heilic man,
- als ich von im gelesen hân.
- 1405
- got selb gap im den wîstuom,
- daz er was bider und frum,
- wan er lebt nach gotes lêr,
- des gewan er frum und êr.
- got tet im die wîsheit bekant,
- 1410
- daz er die êrsten buochstaben vant,
- wan in diu wîsheit dar zuo truoc,
- daz er selb schreip buoch genuoc.
- dar nâch über manic jâr
- enpfalch im got offenbâr,
- 1415
- wan er was gegen got wîs, –
- daz er im daz paradîs
- enpfalch und dar în liez,
- da er sînen vater ûz stiez
- und sîn muoter Evam,
- 1420
- si beidiu mit vil grôzer scham.
- da besaz er mit guotem sinn
- und ist ouch noch dâ inn.
- ich sag ouch daz ân allen wân,
- Enochs alter ich geschriben hân:
- 1425
- driu hundert und sehs und sehzic jâr –
- also hân ich gesagt sîn alter gar –,
- diu Enoch lebt mit schœner wîs,
- ê er kom in daz paradîs.
[Bearbeiten] Noema und die Tuchindustrie [1429-1484]
- Adam der hêt ein tohter guot,
- 1430
- diu was biderb und wol gemuot.
- Neoma sô was si genant.
- ir tugent zieret alliu lant.
- si was ouch frum an frümecheit,
- wan alliu bôsheit was ir leit.
- 1435
- ab den schâfen schar si woll –
- des wart ein michel knoll –
- unde vant den list zehant,
- als ich ez geschriben vant:
- diu selb frou zeisot unde span,
- 1440
- unz si ein wullîn tuoch gewan.
- den list vant diu frouwe guot.
- des wart der vater wol gemuot.
- dannoch vant si einen list,
- der mangen liuten nütz ist:
- 1445
- weben si ze dem êrsten vant
- und macht die gespunst zehant
- ze tuoch, als ir wol zam.
- si sprach: ‘vater mîn Adam,
- ich bin dir ie gewesen trût,
- 1450
- des wil ich, vater, dir din hût
- hüllen unde decken,
- wan si sol dir niht blecken.
- nim daz tuoch daz ich hie hân,
- dû solt niht lenger blôz gân.’
- 1455
- durch daz tuoch si im ein loch sneit.
- niht anders wart der roc bereit.
- dheinen gêrn man dar inn vant
- noch dheinen ermel man da erkant,
- wan ez was dannoch ân swær
- 1460
- in der werlt dhein snîdær.
- daz wort Adam dicke sprach,
- dô er den roc an sach:
- ‘nû lôn dir unser trehtîn!
- tohter, ich wil dir holt sîn
- 1465
- mit vil ganzen triuwen.
- ez sol dich niht geriuwen
- diu gâb di ich von dir hân.
- dû hâst vil wol an mir getân.’
- diu tohter zuo dem vater sprach:
- 1470
- ‘noch hân ich einen ungemach,
- daz ich den roc sich offen stân,
- den ich dir selb gegeben hân,
- ze den beiden sîten sîn.
- daz gêt mir an das herze mîn.
- 1475
- des hân ich funden einen list,
- jâ wæn ich er dir guot ist.’
- si gie dâ si ir spindel vant
- und spîlt im zuo den roc zehant.
- daz dûht in ein sæligiu vart,
- 1480
- daz sîn roc dô ganz wart.
- den list man dannoch niht vant
- daz man di arm unz ûf di hant
- daht mit dem selben tuoch.
- er hêt ouch dannoch dheinen schuoch.
[Bearbeiten] Noema verspricht mehr [1485-1516]
- 1485
- Dô unser vater her Adam
- den êrsten roc an sich genam,
- gên der tohter er dô sprach:
- ‘dû hâst mir mîn ungemach,
- tohter, ein michel teil benomen,
- 1490
- sît dû mir ze staten bist komen,
- daz ich sol decken mîn scham.’
- alsô sprach her Adam:
- ‘sich, liebiu tohter, dise wat,
- wie reht wol si mir an stat!
- 1495
- daz hân ich von den triuwen dîn.
- sô dû sælic müezest sîn,
- swenn ez dir selb liep sî,
- sô sî dir alliu freude bî!’
- dô diu tohter dô gehôrt
- 1500
- des vater getriuwez wort,
- si sprach: ‘vater, gehab dich wol!
- ich gib dir, als ich tuon sol,
- ein guot tuoch von woll.
- des muoz sîn eins guot knoll.
- 1505
- daz schir ich ab den schâfen.
- ich wil dester minner slâfen
- und wil ouch niht erwinden,
- ich geb dînen kinden
- und ouch dir selb guotiu kleit,
- 1510
- des bin ich dir wærlîch bereit.’
- dô sprach Adam der guot:
- ‘got hab dich in sîner huot,
- und dar zuo diu kint mîn,
- din süllen dir dienent sîn.
- 1515
- got durch sîn güete
- dîr sêl und lîp behüete.’
[Bearbeiten] Jobel baut das erste Haus [1517-1526]
- Adames sun der fünfte vant –
- Jobel sô was er genant –,
- daz er im und sînem wîb
- 1520
- bouwet mit sînem lîb
- ein schœn hûs, des muoz ich jehen,
- wan vor nie dheinz wart gesehen.
- des wurden sîn bruoder vrô,
- daz er den list hêt funden dô.
- 1525
- des wurden sî wol ze muot
- unde lobten got den guot.’
[Bearbeiten] Kain baut die erste Stadt [1527-1538]
- Cain, Adames êrstez kint,
- der vant list die frömde sint,
- wan er bowet die êrsten stat
- 1530
- vil gar ân alle missetât.
- diu wart von im Enos genant,
- wan er den list alrêrst vant
- und herr in der stat wart,
- daz er die bürgtor verspart,
- 1535
- wan alle [die] di dar inn wârn,
- die muosten sînes willen vârn,
- beidiu wîp unde man:
- diu wârn im alle undertân.
[Bearbeiten] Erfindung der Musik [1539-1548]
- Der sehst sun, Adames kint,
- 1540
- der vant list die frömd sint:
- musicam die vant er,
- der selb degen alsô hêr.
- diu ist ein kunst alsô guot,
- daz si der pfafheit frum tuot,
- 1545
- wan die begeben liute
- schribent an die hiute,
- wan si den dôn nâch singent,
- di nâch gotes hulden ringent.
[Bearbeiten] Tubalkain wird der erste Schmied [1549-1562]
- Der sibent sun hêt starken sin,
- 1550
- der was genant Tubalcain.
- daz sag ich für die wârheit,
- er vant ein kunst, dâ von man seit
- immer, wan si frömd ist.
- ez was zwâr ein nützer list.
- 1555
- smiden er ze dem êrsten vant,
- als ez hiut ist bekant.
- daz dûht ein michel wunder,
- daz er die kunst besunder
- hêt funden, diu sô nütz ist.
- 1560
- daz dûht die liut ein starker list.
- daz wizzet sunder wân:
- des listes niemen enbern kan.
[Bearbeiten] Vorsintflutlliche Riesen [1563-1568]
- Daz buoch tuot uns bekant,
- daz man zen zîten liute vant,
- 1565
- als uns diu korônik seit,
- die wârn unmâzen breit
- und wâren drîzic dûmellen lanc.
- si hêten engstlîchen ganc.
[Bearbeiten] Adams Krankheit [1569-1596]
- Dô Adam wart gezalt,
- 1570
- er wær niun hundert jâr alt
- und ouch drîzic jâr dar zuo,
- dô wart er kranc spât und fruo.
- dô wolt im an gesigen der tôt,
- wan in der krancheit gie nôt.
- 1575
- er sprach zuo sînem sun: ‘ginc her!
- sun, dû weist niht wes ich ger.
- nû lâ mich dir enpfolhen sîn
- und tuo daz durch den willen mîn –
- gedenk, daz ich dîn vater bin –
- 1580
- und ginc zuo dem pardîs hin.
- dâ vindest dû den engel sitzen.
- zuo dem sprich mit witzen:
- iu enbiutet, lieber herre mîn,
- mîn vater den gebresten sîn,
- 1585
- daz er vil krancheit an im hât
- an einer ieslîchen stat.
- an sînem lîb über al
- rüert in sîn krancheit âne zal.
- sîn lîp ist jæmerlîch gestalt
- 1590
- und ist ouch ân mâzen alt.
- er bitet iuch, lieber herre, sêr,
- daz ir ez tuot durch iuwer êr,
- daz ir im sendt ein apfel rôt –
- sô læt in frî noch der tôt –
- 1595
- ûz dem paradîse,
- sô wirt er kreftic und wîse.’
[Bearbeiten] Seths Reise; Adams Tod [1597-1658]
- Dô der sun erhôrt
- des vater kleglîchiu wort,
- dô gie er vil drât,
- 1600
- als in sîn vater bat,
- zuo dem paradîse.
- dâ vant er den engel wîse,
- als im sîn vater hêt geseit.
- daz was diu ganz wârheit.
- 1605
- zuo dem engel er dô gie.
- der engel in vil schôn enpfie.
- ‘genâd, herr,’ sprach der man,
- ‘ûf genâd bin ich her gegân.
- mîn vater hât mich her gesant,
- 1610
- Adam sô ist er genant.
- er bitet iuch, lieber herre mîn,
- daz ir iu lât geklaget sîn,
- daz er vil krancheit an im hât.
- sin leben kumberlîchen stât.
- 1615
- des bitet er iuch flîziclîchen
- durch got den vil rîchen,
- daz ir im sendt der epfel einen –
- und nimmer mêr dheinen –,
- der fruht ûz dem paradîs,
- 1620
- sô wirt er kreftic und wîs,’
- dô sprach der engel guot
- ûz vil frîem muot:
- ‘gesell, lâ dir niht wesen leit.
- ich wil dir sagen die wârheit:
- 1625
- zuo wiu ist im der apfel rôt?
- so du zuo im kumst sô ist er tôt.’
- dô er erhôrt die wârheit,
- die im der engel hêt geseit,
- dô gâht er heim balde
- 1630
- in holz und in walde,
- unz er kom heim mit grôzer nôt.
- dâ vant er sînen vater tôt,
- als im der engel hêt geseit.
- daz was diu ganz wârheit.
- 1635
- als er den vater tôten vant,
- sînen lîchnam er zehant
- nam und bestatet in an der stat,
- reht als in sîn wille bat,
- in einem tal daz er dô vant,
- 1640
- daz was Calvarie genant.
- dô er dâ in der erde lac
- beidiu naht unde tac,
- dô wart er ûz gegraben sider
- und wart vil schôn bestatet wider,
- 1645
- wan ouch sîn gebeine
- wart allez gemeine
- gefüeret in Ebrôn
- und wart ouch dâ bestatet schôn,
- wan ez gotes wille was,
- 1650
- als ich an dem buoche las,
- wan von dem selben ertrîch
- hêt in got vil sicherlîch
- gemacht mit sîn selbes hant,
- der vil süez heilant.
- 1655
- zuo dem selben ertrîch
- muost er werden sicherlîch
- und muost ouch ân alle wende
- erbeiten der urstende.
[Bearbeiten] Adam wartet in der Hölle [1659-1670]
- Ich wil iu bescheiden:
- 1660
- Adam was ein heiden.
- sin sêl muost lîden scham
- umb sîn ungehôrsam,
- wan si ze hell muost varn –
- dâ maht si sich nicht vor bewarn –
- 1665
- und muost dâ sîn fünf tûsent jâr.
- nû hân ich iu gesaget gar
- von Adames sêl und von dem lîb
- und ouch von sînem wîb.
- diu muost ouch lîden die selb nôt
- 1670
- zwâr nâch ir beider tôt.
.
