Wahrnehmung von Frauen - Elisabeth Hellmich - 2001
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| · Wissenschaftliche Arbeit · Diplomarbeit · Geschichte · Sozialgeschichte · Gender Studies · Wirtschaftsgeschichte · Frauengeschichte | |||||||||||||
Volltext
- DIE LÖSCHUNG DER SPUR IST SELBST DIE SPUR
- EINE DEKONSTRUKTION DER UNSICHTBARKEIT VON FRAUEN
- D I P L O M A R B E I T
- zur Erlangung des Grades einer Magistra
- der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
- (Maga rer. soc. oec.)
- an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften
- der Universität Wien
- eingereicht von
- Elisabeth Hellmich geb. Oberascher
- betreut von
- Prof. Dr. Gerburg Treusch-Dieter
- Wien, November 2001
1. Einleitung
Diese Arbeit steht im Kontext der Soziologie der Geschlechterdifferenz. Das Thema hat sich aus der Beobachtung entwickelt, daß innerhalb eines patriarchalischen Systems Frauen in Vergangenheit und Gegenwart in vielen Bereichen als abwesend erscheinen. Trotz ihrer faktischen Anwesenheit, und obwohl sie die Hälfte der Gesellschaft ausmachen, wirken Frauen in zahlreichen gesellschaftlich relevanten Zusammenhängen wie unsichtbar oder sind zumindest marginalisiert.
Ich frage nach den Mechanismen, durch welche diese Unsichtbarkeit hergestellt wird, und nach Strategien, mit deren Hilfe die tatsächliche Anwesenheit von Frauen aufgezeigt werden kann. Das geschieht exemplarisch an einigen ausgewählten Diskursen. Diese Diskurse bilden das symbolische System der (westlichen, patriarchalen) Gesellschaft und Kultur bzw. hängen eng mit ihm zusammen. Es handelt sich um das tradierte System von Zeichen und Bedeutungen, welches sich im (kollektiven) Unbewußten und in der Sprache ausdrückt und ebenso in Bildern und Mythen aufgehoben ist. Dichtung, d.h. Texte mit Bezug zu diesem Deutungsrahmen, steht ebenfalls im Kontext des symbolischen Systems. Seine Wirkung zeigt sich aber auch in den Prozessen von Tradierung und Kanonbildung.
Mit meiner Auswahl spare ich weitaus mehr Bereiche aus, als ich im Rahmen dieser Arbeit behandeln kann. Nicht berücksichtigt werden beispielsweise die Position von Frauen in Technik und Naturwissenschaft, in Wirtschaft und Politik, im Bildungssystem und in den Medien. In diesen Kontext gehört nicht zuletzt auch die Unsichtbarkeit der von Frauen (großteils unbezahlt) geleisteten Arbeit, vor allem im Bereich der Reproduktion. Auch damit setze ich mich hier nicht auseinander.
Als Ausgangspunkt wähle ich zwei literarische Werke, und zwar "Der Fall Franza" von Ingeborg Bachmann und "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer. Die zentralen Motive dieser Texte und ihre dichterische Vielschichtigkeit bieten eine Leitlinie für die gesamte Arbeit. Diese führt zunächst zur Auseinandersetzung mit Feministischer Theorie sowie zum Aufgreifen dekonstruierender Ansätze. Die literarischen Texte zeigen ihre Relevanz auch bei der Untersuchung der oben erwähnten, ausgesuchten Diskurse unter feministischem Vorzeichen. Schließlich geben sie Anlaß zu der Frage, welche Bedeutung das Heranziehen nichtwissenschaftlicher Literatur im Kontext soziologischer Arbeiten haben kann.
2. Ausgangsüberlegungen
2.1 Persönliche Positionierung
Meinen Überlegungen in dieser Arbeit liegt ein feministisch geleitetes Erkenntnis-Interesse zugrunde. Eine solche feministische Positionierung verstehe ich (in Anlehnung an Rohde-Dachser 1997,56) wie folgt:
- Meine Position ist feministisch, insofern sie gesellschaftliche Phänomene prinzipiell unter der Perspektive der Geschlechterverhältnisse betrachtet und die Geschlechterdifferenz auch dort ausdrücklich thematisiert, wo es sich nach offizieller Sprachregelung um (scheinbar) geschlechtsneutrale Bereiche handelt.
- Meine Position ist feministisch, weil ich sie aufgrund persönlicher Erfahrung aus einer bewußt frauenzentrierten Sicht einnehme.
- Meine Position ist feministisch, weil sie die Konstruktion der Geschlechterverhältnisse in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen, beispielsweise in der Sprache, in Wissenschaft und Literatur, ideologiekritisch durchleuchtet, d.h. auf offenen und latenten Androzentrismus und/oder Sexismus hin untersucht.
Diese Ausgangsposition wird ergänzt durch eine intensive, nicht-akademische Beschäftigung mit Literatur, insbesondere Gegenwartsliteratur von Frauen.
2.2 Fragestellungen
- Mein Hauptthema ist die Frage nach Anwesenheit oder Abwesenheit von Frauen in der (westlichen Gegenwarts-) Gesellschaft und deren Traditionsbildung. Insbesondere bezieht sich diese Suche auf das Symbolsystem unserer Kultur, also vor allem auf die Sprache sowie auf literarische Produktionen.
- Daran schließt sich die Überlegung, unter welchen Voraussetzungen die Anwesenheit von Frauen aufgezeigt werden kann in Zusammenhängen, die sie als abwesend, als unsichtbar erscheinen lassen.
- Die Frage nach der Bedeutung von (nicht wissenschaftlichen) literarischen Werken als thematischer Ausgangspunkt für eine soziologische Untersuchung ist das dritte Thema dieser Arbeit.
2.3 Vorannahmen
- Ich gehe davon aus, daß die Untersuchung von zwei literarischen Werken, nämlich "Der Fall Franza" von Ingeborg Bachmann und "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer, mir mit den zentralen Metaphern der "gelöschten Spur" bzw. des "getilgten Flecks" eine Art Leitmotiv für die Spurensuche an die Hand gibt. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken kann den Blick schärfen für andere Spuren, die ebenfalls auf Löschungen oder Tilgungen zurückgehen.
- Ich gehe davon aus, daß es eines theoretischen Hintergrundes und eines analytischen Handwerkszeugs bedarf, um das Gelöschte, Getilgte, auf welchen Gebieten immer, (wieder) sichtbar zu machen.
- Ich gehe davon aus, daß das Einbeziehen von Dichtung in eine soziologische Fragestellung eine zusätzliche Qualität und Dimension der Auseinandersetzung sowie der Erkenntnismöglichkeiten mit sich bringt. Dazu ein Zitat von Ingeborg Bachmann: "Denn die Tatsachen, die die Welt ausmachen - sie brauchen das Nichttatsächliche, um von ihm aus erkannt zu werden." (Werke 3,346)
3. Franza und Anna: Opfer und (Mit-)Täterinnen
3.1 Ingeborg Bachmann (1926-1973): Der Fall Franza
Dieses Romanfragment (Werke 3,341 ff) ist einer der drei Teile von Ingeborg Bachmanns unvollendet gebliebenem Zyklus "Todesarten".
1966 waren das erste und das dritte Kapitel abgeschlossen, die Autorin hat sie damals im Rahmen einer Hörfunkaufnahme gelesen. Erstmals schriftlich veröffentlicht wurde der Text posthum, 1978. Der Entwurf einer Vorrede stimmt nur z.T. mit der Einführung zu der Lesung überein.
Die Seitenangaben beziehen sich auf den Abdruck in Werke 3 (1978) 1993.
Der Inhalt
Franza ist die dritte Ehefrau des angesehenen Wiener Psychoanalytikers Jordan. Bei der Heirat mit ihrem bewunderten Professor hat sie nicht nur ihren Namen aufgegeben, sondern ebenso ihre Identität und die Eigenständigkeit ihres Denkens: "Ich hing mich mit meinen halbwüchsigen Gedanken, mit meinem Überschwang, an seine Gedankenleitungen ..." (Werke 3,400) Ihr Medizinstudium hat sie abgebrochen, fortan ist sie Mitarbeiterin ihres Mannes bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, insbesondere bei der Arbeit an einem Buch.
Schließlich soll dieses Buch erscheinen. "... der Umbruch war gekommen, (...), und da sah ich, daß bei dem Dank an die Mitarbeiter, an Riedl und Prohaska und Emmi mein Name fehlte, es war nicht eigentlich das Fehlen des Namens, das ich bedauerte, nein, es war das Signal für etwas anderes. Er wollte mich auslöschen, mein Name sollte verschwinden, damit ich danach wirklich verschwunden sein konnte. ... so war es doch alles gewesen, was ich je sichtbar getan hatte, wofür ich außer für ihn gearbeitet hatte." (410f) Franza bringt Jordan die Blätter. "Ich ... sagte, ohne mir etwas anmerken zu lassen, du mußt einiges überprüfen, übrigens auch das Vorwort." Jordan erklärt nach Durchsicht der Unterlagen, alles wäre in Ordnung. "... dann ging mir auf, was seine Strategie war." (...) "... und dann wußte ich, daß es mir nie gelingen würde, ihn zu stellen, ihm etwas zu sagen, Prosit, sagte er, das waren harte Zeiten. Ich hob mein Glas und dann wußte ich, daß er genau wußte, er wußte, was in mir vorging, und er genoß es." (411)
Was Franza bisher mehr erahnt als erkannt hatte: sie war von ihrem Mann zu seinem "Fall" gemacht und dabei physisch und psychisch ausgebeutet und zerstört worden. Aufzeichnungen, von Jordan vermutlich mit Absicht offen deponiert, hatten darauf hingewiesen. "Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen ... Er bearbeitete mich, er bereitete mich vor, seinen Fall. Und eines Tages war es dann so weit, ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat." (405) "... ich fiel auf den Sessel zurück und dachte, ich sterbe ... und lag auf dem Teppich. Damals fing er an, mir Tabletten zu geben." "Was hätte ich sagen können. Mein Mann ... ermordet mich. Ich werde ermordet, helft mir ... Ich hatte keine Beweise, ich war ... ausgeliefert." (406f)
Franzas Bruder Martin Ranner kommt auf Grund eines telegraphischen Hilferufs nach Wien, findet seine Schwester jedoch nicht. Aus einem Sanatorium ist sie verschwunden, von Jordan wird Martin kurz abgefertigt. In der Jordanschen Wohnung findet er "das, was er auch nicht gesucht hatte. Es lagen ein paar Blätter da, von ihr beschrieben, nein, Briefanfänge ..." (353) Da versteht Martin, wo er Franza suchen muß: in jenem Kärntner Dorf an der Gail, wo sie beide ihre Kindheit verbracht haben, und wohin Jordan nie Zutritt erlangt hat. Dort erwartet ihn Franza. Und von dort aus begleitet sie ihn, gegen seinen Willen, auf einer Reise nach Ägypten.
Franza besitzt bereits einen neuen Paß auf ihren Geburtsnamen Ranner; der Name Jordan, dieses "Zeichen", ist gewissermaßen getilgt. Und doch begleitet er sie. Auf der Reise wird Franza nach und nach klar, was ihr geschehen ist. Die volle Erkenntnis gewinnt sie in dem Maß, wie sie die "Gedankenleitung" zu Jordan durchtrennt, wie sie sich von den in seinem Haus herrschenden Lebens- und Denkweisen entfernt, wie sie aus seiner Ordnung von Bedeutungszuschreibungen ausbricht und seine Vorstellungen in ihrem Kopf zerbricht.
Im Tal der Könige besichtigen Franza und ihr Bruder den Tempel der Königin Hatschepsut, "von der jedes Zeichen getilgt war auf den Wänden, durchgehend die Zerstörung, aber keine durch Plünderer und keine durch Archäologen, sondern ... nach ihrem Tod, (von) dem dritten Tuthmosis. Siehst du, sagt sie, aber er hat vergessen, daß an der Stelle, wo er sie getilgt hat, doch sie stehen geblieben ist. Sie ist abzulesen, weil da nichts ist, wo sie sein soll." (436) "Sie lernte die Zeichen leicht lesen. Nie war eine Geschichte, von der sie nichts gewußt hatte, leichter zu erlernen gewesen, hier stand ja alles, keine Botschaft, aber eine Geschichte." (435) " ... sie sagte nur: Er hat sie nicht zerstören können. Für sie hier war das nicht Stein und nicht Geschichte, sondern, als wäre kein Tag vergangen, etwas, das sie beschäftigte." (437)
Zunächst sieht es so aus, als würde sich Franza in der neuen Umgebung erholen. Doch ihre Zerstörung ist schon zu weit fortgeschritten. Immer wieder erleidet sie schwere Anfälle mit Erstickungsgefahr und Bewußtlosigkeit - von Jordan seinerzeit als "Gehabe" bezeichnet.
In Kairo sucht Franza - zunächst ohne bestimmte Absicht - einen Arzt auf, von dem ihr gesagt wurde, daß er "Deutscher" und "nicht zugelassen" sei. Sie erkennt ihn als Wiener und als ehemaligen Mitarbeiter ihres Mannes bei einem Buch über "Versuche an weiblichen Häftlingen. Über die Spätschäden." Sie konfrontiert ihn mit ihrem Wissen: "Sie waren in Dachau und ... in ... Hartheim. Es ist mir heute wieder eingefallen." (455f) Bei einem zweiten Besuch verlangt sie von ihm Beihilfe zum Selbstmord. Sie wünscht sich "ausgemerzt" zu werden. "Ich will, daß Sie es wieder machen. (...) Und geben Sie mir eine Spritze." (462) Der Arzt schickt sie fort, am nächsten Tag ist er verschwunden. "Jemand hatte Furcht vor ihr gehabt ..." (...) "Jordan hat sich nie vor mir gefürchtet. Er war so sicher, daß ich es niemandem sage, daß ich eher krepiere. Auch zuletzt nicht." (464)
Franza umrundet allein eine Pyramide. Auf dem Weg kommt ihr ein Weißer entgegen. Er schlägt sie leicht mit einem Stock, während er sich selbst befriedigt. Dann kehrt er zurück, vergewaltigt sie und stößt ihren Kopf gegen den Stein. In dieser Szene wiederholen sich Erlebnisse mit Jordan. Franza schlägt schließlich selbst ihren Kopf auf den Stein. (465 ff) Sie wird ohnmächtig gefunden, kommt nochmals zu Bewußtsein, stirbt jedoch dann an ihrer Kopfverletzung. Ihre letzten Worte: "Alle Vorstellungen zerbrochen. Die Weißen. Mein Kopf. Die Weißen, sie sollen. Sie sollen verflucht sein. Er soll." (469)
3.2 Marlen Haushofer (1920-1970): Wir töten Stella
Diese Novelle ist 1958 erstmals erschienen und wurde 1985 neuerlich veröffentlicht. Die Seitenangaben beziehen sich im folgenden auf den Band "Wir töten Stella und andere Erzählungen" in der dtv-Ausgabe (1990) 1995.
Der Inhalt
An einem Wochenende im Frühling reflektiert die Ich-Erzählerin Anna, eine (Haus-)Frau in mittleren Jahren, die Ereignisse der letzten Monate, welche ihre Situation und die ihrer Familie für immer verändert haben. Sie hat dafür zwei Tage Zeit, während ihr Mann Richard mit den Kindern Wolfgang und Annette fortgefahren ist.
"... ich will ja über Stella schreiben und über die Art, wie wir sie umgebracht haben." (71)
"Warum hat mich nichts gewarnt an jenem Septemberabend, als Stella zu uns kam? Warum schlug ich Luise ihre Bitte nicht einfach ab? Es paßte mir doch gar nicht, daß ich dieses fremde junge Mädchen bei uns aufnehmen sollte, und auch Richard war nicht erbaut von diesem Gedanken. Er gab seine Zustimmung nur mir zuliebe, und weil Stellas Aufenthalt ja nur zehn Monate dauern sollte." (61,62) Luise, die sich als Annas Freundin bezeichnet, obwohl diese sie "gar nie gemocht" hat, bittet um Aufnahme ihrer Tochter Stella, damit diese nach der Matura einen "Handelskurs" absolvieren kann. Anna ist jedoch klar, daß "ihre Mutter sie einfach nicht brauchen konnte neben ihren Freundinnen, Hunden und Liebhabern ..." (63) Stella, "dieses große, schöne, ein wenig zu kräftig gebaute Mädchen", ist in Annas Familie ein Fremdkörper. "Eigentlich sah sie aus wie eine Frau, die zufällig noch ein Kind ist. Und so still sie war, man konnte sie nicht übersehen. In den abscheulichen braunen Kleidern ... sah sie unvorteilhaft genug aus, aber man konnte sie einfach nicht übersehen." (65)
"Plötzlich kam mir ein Einfall. Wie, wenn ich Stella beibrächte, sich anzuziehen?" Anna läßt dem Mädchen einige helle Kleider nähen. "Die Verwandlung war vollkommen. Stella stand vor dem Spiegel und sah sich zum erstenmal selbst. 'Du bist schön, Stella', sagte ich ..." Damit wird die Katastrophe eingeleitet. "An diesem Abend merkte Richard noch nicht, daß eine neue Stella ihm gegenübersaß." (70) Doch dann sieht Anna "zum erstenmal jenen wachen, abschätzenden Ausdruck in Richards Augen, mit dem er die Frauen zu verfolgen pflegt." (72) Der Mann beginnt ein Verhältnis mit dem Mädchen. "Ich wußte, daß ich ihn zu Rede stellen mußte." (84) Doch: "Ich haßte und fürchtete Auftritte mit Richard. (...) Er ist so klug wie der Teufel, und ich habe Angst. (...) Natürlich wußte ich, daß das eine schäbige Überlegung war." (85) Anna ist klar, daß hier "ein junger und hilfloser Mensch ruiniert wurde um eines Vergnügens willen, das jedes Straßenmädchen Richard hätte bieten können." (85) Über Richard macht sie sich keine Illusionen: Er ist "ein Ungeheuer: fürsorglicher Familienvater, geschätzter Anwalt, leidenschaftlicher Liebhaber, Verräter, Lügner und Mörder." (68)
"Während Stella, unfähig, ihr einziges großes Gefühl zu verbergen, unaufhaltsam in ihr Unglück glitt und Richard uns mit seiner glatten Bonhomie zu täuschen versuchte, bemühte ich mich, nichts zu sehen und zu hören." (57) Dann ändert sich die Situation. Richard "war im Begriff, ein Liebesverhältnis zu liquidieren..." (89) Anna sieht das Leiden von Stella. "Ich konnte die Demütigungen ahnen, die sie schon hinter sich hatte und die ihr noch bevorstanden. Und hundertmal überlegte ich, ob ich zu ihr sprechen sollte oder nicht." (90) Sie tut es nicht, fragt nicht aus Angst vor dem, was sie hören würde. "Ich wünschte nicht, die Wand zu durchbrechen, die mich von diesem Schmerz noch trennte." (91)
Anna weiß auch, daß das Mädchen von Richard zu einer Abtreibung veranlaßt worden war. Doch: "Stella war nicht mein Kind. Es war ihr auch nicht zu helfen. Nichts, was ich tat, konnte ihr noch helfen." (93) Für Richard "war Stella gar nicht mehr vorhanden. Er hatte alles geregelt, was zu regeln war, und ging seiner Wege ..." (94)
Stella besucht wie immer am Vormittag die Schule, "und am Nachmittag lag sie auf ihrem Bett und starrte auf die Wand."(94) Anna ist sehr beschäftigt, da die Fenster der Wohnung neu gestrichen werden. Die ungeliebte Arbeit ist für sie eine willkommene Ablenkung. Sie kann nicht verhindern, daß die kleine Annette "mit breiten weißen Streifen auf ihrem grünen Samtröckchen daherkam ..." "Mit Flecken ist das überhaupt eine merkwürdige Sache. Zutiefst mißtraue ich den Frauen, die vorgeben, Flecken wegputzen zu können. (...) Unsere Kleider ... wandern alle in die Reinigung, von wo ich sie zwar sauber, aber in durchsichtige Fähnchen verwandelt zurückbekomme." (93f)
An einem Montagmorgen kommt ein Anruf aus der Unfallklinik. Stella ist in einen Lastwagen gelaufen. Anna erfährt im Spital, daß das Mädchen an den Folgen der Verletzungen gestorben ist. "Ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet, überzeugt von der Gründlichkeit ihrer Unternehmungen." (96). Anna nimmt keinen Moment lang an, daß Stellas Tod ein Unfall war. "Wir haben Ursache zur Dankbarkeit. Wie peinlich wäre es gewesen, hätte sie Schlafpulver genommen oder sich aus einem Fenster gestürzt." (60)
"Stella war tot, und große Erleichterung überfiel mich. (...) ... ich konnte zurückkehren in mein altes Leben mit Wolfgang, dem Garten und der guten täglichen Ordnung."(97) Doch diese Rückkehr gelingt nicht. Wolfgang, der fünfzehnjährige Sohn, mit dem Anna (anders als mit Annette) eine intensive Beziehung verbindet, hat alles genau beobachtet. Er war nun "ein fremder erbitterter Mann, völlig erwachsen, kalt und ohne Erbarmen." (97) Er teilt Anna mit, daß er sich für das nächste Schuljahr in einem Internat angemeldet hat. (99) "Er ging zur Tür hinaus, und ich blieb, für alle Zeiten, allein zurück." (100)
Um Wolfgangs willen - um ihn aus allem herauszuhalten - hat Anna genau das getan, was sie nicht hätte tun dürfen: nämlich nichts. (57) "Der Gedanke überfiel mich, meine Koffer zu packen und mit Wolfgang zu verreisen. Ich könnte in einer anderen Stadt zwei Zimmer mieten, für mich und die Kinder, und noch einmal von vorne anfangen.
Aber ich wußte natürlich, daß es unmöglich war." (100)
"Ja, ich weiß, wie alles gekommen ist. Ich wickelte die Spule verkehrt ab und sehe, es hat so kommen müssen. (...) Und nichts fürchte ich mehr als den Tag, an dem ich vergessen werde, daß alles einmal anders war." (101)
4. Franza und Anna: Die gelöschte Spur und der getilgte Fleck
4.1 Der Fall Franza: Die gelöschte Spur
Wenn Franza auf ihrer Ägyptenreise im Tempel der Königin Hatschepsut hinter der Zerstörung das Zerstörte wahrnimmt: Woher kommt ihre Fähigkeit, dieses Zeichen zu lesen? "Nie war eine Geschichte, von der sie nichts gewußt hatte, leichter zu erlernen gewesen, hier stand ja alles, keine Botschaft, aber eine Geschichte." (435)
Franza kann die Löschung der Spur als Spur entziffern, weil der entscheidende Bruch in ihrem Leben eine Parallele dazu aufweist. Als sie im Vorwort des Buches, an dem sie mit ihrem Mann gearbeitet hat, beim Dank an die Mitarbeiter das Fehlen ihres Namens bemerkt, weiß sie: "Er wollte mich auslöschen, mein Name sollte verschwinden, damit ich danach wirklich verschwunden sein konnte." (410) Die Leerstelle bringt sie auf die Spur, ist selber die Spur, die Franza zu den Ungeheuerlichkeiten führt, die mit ihr schon geschehen sind und noch geschehen sollen. Und von daher ist sie prädestiniert dafür, auch jene Spur zu erkennen, welche durch das Zerstören des Bildnisses von Hatschepsut auf das Zerstörte verweist. Beide Male liegt dem Erkennen freilich ein Wissen zugrunde: Das Wissen, am Buch von Jordan maßgeblich mitgearbeitet zu haben - und das Wissen, daß es diese ägyptische Königin gegeben hatte, daß ein Tempel nach ihr benannt war, ohne daß ein Bild, eine Statue von ihr zu finden waren - nur Spuren der Auslöschung.
Der Prozeß der (psychischen und/oder physischen) Auslöschung, die Franzas Mann an ihr begonnen hatte, wird ihr während der Reise erst nach und nach im vollen Ausmaß klar. Die Fähigkeit zur Lektüre, zur Entzifferung geht also nicht gewissermaßen natürlich aus ihrer subjektiven Betroffenheit hervor. Sie entsteht erst durch einen Bruch mit jenen Vorstellungen, die sie vorher mit ihrer gesamten (männlich bestimmten, d.h. patriarchalen) Umgebung geteilt hatte. Daß Jordan dennoch sein Ziel erreicht, weil Franzas Zerstörung schon zu weit fortgeschritten war, die entscheidenden Erkenntnisse zu spät gekommen sind, macht die Tragik ihrer Geschichte aus.
4.2 Wir töten Stella: Der getilgte Fleck
"Für einen Herzschlag lang bin ich verwandelt in das kleine Mädchen, in einer Welt der süßen heiteren Wärme, an der Hand eines allmächtigen und gütigen Vaters." (101)
Doch: "Das kleine Mädchen von damals war tot, erwürgt und verscharrt von großen, geschickten Händen." (84)
"Einmal war alles gut und in Ordnung, und dann hat jemand die Fäden verwirrt. Ich kann den Anfang nicht mehr finden, und das Gespinst unter meinen Händen verwirrt sich von Tag zu Tag mehr, es wächst und wuchert, und eines Tages wird es mich begraben und ersticken." (100)
Was ist diesem Mädchen geschehen? Einen ersten Hinweis liefert das Motiv des jungen Vogels im Garten, vor dem Fenster, der offenbar aus dem Nest gefallen ist. Anna nimmt sein ständig leiser werdendes Geschrei während ihres Nachdenkens und Erinnerns immer wieder quälend wahr, bis es schließlich verstummt.
Kriegserinnerungen und Träume geben weitere Deutungs-Möglichkeiten. Im Traum schleppt Anna noch immer Wolfgang als "kleines Bündel" in "finsteren Kellern durch den Staub und Brandgeruch einstürzender Häuser." (87) Und kurz vor Stellas Tod: "In dieser Nacht träumte ich, ich sei in einem Keller verschüttet. Eine riesige Last verkohlter Mauern lag auf mir und erdrückte mich langsam." (93)
Es sind sehr verstreute Hinweise, die sich im Laufe der Erzählung verdichten und auf die Parallelen zwischen der Geschichte Stellas und jener von Anna verweisen: "Stella, dieser dummen jungen Person, ist gleich der erste Ausbruchsversuch geglückt. Es wäre mir viel lieber, ich könnte mit ihr tauschen und müßte nicht hier sitzen und ihre jämmerliche Geschichte schreiben, die auch meine jämmerliche Geschichte ist. Viel lieber wäre ich tot wie sie und müßte den kleinen Vogel nicht mehr schreien hören." (56)
Das, was Anna vor Jahren geschehen ist, hat sie "in einem reduzierten Zustand zurückgelassen." (...) Seither glaubt sie "es nicht ertragen zu können, daß, unfaßbar für mein Hirn und Herz, Gut und Böse eins sind." Sie fürchtet, "im nächsten Augenblick werde etwas auf mich zuspringen und die unsichtbare Wand zerschlagen." (67) Oft hat Anna "das Gefühl, etwas Grauenhaftes sei meiner zerbrechlichen Glaswand so nahe gekommen, daß ich seinen Atem und Gestank fühlen konnte." (83)
Und auch von Stellas Schmerz trennt die Erzählerin eine Wand, die sie jedoch nicht durchbrechen will. (91)
Das Bild der (gläsernen) Wand korrespondiert mit einer zweiten wichtigen Metapher, welche für die Fragestellung dieser Arbeit von zentraler Bedeutung ist. Es sind die Flecken auf Kleidern. Sie werden entfernt, sind dann nicht mehr sichtbar - doch dort, wo sie waren, ist der Stoff durchsichtig geworden. (94) Flecken, die getilgt wurden, hinterlassen Spuren, die auf das Getilgte, auf das nicht mehr Sichtbare, hinweisen. Die Tilgung ist die Spur.
Gelöscht werden auch alle Spuren von Stella. Sehr rasch erinnert in ihrem Zimmer nichts mehr an sie. Und bald nach dem Begräbnis ist es für Anna "manchmal für Stunden, als wäre Stella nie in unser Haus gekommen." Sie möchte vergessen, doch es gelingt ihr nicht. (98) Die bald nicht mehr sichtbaren Spuren von Stella, ihre Auslöschung durch die Realität des Todes, ist jene Spur, die Anna in ihre eigene Vergangenheit zurückführt, zu dem, was ihr damals geschehen ist. "... und das Wissen überfällt mich als ein Schlag gegen die Brust."(99) Und dieses "Grauen und das Wissen um die Wahrheit, die man nicht wissen sollte, sind eingefügt in die Ordnung des Alltags." (68)
"Ich falle und falle, und niemand wird mich auffangen. (...) Stella, ... um wieviel endgültiger bin ich tot als du!" (72) Der kleine, aus dem Nest gefallene, von der Mutter nicht gefundene Vogel: Das ist Anna ebenso wie Stella.
Die Deutung dessen, was Anna in ihrer Vergangenheit zugestoßen ist, verweist auf die Verbindung von Sexualität, Macht und Gewalt. Inzestuös getönt sind sowohl die Beziehung zwischen Anna und ihrem Sohn Wolfgang als auch die Vorliebe von Luise - Stellas Mutter - für wesentlich jüngere Männer. Annas Erinnerung an einen "allmächtigen gütigen Vater" (101), verbunden mit der an "große, geschickte Hände", die das Mädchen "erwürgt und verscharrt" haben (84), bekräftigt diese Interpretation. Und das Verhalten von Richard gegenüber der "Pflegetochter" gehört in denselben Kontext.
4.3 Die Indizien
Das Gespinst, das sich unter Annas Händen von Tag zu Tag mehr verwirrt (100,) ist ein gutes Bild dafür, wie schwierig sich in diesem Text von Haushofer die Suche nach der gelöschten Spur gestaltet. Die Erzählung aus der Ich-Perspektive erlaubt und verlangt ein vielschichtiges Assoziieren, ein Hin- und Herpendeln der Gedanken zwischen vielen Ebenen. Beim Lesen, und vor allem bei der Suche nach den entscheidenden Löschungen und deren Spuren, ergibt sich immer wieder die Frage, an welchem der vielen Fäden in diesem Gespinst wohl die wesentlichen Hinweise hängen. An welchem ist jeweils zu ziehen, damit in dem durchsichtigen Gewebe deutlich wird, von welcher Art die Flecken waren, die weggeputzt, getilgt, ausgelöscht worden sind? Zahlreiche Indizien müssen immer wieder neu aufgeschlüsselt und zusammengelesen werden, damit sich das Bild dessen ergibt, was hinter der Wand (die nur fallweise durchsichtig ist) geschehen ist. Letztlich entsteht ein schlüssiges Bild, zusammengefügt aus vielen Einzelteilen, also eher ein Mosaik. Es bleiben unscharfe Ränder, Überlagerungen, auch leere Stellen und damit die Möglichkeit von kaum entscheidend anderen, jedoch zusätzlichen Deutungen.
Die auktoriale Erzähl-Position des Bachmann-Textes macht das Zusammenlesen der einzelnen Elemente, das Entdecken und Sichern der gelöschten Spuren wesentlich einfacher. Das bedeutet nicht, daß die Indizien immer eindeutig sind, nur eine einzige Interpretation nahelegen. Auch hier bleiben manche Andeutungen und Verflechtungen, die nur teilweise entschlüsselt werden können. Das bezieht sich vor allem auf die Themen Kolonialisierung und Faschismus. Bachmann verwendet diese Begriffe ausdrücklich als Metaphern für das patriarchale Geschlechterverhältnis. (z.B. Werke 3,413, Bachmann 1991,144) Sie haben aber auch abgelöst von der Zentralfigur eine eigenständige Bedeutung. Das wird im Rahmen dieser Arbeit nicht aufgegriffen.
Kaum einmal verweist der ganz im Privat-Milieu einer Familie angesiedelte Haushofer-Text auf größere gesellschaftliche oder auch geschichtliche Zusammenhänge - zumindest an der Oberfläche, an der Vorderseite. Für das Lesen des verborgenen, verschlüsselten Hinter- oder Untergrundes muß das Wissen um patriarchale Machtverhältnisse vorhanden sein. Der Bachmann-Text ist auch in dieser Hinsicht leichter zugänglich. Miteinander geben die beiden Texte jedenfalls ein gutes Bild von der Struktur privater wie gesellschaftlicher Verhältnisse unter patriarchalen Vorzeichen. Der scheinbar abgeschirmte Binnenraum von Annas Familie bildet gewissermaßen die Basis dessen ab, was sich in Franzas Verbindung von Ehe- und Arbeitsleben ereignet. Und der Schluß liegt nahe: die Schrecken sind überall gegenwärtig, gerade in ihren Löschungen und Tilgungen, die als Spuren zu lesen sind. Und als Parallele zu Bachmanns Hinweisen auf "Faschismus" drängt sich hier die Redensart von den "braunen Flecken" der Vergangenheit auf. Was kommt zum Vorschein, wenn sie weggeputzt, getilgt werden?
4.4 Wahrnehmen und Entziffern
Im "Fall Franza" führt ein Bruch, der bisherige Sicherheiten oder Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, zu einer grundlegenden Irritation und zu einem "Aha"-Erlebnis. Doch erst das darauffolgende Durchtrennen der "Gedankenleitungen" (400) zu Jordan, das Wahrnehmen und Reflektieren aus äußerer und innerer Distanz, lassen Franza die ganze Tragweite der ihr zugefügten Verluste und Schädigungen erkennen. So entsteht ein erstes Wissen darüber, daß eine (Aus-)Löschung geplant war bzw. schon stattgefunden hat. Dieses Wissen wird zu einer Sicherheit in der Konfrontation mit einer anderen Löschung, die außerhalb des subjektiven Bereiches wahrzunehmen ist. Beim Anblick der zerstörten Darstellung der Königin Hatschepsut verdichtet sich das Wissen dahingehend, daß eine Abwesenheit als Spur zu lesen ist, daß die Löschung selber die Spur ist.
In "Wir töten Stella" hat Anna das Wissen um Geschehenes lange Zeit hinter einer (zunächst noch undurchsichtigen) "Wand" deponieren können, obwohl sie unter den Auswirkungen der frühen Ereignisse gelitten hat. Erst die Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Stella, mit der Schuld der eigenen Mittäterschaft, und die Identifikation mit dem toten Mädchen lassen die Wand "gläsern" werden. Anna erkennt die Durchsichtigkeit, die Fadenscheinigkeit des "Vorhangs", der durch das Wegputzen der Flecken dünn geworden ist. Auch in diesem Fall bringt die Konfrontation mit einer anderen "Auslöschung", der eines lebendigen Menschen, das Wissen um die eigene Zerstörung in einer früheren Lebensphase wieder an die Oberfläche des Bewußtseins. Der Tod von Stella verweist Anna darauf, daß das kleine Mädchen, das sie einmal war, vor langem getötet, "erwürgt und verscharrt" worden ist. (84)
Beide Texte erlauben den Schluß, daß subjektives Betroffensein und Leiden allein noch nicht zur Erkenntnis der jeweils eigenen Situation führen. Offensichtlich ist das erst möglich, wenn eine Parallele auf einer anderen, außer-subjektiven oder symbolischen Ebene dazukommt. Dadurch ergibt sich zumindest ein Minimum an Distanz als Voraussetzung für jenes Wissen, mit dessen Hilfe die Spuren des Geschehens wahrgenommen und dessen Konsequenzen rekonstruiert werden können.
4.5 Distanz und Beurteilung
Im Kontext der feministischen Literaturgeschichts-Forschung befaßt sich Sigrid Weigel (1990) mit den oben angesprochenen Stufen des Erkenntnis-Prozesses. (Abschnitt 4.4) Als eine Art Parade-Beispiel verwendet sie "Der Fall Franza". Andrea Günter (1997) bezieht sich auf Weigel, wenn sie feststellt, daß "die Fähigkeit zur Entzifferung keine Frage des Wissens ist, sondern eine 'Begabung' von Frauen, weil die 'äußeren Spuren der Zerstörung (nicht nur) weiblicher Geschichte mit den in ihrem Inneren und an ihrem Leib eingeschriebenen Spuren der Verwüstung korrespondieren.'" (Günter 44, Weigel 252) Franzas subjektives Erleben, das es ihr ermöglicht, die Löschung als Spur zu lesen, ist allerdings nach Weigel "nichts Beliebiges, Zufällig-Individuelles ...., sondern sie ist der Effekt ihres eigenen Ortes 'inmitten der Zivilisation'..." (Weigel 253) Doch der nächste Schritt, jener Schritt zur "Erkenntnis durch Distanz und Beurteilung durch andere", kommt nur zustande als "immer wieder versuchter Bruch mit den herrschenden Vorstellungen". (Günter 45)
Solche "Brüche mit den herrschenden Vorstellungen" sind auch die Voraussetzung dafür, daß der feministischen Wissenschaftskritik im Rahmen unterschiedlicher Diskurse der entscheidende Schritt aus den patriarchalen Denkgeleisen gelingt. Im nächsten Abschnitt finden sich Beispiele dafür.
5. Der Blick aus der Distanz (Teil 1): Das Wissen
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen. Auf der Suche nach grundlegenden Zugängen zu einem fundierten Wissen über die "Blindflecken" der herrschenden Wissenschaft befrage ich die feministische Theorie. Diese meine Fragestellungen gehen aus von den "Löschungen" und "Tilgungen" in den beiden literarischen Werken, welche den Ausgangspunkt meiner Überlegungen bilden. Theoretisches Wissen ist nötig, um die durchgehende Unsichtbarkeit von Frauen im symbolischen System, um ihre angebliche "Kulturunfähigkeit" zu dekonstruieren.
5.1 Die Fragestellung
Unter welchen Bedingungen ist - ganz allgemein - ein Wissen darum möglich, daß etwas Wichtiges, etwas (nicht nur subjektiv) Bedeutsames verlorengegangen, ausgelöscht, unsichtbar gemacht worden ist? Die Analyse der beiden literarischen Texte von Bachmann und Haushofer hat erste Anhaltspunkte dafür ergeben. Diese werden an unterschiedlichen Ansätzen feministischer Wissenschaftstheorie konkretisiert.
5.2 Wege zum Wissen
Nicht nur persönliche Erkenntnis, auch wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen in einer Folge von Schritten, im Weitergehen von vielleicht zunächst noch vagen Vorstellungen zu klarerem (wenn auch wieder nur vorläufigem) Wissen. Dabei gibt es sicherlich ebenfalls manchmal so etwas wie erste Irritationen und darauffolgende "Aha-Erlebnisse". In einem solchen Prozeß werden oft Spuren von früherem Wissen, die eine Zeit lang untergegangen schienen, wieder aufgenommen. Ein anschauliches Beispiel für einen solchen Verlauf bietet Ludwik Fleck mit "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" (1935/1980). Dieses (lange vergessene, fast "ausgelöschte") Buch behandelt als Fallbeispiel die Geschichte der Erforschung der Ursache(n) von Syphilis bis hin zur Entdeckung von deren Erreger und der Etablierung der "Wassermann-Reaktion" als Testmethode.
5.2.1 Feministische Wissenschaftskritik
Die Herausbildung einer fundierten feministischen Wissenschaftskritik kann nicht unmittelbar parallel gesetzt werden zu jenen Erkenntnis-Schritten, welche an den beiden literarischen Texten aufgezeigt wurden. Und jene persönlichen "Betroffenheiten", welche Frauen, die aus einem feministischen Blickwinkel forschten, zu ihren ersten wissenschaftstheoretischen Fragen motiviert haben, sind in solchen Zusammenhängen nicht dokumentiert. Jeder Feminismus hat - nach Klinger (1990) - erkenntnistheoretisch gesehen seine Wurzeln in "empiristischen und rationalistischen bzw. positivistischen Grundannahmen".
Lt. Klinger haben sich allerdings die "emanzipatorischen Verheißungen der modernen Wissenschaft als enttäuschend für Frauen erwiesen." (22)
Klinger (1990) arbeitet zunächst "drei Stufen immanenter feministischer Wissenschaftskritik" heraus:
- Als erstes verweist diese Kritik auf die "eklatanten Verstöße gegen den Grundsatz des gleichberechtigten Zugangs ... zu rationalem Erkennen und wissenschaftlicher Tätigkeit." (22)
- Als nächstes wird der wissenschaftliche Androzentrismus aufgezeigt, "das Nichtvorkommen von Frauen, die fehlende oder zumindest mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber ihrem Dasein und ihren Lebensäußerungen." (23f)
- Von den durch "Androzentrismus verursachten, gewissermaßen indirekten Trübungen im wissenschaftlichen Bild" sind zu unterscheiden jene "direkten Verzerrungen, (...) die auf offenen Sexismus zurückzuführen sind." (24ff)
Diese drei Punkte sind innerhalb der traditionellen Prinzipien von Wissenschaftlichkeit herausgearbeitet worden. Doch dann erhoben sich Zweifel daran, ob die Ursachen für die von feministischen Theoretikerinnen wahrgenommenen Fehler "lediglich in der fehlenden oder mangelnden Anwendung und Umsetzung richtiger Prinzipien zu suchen sind." (28) Der Verdacht kam auf, die herrschenden wissenschaftlichen Prinzipien von Rationalität, Universalität und Objektivität könnten "nicht nur für bestimmte Herrschaftsinteressen sekundär mißbrauchbar, sondern a priori herrschaftlich konstituiert (sein) und in sich selbst einen Herrschaftsanspruch" enthalten. (28)
So wie andere Ansätze des "postmodernen Skeptizismus" zeigt in einem weiteren Schritt auch die feministische Kritik "die Herrschaftsstrukturen in den Prinzipien des modernen wissenschaftlichen Denkens" auf. Damit macht sie aufmerksam auf die "Herrschaftsgebundenheit von Denken, Erkennen und Wissen" (28f). Lt. Klinger (1990) bedeutet es eine grundlegende Änderung, "sobald wir nicht mehr nur androzentrische und sexistische Strukturen in den Wissenschaften entdecken, sondern die wissenschaftliche Rationalität als solche als maskulinistisch bzw. patriarchal kritisieren."(34)
Meiner Meinung nach vollzieht feministische Wissenschaftskritik mit diesem zweiten Schritt so etwas wie das "Durchtrennen der Gedankenleitungen", den Bruch mit patriarchalen Denkmustern, wie er im "Fall Franza" dargestellt wird.
Wenn also die bisher gültigen (und vorhandenen) "Kategorien des Denkens und Erkennens" männlich bzw. patriarchal konstituiert bzw. dominiert sind, dann muß "das Projekt einer grundlegenden Dekonstruktion dieser Kategorien bereits aus sich selbst heraus eine Affinität zum Gedanken der Weiblichkeit entwickeln als demjenigen, das sich seit jeher an dem Ort befindet, zu dem das Projekt der Dekonstruktion hingelangen möchte." (44)
Cornelia Klinger ist allerdings skeptisch bezüglich einer Reihe von poststrukturalistischen, dekonstruktivistischen Ansätzen und deren Thematisieren von "Weiblichkeit". Sie verweist dabei auch kurz auf Derrida.(44ff) Dieser letztgenannten Problematik gehe ich im Rahmen meiner Arbeit nicht weiter nach. Ich verfolge die oben zitierten Hinweise von Klinger, die mir wichtig erscheinen für weiterführende Überlegungen. (siehe Abschnitt 6)
Vorher greife ich noch einen speziellen Punkt feministischer Wissenschaftstheorie auf, nämlich die Frage nach dem Zusammenhang von Weiblichkeit und Kreativität, insbesondere im Hinblick auf künstlerisches Schaffen.
5.2.2 "Die Kunst und das Weibliche"
Unter der obigen Kapitel-Überschrift beschäftigt sich Herta Nagl-Docekal (1999/2000) mit der "These von der mangelnden Kulturfähigkeit' der Frau" und mit der Frage nach einer feministischen Ästhetik. Sie unternimmt es, eine Reihe von unterschiedlichen, "oft ineinander verschränkten Fragestellungen unter einer wissenschaftstheoretischen Perspektive zu entflechten."(69) Auch sie geht dabei stufenweise vor.
Am Beginn steht ein "ideen- und sozialgeschichtliches Hinterfragen" des gängigen Klischees, "Frauen ermangle es an künstlerischer Kreativität". Da diese Behauptung "als reine Tatsachenfeststellung präsentiert wird, kommt ihr normativer Charakter nicht in Sicht." (70)
Stufen dieser Auseinandersetzung sind
- das Wiederentdecken von Künstlerinnen der Vergangenheit sowie, damit verbunden,
- das Neuschreiben der "allgemeinen" Geschichte. (72)
- Wenn im weiteren die "Darstellung von Frauen respektive der Geschlechterverhältnisse in den Künsten" (damit auch in der Literatur) untersucht wird, so führt das zur Einsicht, daß auch "Kunst an der Geschlechterpolitik partizipiert", daß damit aber die Möglichkeit besteht, daß "dieses Potential auch in subversiver Absicht" verwendet werden kann. (72ff)
- Wenn im Bereich künstlerischer Kreativität für beide Geschlechter gleiche Chancen gefordert werden, so dürfen Frauen nicht auf Grund ihres Geschlechts auf bestimmte Themen, etwa auf die Auseinandersetzung mit der "gender"-Problematik, festgelegt werden. (74)
Darauf folgt die Auseinandersetzung mit der (immer wieder gestellten) Frage, ob nicht doch zwischen Frauen und Männern Differenzen bestehen, "die nicht auf historisch-kontingenten Bedingungen beruhen, sondern konstant sind". (75) Die Autorin greift in diesem Zusammenhang die Freudsche "These von der mangelnden Kulturfähigkeit der Frau" auf und stellt fest, daß die psychoanalytische Theorie eine solche Behauptung nicht wissenschaftlich begründen kann. Die Wirkungsgeschichte der (auch psychoanalytisch untermauerten) Polarisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit dauert allerdings bis heute an. Die Lösung liegt weder in Gleichheitspostulaten noch in einem "Geschlechteressentialismus", der nach dem "wahren Wesen" von Frau und Mann fragt. (90)
Keine brauchbare Lösung - hier vor allem hinsichtlich weiblichen Kunst- und Kulturschaffens - bietet lt. Nagl-Docekal auch die postfreudianische, feministische Weiterführung des psychoanalytischen Ansatzes durch Luce Irigaray bzw. Helène Cixous etwa im Sinne einer "Ecriture féminine" (95), ebensowenig wie "Die Revolution der poetischen Sprache" von Julia Kristeva. Das Resümee der Autorin lautet: "Wenn es zu den Hauptanliegen feministischer Kritik gehört, die traditionellen Geschlechterdichotomien zu hinterfragen, so setzt sich auch eine feministische Ästhetik, die sich auf Konzeptionen eines weiblichen Schreibens oder einer weiblichen Sprache stützen wollte, Kritik aus." (108) Notwendig scheint - mit einem Zitat von Cornelia Klinger - "eine feministische Ästhetik nach dem Abschied vom Konzept der Weiblichkeit." (108)
An diesem Punkt sehe ich wieder einen solchen entscheidenden Schritt heraus aus dem Fortschreiben der traditionellen Dualismen von Weiblichkeit und Männlichkeit.
Die Ausgangsfrage, nämlich ob es überhaupt so etwas wie eine feministische Ästhetik gibt bzw. geben soll, wird von Nagl-Docekal auch in diesem Sinne beantwortet. Sie hält es streng genommen für unzulässig, von einer "feministischen" Ästhetik zu sprechen. Das bedeute jedoch nicht die Annahme, Kunst habe mit politischen Zielsetzungen nichts zu tun. (122) Aus feministischer Perspektive ergibt sich daher die Frage: "Welche Implikationen hat ... die von Kunst initiierte veränderte Sichtweise für das Verhältnis der Geschlechter?" (122f) Feministische Ästhetik darf also nicht "im Sinne einer Theorie 'feministischer Kunst'" gedeutet werden. Zu wünschen ist eine "ästhetische Theoriebildung, die von der Hypothek maskuliner Denkmuster befreit ist, - und daher auch den Raum freigibt für eine Kunst mit feministischem Potential." (123)
Sowohl Klinger als auch Nagl-Docekal zeigen deutlich auf, daß für feministische Theoriebildung der Bruch mit den immer noch und unter verschiedenen Vorzeichen weitertradierten Geschlechter-Dichotomien die wesentliche und unabdingbare Voraussetzung bildet. Nur so kommt die nötige Distanz zustande für das "Lesen gegen den Strich", für das Unternehmen der Dekonstruktion, deren Resultat nicht eine Destruktion, sondern eine neue Sicht sein soll.
6.Der Blick aus der Distanz (Teil 2):
Theorie und Empirie der Untersuchung
Ich benötige nicht nur wissenschaftstheoretisches Wissen, sondern auch solches über taugliche Untersuchungansätze. Mit ihrer Hilfe können die Wahrnehmungen von Franza und Anna weiter- und übergeführt werden zu wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen.
6.1 Die Fragestellung
Wie kann ein auf der Basis theoretischer Ansätze gewonnenes grundsätzliches Wissen dahingehend erweitert werden, daß die systematische Suche nach dem Gelöschten möglich wird? Welche (theoretischen und empirischen) Instrumente sind notwendig, welche gibt es, um die Anwesenheit von Frauen aufzuzeigen in Zusammenhängen, in denen sie scheinbar abwesend sind?
Bei der Behandlung dieser zweiten Ausgangsfrage führt mich die Auseinandersetzung mit einschlägiger Literatur unweigerlich zur Idee des Dekonstruktivismus als einem brauchbaren theoretischen Ansatzpunkt.
6.2 Exkurs: Dekonstruktion und Alltagsbewußtsein
Bevor ich im Rahmen meiner Überlegungen das "Projekt einer grundlegenden Dekonstruktion" (Klinger, s.o.) weiterverfolge, frage ich mich selber, wo so etwas wie "dekonstruktivistisches Denken" beginnen könnte. Und ich stelle fest, daß ich bereits seit Jahren "dekonstruktivistisch" denke, nämlich seit mich die Beschäftigung mit feministischer Wissenschaftskritik mißtrauisch und hellhörig gemacht hat. Wenn Frauen einmal beginnen, die patriarchalen "Gedankenleitungen" abzuschneiden, kann es also auch so etwas wie "Dekonstruktivismus im (allerdings feministisch orientierten) Alltag" geben, insbesondere im Umgang mit der Sprache und bei der Lektüre, welcher Texte auch immer, von den Massenmedien bis zur sog. "Hochkultur". (siehe Sabine Collmer 1995,255)
6.3 Dekonstruktivismus - Theorie und/oder Methode?
"Postmodernes Wissen" verlangt nach neuen theoretischen und praktischen Ansätzen. "Als Methode wird mit der Dekonstruktion (geprägt durch Jaques Derrida) gearbeitet: In Diskursanalysen ist die totalisierende Sprache und Logik jeder Art von Text (...) freizulegen. Entblößt und sichtbar gemacht wird dadurch, vor allem von Feministinnen, die phallische Erzählstruktur." (Barbara Ossege 1997,186)
Wie vielschichtig der Begriff des Dekonstruktivismus jedoch verstanden und verwendet wird, zeigt sich in der Ansicht, daß darunter gerade nicht eine Methode verstanden werden soll.
Peter Engelmann (1990) beruft sich auf Derrida, wenn er ausführt, daß "Dekonstruktion gerade keine allgemeine Methode sein" soll, "sie ist vielmehr ein bewegliches, sich jeweiligen Kontexten anpassendes Lesen (Handeln), das auf diese Weise eine Alternative zum totalisierenden Zugriff allgemeingültiger Methoden entwickeln will." (27) Derrida geht von einem erweiterten Textbegriff aus. "Das, was ich also Text nenne, ist alles, praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. (...) Eine Spur ist weder eine Anwesenheit noch eine Abwesenheit." (Derrida nach Engelmann 20f)
Engelmann zitiert nochmals Derrida, wonach "Dekonstruktionen immer eine große Aufmerksamkeit für den Kontext voraussetzen, für alle Kontexte, für die geschichtlichen, wissenschaftlichen, soziologischen usw. Entsprechend den Kontexten kann man dann die Regeln der Dekonstruktion gewinnen, relative Regeln ..." (24f) Und weiter Engelmann: "Anders als die herrschende hermeneutische Praxis meint Derrida, daß jeder Text in einem Kontext steht, das heißt, er ist vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, (...), die ihn zu einem vielschichtigen Gebilde machen." (31)
Ich verstehe diese Erläuterungen so, daß es bei der Dekonstruktion um eine bestimmte Art von Denkbewegung geht, um eine besondere Aufmerksamkeit, um das Finden des adäquaten Blickwinkels beim Lesen eines Textes. Entsprechend dem jeweiligen Kontext muß das praktische dekonstruierende Vorgehen in jedem Einzelfall erst entwickelt werden. Damit ist offenbar eine ebenso anspruchsvolle wie vielfältig einsetzbare Möglichkeit aufgezeigt, wie Texte, wie Diskurse auf neue Weise gelesen und verstanden werden können.
Engelmann beschließt seine Einführung mit dem Hinweis, daß Derrida "... für eine 'Lektüre' der Welt (plädiert), die das Ausgegrenzte wieder ans Licht bringt." (31) Eine solche neue "Lektüre der Welt" ist das gemeinsame Ziel von fallweise sehr unterschiedlichen feministischen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftssoziologischen Ansätzen und Arbeiten.
6.4 Feminismus und Dekonstruktivismus
In ihrem Aufsatz mit dem Titel "Das feministische Bündnis mit der Dekonstruktion" setzt sich auch Drucilla Cornell (1991/1992) mit Derrida auseinander, und zwar mit seiner dekonstruierenden Lektüre Lacans. Und ebenso wie Cornelia Klinger in bezug auf "poststrukturalistische, dekonstruktivistische” AutorenInnen (s.o) stellt auch Cornell fest, daß Derrida "innerhalb der Problematik der festgelegten geschlechtlichen Oppositionen schreibt, sich nicht selbst daraus einfach ent-fernen kann." (288) Um "das Unaussprechbare zu sprechen, dem Imaginären eine Stimme zu verleihen", hält sie aber das "Bündnis des Feminismus mit der sogenannten 'Avantgarde' in der Literatur" dennoch für eine Notwendigkeit. (302f) Worin der Wert des dekonstruktiven Ansatzes besteht, drückt sie u.a. so aus: "Derridas 'unauslöschliche Spur des Utopismus' zeigt uns, warum Feminismus anders möglich ist als im Bestreben, die Position des Männlichen innerhalb der Welt, wie sie ist, zu erreichen." (311) Denn "wir halten ständig Ausschau nach dem, was nicht gesehen und nicht imaginiert werden kann, einer Gesellschaft, in der menschliche Wesen nicht durch die hierarchische Struktur der geschlechtlichen Identität verkrüppelt werden." (309) Als zentralen Unterschied zu den Gedankengängen von Derrida bezeichnet Cornell ihre Überzeugung, daß "wir von innerhalb der sexuellen Differenz ausgehen müssen", um nicht "an der Ablehnung des Weiblichen" teilzuhaben. "Wir müssen in der gleichen Zeit, in der wir versuchen, aus der Geschlechterhierarchie auszubrechen, (...) eine Komplizenschaft mit den Mechanismen einer patriarchalen Gesellschaft vermeiden, die nicht anders kann, als den Wert des Weiblichen zu verleugnen." Denn: "Wir leben innerhalb eines Systems geschlechtlicher Repräsentation." (313)
In diesen Überlegungen zeigt sich eine starke Spannung zwischen dem Aufgreifen der Möglichkeiten des Dekonstruktivismus und einem Darüberhinausgehen bei dessen Anwendung auf feministische Fragestellungen. In welcher Weise Derridas Ansatz bei der Suche nach den "gelöschten Spuren" von Frauen verwendet werden kann, ist offensichtlich eine Frage des jeweiligen "Kontextes".
6.5 Jaques Derrida: Wie nicht sprechen
Um selber einen Eindruck von Derridas Umgang mit Texten zu gewinnen, habe ich die Niederschrift eines Vortrags mit dem Titel "Wie nicht sprechen. Verneinungen" ausgewählt, den der Autor 1987 in Jerusalem gehalten hat. Da es bei meiner Arbeit um das Auffinden von nicht Geschriebenem, nicht Gesagtem geht, kann es aufschlußreich sein, (auch) den Vorgang des Nicht-Sprechens näher zu betrachten.
Derridas Überlegungen haben einen sehr persönlichen Ausgangspunkt, nämlich seine Identität "als Jude, als Araber", über die er nie zu sprechen vermochte. Und er stellt die Frage: "Wie nicht sprechen von sich? Aber genauso auch: wie es tun, ohne sich durch den anderen erfinden zu lassen ...?" (6)
Noch bevor Derrida begann, den Vortrag vorzubereiten, wußte er, daß er "über die Spur zu sprechen wünschte ..." Vieles bleibt unausgesprochen in diesem Text, auch, um welche Spur (fallweise "différance" genannt) es sich handelt, handeln könnte. Während des gesamten "Vortrags" (in der Länge von rund 100 Seiten!) beschäftigt sich der Autor mit christlicher Mystik, mit christlicher "negativer Theologie", und immer wieder verweist er darauf, daß er die jüdische und arabische Mystik nicht berücksichtigt. Das könnte auf zumindest eine "Spur" verweisen. Es wäre eine Spur des Vermeidens, des Nicht-Aussprechens. Damit verbindet sich die Tatsache, daß er das Beispiel der sog. "negativen Theologie" wählt, obwohl er ausdrücklich nicht über Theologie spricht, und vor allem nicht als Theologe. Ebenso ausdrücklich stellt der Autor fest, daß negative Theologie und Dekonstruktivismus nicht verwechselt werden dürfen. (36) Sein Diskurs ist eindeutig ein philosophischer, mit dem Schwerpunkt auf (Sprach-)Logik, auf Rhetorik, auf "Grammatik" in einem übertragenen Sinn.
Wie also nicht sprechen über sich selbst, über die eigene Identität? Offensichtlich geschieht das, indem über anderes gesprochen wird, während die Ausgangsfrage jedoch als "Sub-Text" mitzubedenken ist.
Der Nicht-Theologe führt in diesem Vortrag (scheinbar) ein theologisches Gespräch, er setzt sich (außer mit Philosophen) mit Kirchenvätern und anderen theologischen Schriftstellern auseinander. Immer wieder kreisen die Überlegungen um Gott, um Seins-Weisen Gottes. Derrida zitiert u.a. Augustinus. Diesem zufolge ist "Gott weise ohne Weisheit, gut ohne Gutheit, gewaltig ohne Gewalt." (18) Hier habe ich einen ersten Anknüpfungspunkt gefunden für meine Gedanken bei der Suche nach der "Spur". Frauen sind in all den Zusammenhängen, die ich in den Kapiteln 7 bis 9 untersuchen werde, anwesend ohne Anwesenheit, aber auch abwesend ohne Abwesenheit. Dieses "ohne" verwandelt - nach Derrida - eine "rein phänomenale Negativität (...) in Bejahung - im selben Wort und in derselben Syntax. Es dekonstruiert ..." (19) Hier erwähnt Derrida wieder eine "Spur", die etwas "sagen will", "'etwas', das nichts wäre, ... nicht einmal mehr der Abwesenheit ... angehörte." Und weiters spricht der Autor in diesem Zusammenhang von einer "Bewegung der Wiederaneignung". (19) Und ob diese Bewegung möglich ist - diese Frage bleibt "im Herzen des Denkens der différance oder einer Schrift über die Schrift bestehen. Sie bleibt als Frage bestehen ..." (19f) An anderer Stelle wird als Synonym für "Dekonstruktion" das Denken der différance oder "der Schrift der Schrift" bezeichnet. (36)
Für wesentlich halte ich die wiederholten Hinweise, daß die zahlreichen paradoxen Feststellungen nicht als dialektische Aussagen gelesen werden dürfen, daß es also - nach meiner Interpretation - nicht um ein "sowohl - als auch" geht. Ich schließe daraus, daß etwa die Spannung zwischen Anwesenheit und gleichzeitiger Nicht-Anwesenheit (von Frauen) nicht aufhebbar ist, daß sie (im Denken) bestehen bleiben muß.
Es war nicht meine Absicht, mich im Rahmen meiner Arbeit auch nur mit diesem einen Text von Derrida ausführlich und grundlegend auseinanderzusetzen. Das wäre mir als Soziologin gar nicht möglich, da mir die nötigen Voraussetzungen auf den Gebieten der Philosophie und Theologie fehlen. Die Lektüre des Textes hat mir jedoch geholfen, etwas mehr in die Denkbewegungen des Dekonstruierens hineinzufinden. Und vielleicht nähere ich mich diesem Denken auch dadurch an, wenn ich versuche, den Text von Derrida "zu verstehen, ohne ihn zu verstehen".
6.6 Dekonstruktiver Feminismus
Mit diesem Begriff bin ich erstmals bei der Literatursuche für diese Arbeit in Berührung gekommen. Er bezeichnet ein Projekt, das zunächst in den USA und vor allem in Verbindung mit Literaturtheorien entwickelt worden ist. "Die Politik des Feminismus gewinnt durch die Dekonstruktion einen Ansatz, Instrumente der Analyse, Fähigkeiten zum anderen Lesen; das heißt vor allen Dingen die Möglichkeit, die herrschende Ordnung der Dinge, statt sie zu naturalisieren, zu unterminieren." (Vinken 1992, 22) Ich folge im weiteren den Ausführungen von Barbara Vinken und Bettine Menke, die sich in dem von Vinken herausgegebenen Band "Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika" finden. (Auch der unter 6.4 erwähnte Artikel von Drucilla Cornell stammt aus diesem Buch.)
Von der klassischen feministischen Theorie unterscheidet sich der dekonstruktive Feminismus ebenso wie von (anderen) poststrukturalistischen Ansätzen, etwa dem von Luce Irigaray. Die "blinden Flecken" des "traditionellen" Feminismus sollen gelesen, d.h. wahrgenommen, und thematisiert werden. Diese blinden Flecken sind stillschweigende Voraussetzungen darüber, von welchem "Ort" aus über "die Frau" gesprochen werden kann. Es ist die "Blindheit gegenüber dem Ort der eigenen Rede, der Stelle, von der aus die Theorie operiert." (Menke 1992,436f) Wesentlich ist dabei die Einsicht, daß auch dekonstruktives Lesen "in der Lektüre des blinden Flecks sich vor der Struktur der Blindheit selbst nicht rettet und nicht retten kann." (Menke 437) Offenbar geht es um ein radikales Wahrnehmen der eigenen Positionierung, der eigenen begrenzten Erkenntnismöglichkeiten, um ein fortwährendes Mitdenken dieser Begrenzung im Rahmen der dekonstruierenden Analyse.
"Jene feministische Theorie, die dekonstruktiv genannt wird, ist Lektüre der symbolischen Anordnungen, in denen die Geschlechteridentitäten sich konstituieren, und sie ist als Lektüre dieses Funktionierens ... dekonstruktiv; sie ist ein Re-Reading im doppelten Sinn des Wieder- und Gegenlesens dieser Konstruktion." (Menke 438) Dekonstruktives Lesen nimmt die "Widerstände gegen den kontrollierten und kontrollierenden Sinn" wahr. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf "die Spannung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was in den Texten, in der Sprache geschieht, zwischen dem, was ein Text 'predigt', 'was er beschreibt, darstellt oder aussagt', und dem, was er 'praktiziert'". (de Man nach Menke 438f)
Für eine Arbeit, die sich auf das symbolische System, auf Sprache und Literatur konzentriert, ist der Ansatz des dekonstruktiven Feminismus sehr wichtig. In ihm wird Literatur verstanden als "Sprache über Sprache"; Literatur wird bezeichnet als "Ort, an dem sich das negative Wissen von der Verläßlichkeit sprachlicher Äußerungen zeigt."(de Man nach Menke 438)
Dekonstruktiver Feminismus sieht "die Frage nach seinem Zusammenhang mit der Sprache gedoppelt; denn er ist nicht nur Lektüre, sondern als solche stellt sich auch die Frage nach dem Ort der Rede der feministischen Theorie", und zwar "nicht mehr thematisch, sondern rhetorisch." [1] (Menke 440)
Allerdings: "Der Ort, der zu suchen ist, ist keiner, sondern ein interner Abstand, eine Spannung der Sprache im Text ...: Der Text widerspricht ... in seinem Funktionieren sich selbst." (Menke 440)
Das, was Texte zu lesen geben, ist "die sexuelle Differenz, das heißt deren Produktion und deren Dekonstruktion." Und die Anordnungen von Männlichkeit und Weiblichkeit werden im Lesen als Gegen-Lesen lesbar; damit wird "erst das Weibliche lesbar". Lesen als Wi(e)der-Lesen "ist Lektüre von Weiblichkeit, wie das Weibliche seinen Ort erst in einem Gegenlesen hat." (Menke 447) "Die dekonstruktive Lektüre ist einerseits die der sexuellen Differenz und anderseits gleichzeitig die der Intervention der sexuellen Differenz in der Lektüre selbst." (Menke 448f) "Vorgänge des Verdrängens, Verschweigens und Verdeckens der weiblichen Differenz und ihrer Verdrängung" (Menke 448) können so aufgedeckt werden.
"Im Blickfeld der traditionellen Literaturwissenschaft ist die Frau abwesend, verschwindet die Frau, weil und insofern die Literaturwissenschaft in ihrem repräsentationslogischen Modell (...) blind demgegenüber bleibt, was der Text über sich selbst sagt, nämlich gegenüber der Selbstdifferenz des Textes." (Menke 450) "Eine dekonstruktive Lektüre zeigt in den Texten, wo und inwiefern sie etwas ausplaudern können und müssen, was sie nicht sagen wollen, und kann insofern feministisch sein ..." (Menke 451) In diesem Sinn will ich den Ansatz des dekonstruktiven Feminismus bei meinen weiteren Überlegungen verwenden bzw. ihn einfließen lassen. Er ist ein besonders radikales Beispiel für das "Abschneiden der Gedankenleitungen" zum patriarchal bestimmten Diskurs.
6.7 Feministische Dekonstruktion und Psychoanalyse
Cornelia Klinger (1986/1990) schreibt - zunächst bezogen auf den philosophischen Diskurs - von "Erkundungsexpeditionen auf einem neuentdeckten Kontinent", welche allerdings erst begonnen haben. Auch sie zeigt sehr anschaulich, worin dekonstruierendes Vorgehen besteht. "Das Problem besteht darin, zur Sprache zu bringen, was verschwiegen wird; d.h. es geht darum, die Leerstellen, die Auslassungen und Verdrängungen als solche erkennbar werden zu lassen und den verschlüsselten Code zu dechiffrieren. Es muß ein Diskurs, der sich ausdrücklich und nachhaltig dagegen sperrt, gegen den Strich gelesen werden, und es fragt sich, auf welche Weise ein solches Unternehmen zu beginnen und anhand welcher Kriterien die Gültigkeit seiner Ergebnisse feststellbar ist." Daß sich solche Untersuchungen "häufig des psychoanalytischen Instrumentariums bedienen", sieht Klinger darin begründet, daß "diese Theorie eine Basis (bietet), auf welcher es möglich wird, allen Kulturleistungen ... den Schleier ihrer Geschlechtsenthobenheit zu entreißen und damit die theoretischen Produktionen zumindest grundsätzlich in die Geschlechterdifferenz zu zwingen ..." (71f)
6.8 Tiefenhermeneutische Kulturanalyse
Eine dekonstruierende Methode, die sich des "psychoanalytischen Instrumentariums" bedient, ist die Tiefenhermeneutische Kulturanalyse nach Alfred Lorenzer (1988). Bezüglich tiefenhermeneutischer Literaturanalysen spricht der Autor von einem "doppelten Boden" in "Szenen", die sich vor jedermanns Augen abspielen. (26) Eine solche Textinterpretation sucht nach einer "Szene, die sich im Text andeuten könnte." Es geht um eine quasi detektivische Arbeit in der Überzeugung, "daß der Text doppeldeutig ist, einen verborgenen Sinn enthält" (...) und um die "Enträtselung der unbewußten Bedeutung des Textes." (26)
"Das Unbewußte, auf das diese Hermeneutik zielt, sind die vom gesellschaftlichen Konsens ausgeschlossenen Lebensentwürfe." (27) Und das "Unbewußte, das im literarischen Werk zur Debatte steht, ist ein kollektives Unbewußtes (...): es besteht aus Praxisformen, die danach verlangen, ins Bewußtsein aufgenommen zu werden; es enthält Lebensformen, denen der Zugang zum allgemeinen Bewußtsein und der Eintritt in eine offene Überprüfung ihres 'Wertes' verwehrt wurden." (28)
Auf ein konkretes Beispiel der Anwendung eines solchen tiefenhermeneutischen Zugangs komme ich im Abschnitt 7.1 zu sprechen. (Rohde-Dachser, Expeditionen in den dunklen Kontinent, 1991/1997)
6.9 Kommentar
Zunächst bestätigen die zitierten Hinweise, daß es theoretisch abgesicherte Methoden gibt, mit denen in literarischen Werken die verborgenen, "unbewußten" Bedeutungen der Texte sichtbar gemacht werden können. Ich gehe davon aus, daß solche Methoden für unterschiedliche wissenschaftliche Diskurse brauchbar sind, etwa in Geschichte und Literaturgeschichte. Auch das sind Diskurse, die sich dagegen sperren, "gegen den Strich gelesen" zu werden. (Klinger, s.o.)
An einigen solchen Diskursen, die ich exemplarisch ausgewählt habe, zeige ich in den Abschnitten 7 bis 9, wie dekonstruierendes Vorgehen und nachfolgende Rekonstruktion unter feministischem Aspekt aussehen können. Diese Untersuchungen benennen nicht immer ihr methodisches Vorgehen so explizit wie etwa Rohde-Dachser den Ansatz von Lorenzer. Das jeweilige Vorgehen muß in manchen Ansätzen erst herausgearbeitet oder benannt werden. Das Ergebnis ist in jedem Fall, daß Frauen bzw. ihre Anteile an Geschichte und Kulturleistungen sichtbar werden innerhalb von Zusammenhängen, wo sie scheinbar nicht anwesend, verschwunden oder als bloße (männliche) Konstrukte vorhanden sind.
7. Auf den Spuren der Löschung, der Tilgung:
Praxis des Dekonstruierens unter feministischem Aspekt
(Teil 1)
"Es gibt da Asche, sprich, die Asche ist nicht, sie ist nicht das, was ist. Sie bleibt zurück von dem, was nicht ist, um als bröckeliger Grund von ihr nur Nicht-Sein und Ungegenwärtigkeit in Erinnerung zu rufen." (Derrida 1988,23) Und weiter: "Diese Sache, von der man nichts weiß, nicht welche Vergangenheit diesen grauen Staub aus Wörtern noch trägt, nicht welche Substanz darin aufgezehrt wurde, bevor sie darin erlosch ... " "... eine Materie - sichtbar aber kaum lesbar - , die, indem sie nur auf sich selbst verweist, keine Spuren zieht, indem sie die Spur verliert, so daß kaum etwas von ihr bleibt (...) aber das ist genau das, was er Spur nennt, dieses Erlöschen." (...) "... das beste Paradigma der Spur (ist) für ihn nicht ... die Jagdfährte, die Bahnung, der Abdruck im Sand, die Kielspur im Meer, (...) sondern die Asche (das, was vom Holokaust, vom All-Brand, dem Weihrauch der Feuersbrunst, bleibt ohne zu bleiben)"... (25,27)
Das Zitat von Jaques Derrida verwende ich mit großer Vorsicht. Meine Spurensuche will ich nicht vergleichen mit dem, worauf sich diese Worte beziehen, dieses Suchen und Stammeln: auf die Judenvernichtung in der NS-Zeit. Das Zitieren scheint mir dennoch gerechtfertigt. Auch beim Verschwinden von Frauen, bei ihrem Unsichtbarmachen, ihrem Auslöschen geht es um "Todesarten" (Bachmann), und das nicht nur im metaphorischen Sinn. Derrida umkreist mit seinen Worten Tatbestände, die sich der sprachlichen Formulierung nahezu entziehen. Ich verstehe das als einen Hinweis darauf, wie schwierig es ist, gelöschte Spuren und getilgte Flecken wahrzunehmen als das, was sie (auch) sein können: Hinweise auf das, was getilgt, was gelöscht (und verbrannt) worden ist.
"Die Geschichte ... der Präsentation des Weiblichen in den kulturellen Diskursen ist eine Geschichte des Vergessens, der Aussparung ... Die Lückenhaftigkeit des kulturellen Erinnerungsvermögens ist ebenso auffällig wie ... der Mangel an Tradition in der problemgeschichtlichen Reflexion. " (Bovenschen 1979,65)
Einige solche "kulturelle Diskurse" greife ich in den Abschnitten 7 bis 9 exemplarisch heraus. Es sind Beispiele dafür, wie feministische Wissenschaftlerinnen in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten den verschwiegenen, ausgesparten, vergessenen weiblichen Anteil aufspüren und sichtbar machen. Immer geht es dabei um das Auffinden und Verfolgen von gelöschten Spuren, um die Suche nach den Orten von Frauen.
Den Ausgangspunkt bildet eine Auseinandersetzung mit der Theorie der Psychoanalyse. (Abschnitt 7.1) Feministischen Untersuchungen des symbolischen Systems liegen häufig psychoanalytisch ausgerichtete Überlegungen zugrunde. Vor allem aber gibt es zahlreiche Hinweise auf Parallelen zwischen dem Funktionieren des Unbewußten bzw. der Verdrängung einerseits und dem Abschieben des weiblichen Anteils an kulturellen Diskursen in Unsichtbarkeit und Nicht(mehr)wissen auf der anderen Seite. Unter den manifesten Ausprägungen von Androzentrismus und Sexismus läßt sich diese Basis vermuten bzw. aufzeigen. Das gilt auch für das System der Sprache, welches im zweiten Abschnitt behandelt wird. (Abschnitt 7.2)
Darauf folgen Beispiele aus dem Bereich der feministischen Geschichtswissenschaft sowie - als einem Sonderfall der Auseinandersetzung mit Vergangenheit - der feministischen Theologie. (Abschnitt 8)
In der feministischen Literaturwissenschaft schließlich werden die zuvor behandelten Aspekte der "Präsentation des Weiblichen in den kulturellen Diskursen" nochmals wie in einem Fokus zusammengefaßt. Damit wird auch ein erster Bogen geschlossen zum Ausgangspunkt dieser Arbeit, nämlich den literarischen Beispielen für "gelöschte Spuren" und "getilgte Flecken". (Abschnitt 9)
7.1 Der dunkle Kontinent (Sigmund Freud)
Feminismus und psychoanalytische Theorie
Christa Rohde-Dachser (1991) beschäftigt sich grundlegend mit der psycho-analytischen Theorie in Freud'scher Ausprägung. Das Ziel ihrer Arbeit ist die systematische Dekonstruktion des psychoanalytischen Diskurses durch das Offen-legen seiner "Bauprinzipien". Es handelt sich um eine feministisch orientierte ideologiekritische Auseinandersetzung mit der latenten Geschlechtsspezifität dieser Theorie. Damit soll eine nachfolgende Rekonstruktion unter anderen - nicht patriarchalischen - Vorzeichen ermöglicht werden. (15f) Das Instrumentarium für diese Untersuchung ist die psychoanalytische Methode. Es geht um eine kritische Reflexion, jedoch nicht um eine Absage an die Psychoanalyse. Deren Potential wird von der Autorin genützt, um die auch "jeder Aufklärung immanente Tendenz zur Remythologisierung systematisch in die Reflexion einzubeziehen." Mit diesem Vor-haben verbindet Rohde-Dachser die "Utopie", daß sich "innerhalb der Psychoanalyse ein neuer Raum für den Dialog zwischen den Geschlechtern eröffnen könnte." (16)
Das Erkenntnisinteresse der Autorin zielt über den manifesten Inhalt des psycho-analytischen Diskurses hinaus auf "jene Tiefenschicht der menschlichen Psyche, die Freud das 'Unbewußte' nannte." (44) Eine zentrale Fragestellung der Untersuchung richtet sich auf "das Verhältnis von gesamtgesellschaftlichen und psychoanalytischen Konstruktionen der Geschlechterdifferenz." (45) Als notwendiges theoretisches Rüstzeug nennt Rohde-Dachser
- die Bestimmung der Leitdifferenz männlich/weiblich (47ff),
- die Verortung dieser Differenz, nämlich das Patriarchat (52ff), sowie die
- ausführliche Bestimmung der "feministischen Position" der Untersuchung. (56)
Das Grundproblem feministischer Wissenschaftskritik benennt Rohde-Dachser (nach Klinger 1986) wie folgt: Es geht - ganz allgemein - darum, "zur Sprache zu bringen, was verschwiegen wird, die Leerstellen, die Auslassungen und Verdrängungen als solche erkennbar werden zu lassen und den verschlüsselten Text zu dechiffrieren." (60)
Rohde-Dachser geht davon aus, daß die Psychoanalyse mit ihrer Theorie des Unbewußten zugleich einen Schlüssel für einen solchen Dechiffrierungsprozeß liefert, in dessen Verlauf die "in den Diskurs eingelassenen unbewußten Phantasien, der 'Text hinter dem Text', hervortreten können." (62) Als theoretische Ausgangsbasis wird das Modell einer tiefenhermeneutischen "Kulturanalyse" nach Lorenzer verwendet, innerhalb dessen v.a. das Konzept des "kollektiven Unbewußten" und das der "unbewußten Phantasie". (63; vgl. Abschnitt 6.8)
Texte (vor allem literarische) werden in diesem Zusammenhang als Kulturproduktionen verstanden, in denen nicht nur das jeweils individuelle Unbewußte, sondern auch das kollektive Unbewußte einen verschlüsselten Ausdruck findet. (66) Das Unbewußte ist immer auch das Resultat von Denkverboten oder auch von Verdrängungsprozessen im Rahmen von Sozialisationsvorgängen. Innerhalb einer patriarchalischen Kultur spiegeln sich darin die Denk-Verbote dieser Kultur wider. Das gilt wiederum nicht nur für das Individuum, sondern ebenso für die Kunst- und Theorieproduktion einer Kultur. Damit gilt es auch für die Psychoanalyse und deren Texte. (68)
7.1.1 Der Freud'sche Weiblichkeitsentwurf
Als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung wählt Rohde-Dachser Freuds Weiblichkeitsentwurf der "kastrierten Frau", "die bekannte, als einzige klar explizierte Weiblichkeitstheorie der Psychoanalyse." (88,17794) Mit Hilfe einer tiefenhermeneutischen Interpretation werden die Aussagen dieser Theorie hinsichtlich ihrer "verschlüsselten unbewußten Phantasien über die Geschlechterdifferenz" untersucht. (89ff,194) In einer "relativ bewußtseinsnahen Schicht unbewußten Phantasiedenkens" zeigt sich eine Logik, welche im wesentlichen um den Besitz bzw. Nicht-Besitz eines Penis kreist. Die Frau erhält dabei die Position eines "Spiegels"; auf sie wird projiziert, was der Mann fürchtet bzw. zu beherrschen versucht: "Kastration, Abhängigkeit, körperliche Mangelausstattung, Tod." (97ff,194)
Die Untersuchung arbeitet die im Freud'schen Weiblichkeitsentwurf enthaltenen Negationen heraus, welche den Begriff der "kastrierten Frau" ausmachen:
- Sie hat keine vom Mann unabhängigen Wünsche und Interessen,
- keine von ihm unabhängige Lust,
- kein autonomes sexuelles Begehren,
- kein eigenes Genitale,
- keinen anderen wertvollen Besitz,
- keine Überlegenheit und keine Macht über den Mann,
- keinen anderen Rivalen
- und sie erhebt bezüglich all dessen keinen Vorwurf. (99,194)
Die Autorin nimmt als nächstes eine Transformation vor, nämlich einen Wechsel des Vorzeichens (d.h. die Umkehr der Negationen). Dadurch erschließt sich hinter dem Bild dieses durch Mängel gekennzeichneten Wesens "ein Komplex von Vorstellungen, von dem man vermuten darf, daß er das im Freud'schen Weiblichkeitsentwurf (kollektiv!) Tabuisierte, Abgewehrte enthält." (100) Es ist das Bild einer "vom Mann unabhängigen Frau mit einem eigenen Genitale und einem autonomen sexuellen Begehren - das die Spiegelfunktion verweigernde, der Kontrolle des Mannes entglittene Subjekt." (100,195)
Die Vorstellung dieser autonomen Frau, dieses weiblichen Subjekts erweckt im Mann jedoch nicht nur Wünsche. (100) Sie weckt auch die Angst, die Frau könne sich diesen seinen Wünschen versagen, und dadurch entsteht narzißtische Wut. In einem "fundamentalen Projektionsvorgang" wird das "weibliche Subjekt erneut entwertet oder ... dämonisiert, auf jeden Fall aber wieder in ein Konstrukt gebannt." (103,195) Dieses nennt Rohde-Dachser die "furchtbare Frau", als Pendant zur "kastrierten Frau". (103,195) In ihr erblickt der Mann jenen Teil von sich selbst, den er als unannehmbar empfindet: Haß, Wut, Neid, Wünsche nach Zerstörung und Kastration, Wunsch nach omnipotenter Kontrolle. (104,195) Auf diese Weise erhält die "andere Frau" eine Dämonengestalt, wie sie z.B. in der Figur der Medusa erscheint: ein Inbegriff des Grauens mit der Botschaft, daß ihr Anblick den Tod bedeutet. (105,195f)
Den "doppelten Weiblichkeitsentwurf der Psychoanalyse", nämlich den einer "kastrierten oder dämonisierten Frau", sieht die Autorin als "Ausformung der für das Patriarchat typischen Abwehrkonstellation", wonach das Weibliche als der "Container" des abgewehrten männlichen Selbst fungiert. (198)
7.1.2 Die allgemeine Theorie bzw. Methode der Psychoanalyse
Im Anschluß an die Dekonstruktion des Weiblichkeitsentwurfes setzt sich Rohde-Dachser mit weiteren Aspekten der Psychoanalyse auseinander. Das sind die Konzepte
- des Unbewußten,
- des psychischen Apparats[2] und (ansatzweise)
- der psychoanalytischen (Behandlungs-)Methode.
Dabei greift die Autorin den "von Bovenschen (1979) vorgeschlagenen Ansatz einer feministischen Wissenschaftskritik auf (...), nach dem in zwei aufeinanderfolgenden Interpretationsschritten zunächst der explizite Weiblichkeitsentwurf eines wissenschaftlichen Diskurses herausgearbeitet wird, um anschließend den scheinbar geschlechtsneutralen Teil des Diskurses so zu lesen, als ob er unter der Prämisse dieses (...) Weiblichkeitsentwurfes verfaßt worden wäre." (200)
Rohde-Dachser richtet ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Metaphorik der oben genannten Konzepte und stellt fest, daß diese "über weite Strecken geschlechtsgebundene Bedeutungen transportiert und damit einem Typus unbewußter Phantasien Wahrnehmungsidentität verschafft, die geeignet ist, das patriarchalische Geschlechterverhältnis zu affirmieren." (200) Aus feministischer Perspektive wird aufgezeigt, daß gerade die eingängigsten Metaphern, die in der Theorie der Psychoanalyse verwendet werden, sich aus äußeren menschlichen Beziehungen (z.B. Familie) herleiten und damit auch die darin enthaltenen geschlechtsspezifischen Bedeutungen vermitteln. Die von Freud verwendeten Metaphern werden daher darauf befragt, "welche Geschlechterrelation sie abbilden, ob sie aus einer männlichen oder weiblichen Sicht formuliert sind, welche Geschlechterstereotype sie transportieren, wem sie nützen und welche unbewußten Phantasien in ihnen eine Bestätigung erfahren." (201)
Der zentrale theoretische Begriff der Psychoanalyse, das Unbewußte, wird weitgehend in Metaphern formuliert. In weiten Bereichen ist dieses Unbewußte identisch mit dem Es, beide werden als "dunkle Kontinente" beschrieben. Sie sind weiblich konzipiert, beide stehen in der Nähe von Natur und Tod. Die Bereiche des Bewußten sowie die des Ich und Über-Ich sind dem gegenüber männlich konnotiert. (202,203) In zahlreichen Metaphern kehren jene Projektionen wieder, welche bereits in Freuds doppeltem Weiblichkeitsentwurf aufzufinden waren.
Die Untersuchung von Ausschnitten der psychoanalytischen Theorie macht klar, in welcher Weise in einem scheinbar geschlechtsneutralen Diskurs das patriarchale Geschlechterarrangement deutlich und vor allem wirksam wird.
7.1.3 Der Kreislauf unbewußter Phantasien
Kollektive unbewußte Phantasien - neben dem Unbewußten an sich ein Zentralbegriff der psychoanalytischen Theorie - bezeichnet R. als ein "Fundament", auf welches sich "die das patriarchalische Geschlechterarrangement bezeichnenden Strukturen stützen." (298) "Mythos, Literatur und wissenschaftliche Deutungssysteme, zu denen auch die Psychoanalyse gehört, sind Bestandteil" eines "Kreislaufs unbewußter Phantasien". Daß Mythen und Kunstprodukte ebenso wie Geschlechterstereotypen einem kollektiven Unbewußten entstammen, welches typisch für die jeweilige Kultur ist, wird im Rahmen einer "unhistorischen Mythendeutung" übersehen bzw. auch geleugnet. (302f) Die Autorin belegt das an Beispielen aus Literatur, Märchen und Mythos. Sie zeigt auf, daß sowohl Mythen als auch der Weiblichkeits-Diskurs der Psychoanalyse dem gemeinsamen kollektiven Unbewußten entstammen. "Es ist das Arsenal patriarchalischer Weiblichkeitskonstruktionen, das in beiden Diskursen seinen Niederschlag gefunden hat (...) Das andere Geschlecht, die lebendige Frau mit ihren Wünschen, ihrem Begehren, ihrer Trauer, ihren Beziehungen (...) und ihrer Anklage, verstummen unter diesem Leichentuch." (322f)
7.1.4 Kommentar
Die Überlegungen von Rohde-Dachser beinhalten die Dekonstruktion des psychoanalytischen Diskurses mit den Mitteln feministischer Wissenschaftskritik und unter feministischer Zielsetzung. Damit zeigt die Autorin die Notwendigkeit einer Neuformulierung der Geschlechterdifferenz innerhalb der Psychoanalyse auf. Eine Rekonstruktion verlangt, daß sich die Psychoanalyse "ungeachtet ihrer patriarchalischen Herkunft auch gegen die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen mit jenen Kräften des Unbewußten in Mann und Frau verbünden kann", die den heutigen gesellschaftlichen Veränderungen entsprechen. (366) Daß dies möglich ist, folgert Rohde-Dachser daraus, daß "mit Freuds Entdeckung des Unbewußten und der Weiterentwicklung des Konzepts der unbewußten Phantasie ... und mit der Methode zur Aufklärung dieser Phantasien" der Psychoanalyse ein "einzigartiges Instrumentarium" zur Verfügung steht. Auf dieser Grundlage könnte sie zur Neuformulierung des Geschlechterverhältnisses beitragen. Sie könnte anderen Diskursen, die sich ebenfalls damit befassen, wie Soziologie oder Philosophie, die Ebene der unbewußten Phantasie hinzufügen und damit ein unbedingt notwendiges Reflexionspotential anbieten. (367)
Die Analyse von Rohde-Dachser sehe ich als ein prototypisches Vorgehen. Nach diesem Vorbild können andere Diskurse bzw. Theorien auf deren Androzentrismus und/oder Sexismus hin befragt werden. Elemente eines solchen Vorgehens lassen sich - in unterschiedlicher Ausprägung - auch in Zusammenhang mit anderen feministischen Dekonstruktionen finden.
Einen gedanklichen Übergang von der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse zur feministischen Sprachkritik sowie weiter zur feministischen Literaturwissenschaft bietet die Feststellung von Andrea Günter (1997): "... ein jeder Text kann als Traum und eine jede Interpretationsleistung kann als Traumdeutung praktiziert werden." (158)
7.2 Alle Menschen werden Brüder (Friedrich Schiller)
Feminismus und Sprache
Frauen und Sprache: das ist ganz offensichtlich ein Thema, das zu Fragen herausfordert, Fragen, wie sie beispielsweise Marlene Streeruwitz stellt: "Was bedeutet ... die immer wieder erwähnte weibliche Sprachlosigkeit?" (1997,33) Und die nächste Frage: " Wie ein Anders-Denken möglich werden kann, obwohl wir keine andere Sprache als die patriarchale kennen." (1998,22) Dazu Andrea Günter: " Wie können Frauen trotz der patriarchalischen Positionierung sich selbst sprechen und wie können sie durch Sprechen die Welt verändern?" (1997,11)
"Den 'Anfang zu machen, das Ende des Patriarchat herbeizuführen', ist mit der 'Überwindung der Sprachlosigkeit' von Frauen und der Entwicklung einer eigenen bzw. einer neuen Sprache verbunden, heißt es seit den ersten Stunden der neuen deutschen Frauenbewegung. (...) Diese Sprache soll das weibliche Begehren in die Welt bringen und es Gestaltungsprinzip werden lassen. Eine - von Frauen - veränderte Sprache heißt eine veränderte Welt, und eine - für Frauen - veränderte Welt braucht eine veränderte Sprache." (Günter 194) Im Rahmen ihrer Reflexionen über Feminismus und Sprache zitiert Günter mehrmals Ingeborg Bachmann, vor allem auch, um vor einem Vorgehen zu warnen, das ich mit "oberflächlicher Kosmetik" bezeichnen möchte. "Eine neue Sprache muß eine neue Gangart haben, und diese Gangart hat sie nur, wenn ein neuer Geist sie bewohnt." (Bachmann, Frankfurter Vorlesungen, Werke 4,192)
Die Bedeutung einer neuen, einer eigenen Sprache verdeutlicht Christa Gürtler (1982) an einem Beispiel: "Franza versucht ... ihre Erlebnisse und Gefühle zu verbalisieren, es sind lauter Fragmente eines Monologes, den Franza führt, und langsam findet sie zur Sprache zurück. Ihre Identität aber kann Franza nicht wiederfinden." (75)
Feministische Sprachkritik bezog sich zunächst auf die Suche nach "anderen, neuen Worten", da die vorhandenen (männlich codierten) Ausdrücke nicht geeignet waren, Erfahrungen von Frauen adäquat zu benennen. Die Arbeit der feministischen Linguistik, in welcher das "Verhältnis zwischen grammatischem Geschlecht und der Sichtbarkeit von Frauen" problematisiert wird, forciert vor allem grammatikalische Änderungen, um sie "als neue Sprechpraxis" zu etablieren. (Günter 199) Die Autorin hält diese beiden Möglichkeiten (allein) jedoch für unzureichend, da sie "auf einem naiven Sprachverständnis" beruhen, indem sie einen zu direkten Zusammenhang zwischen der Veränderung von Sprache und Gesellschaft annehmen. "Trotzdem bleibt die Hoffnung, daß das genaue Kennen der Sprache erlaubt, das eigene Sprechen und das Sprechen von anderen zwischen Versprechen und Täuschung anzusiedeln und infolgedessen besser mit den sprachlichen Möglichkeiten umgehen zu können." (200)
In diesem Abschnitt beschränke ich mich auf Beispiele von Sprachkritik im Rahmen der feministischen Linguistik. Dabei geht es um die Auseinandersetzung mit der Sprache, jedoch nicht um geschlechtsspezifisches Gesprächsverhalten, also um das Sprechen. Mit letzterem befasse ich mich hier nicht. In den folgenden Ausführungen beziehe ich mich auf die Arbeiten von Luise Pusch (1984 und 1990).
7.2.1 Feministische Systemlinguistik
Die "in unserer patriarchalen Kultur allgemein geltende Regel 'weiblich ist gleich zweitrangig' ist für das Gebiet Sprache in extremer Weise gültig." Das belegen feministische Linguistinnen u.a. mit nachstehenden Beispielen.
1. Wenn anstelle des üblichen, angeblich geschlechtsneutralen Maskulinums (z.B. "Linguisten") ein geschlechtsneutrales Femininum benützt wird, wie z.B. "Linguistinnen", wollen Männer dabei nicht "mitgemeint" sein. Als Grund führt ein Linguist etwa an, daß es ihm "gegen die Natur" geht.
2. Lobsprüche wie z.B. "Er/sie ist ein zweiter Einstein/Picasso ..." sind unumkehrbar. "'Paul Celan war eine männliche Ingeborg Bachmann/Nelly Sachs' kann innerhalb unseres semantischen Systems einfach keine gelungene Laudatio sein, weil 'Feminisierung' eines Mannes gleichbedeutend mit Deklassierung ist." (Pusch 1984,76ff)
Pusch: "Ich selbst habe die Sprache des Patriarchats sehr lange als 'meine eigene' anerkannt und verteidigt. Noch 1976 benutzte ich Wörter wie Brüderlichkeit (statt Mitmenschlichkeit), ohne mir Böses dabei zu denken, und wurde von frauenbewegten Nicht-Linguistinnen des öfteren korrigiert." (ebd.83f) "Man oder frau kann lange wegsehen ... Aber wenn frau einmal die Augen geöffnet und genau hingesehen hat, kann sie erstens die dabei gewonnenen Einsichten nicht wieder vergessen und wird zweitens immer mehr Unrat entdecken. Es ist ... eine unumstößliche Tatsache, daß unsere Sprache nicht nur von Anglizismen und ähnlichen Ismen, sondern vor allem von Patriarchalismen nur so strotzt ... " (ebd. 84f)
Pusch bezeichnet unsere Muttersprache als etwas sowohl Fremdes, Erworbenes (da von der jeweiligen Sprachgemeinschaft abhängig) und etwas zugleich Eigenes, Eingewachsenes. Dieses "Angewachsene, Eigene" kritisch zu betrachten und als etwas "letztlich Übergestülptes, Fremdes" zu erkennen, bildet den Ausgangspunkt feministischer Sprachkritik. Der wichtigste Schritt ist der der "Bewußtwerdung: der 'fremde Blick' auf das vorgeblich oder mutmaßlich 'ganz Eigene'". Dadurch wird es möglich, zu unterscheiden, was an der erworbenen Sprache brauchbar ist, beibehalten werden kann, und inwiefern "Unbrauchbares, Schädliches durch wirklich Eigenes, meinen eigenen Bedürfnissen und Interessen Entsprechendes" zu ersetzen ist. (ebd.82)
"Als Frau und Linguistin" interessieren Pusch u.a. folgende Fragen:
"Wie kommt es, daß die deutsche Sprache so ist? War sie schon immer so? Welche Personen/ Personenkreise/ gesellschaftlichen Strömungen/ geschichtlichen Ereignisse/ didaktischen Maßnahmen/ sprachregelnden Verordnungen usw. sind möglicherweise für den heutigen Zustand verantwortlich?" (ebd.8)
"Feministische Sprachkritik manifestiert sich auf drei Ebenen, in dreierlei Form:
1. als unsystematisch-spontane kreative Leistung sprachbewußter Feministinnen (Laiinnen)
2. als systematische, sprachvergleichend und sprachhistorisch fundierte Kritik feministischer Linguistinnen
3. als komplexe sprachschöpferische Leistung einzelner feministischer Schriftstellerinnen." (Pusch 1990,75)
Im Deutschen ist die Verwendung von "frau" anstelle des üblichen "man" eine der bekanntesten und provokantesten Folgen feministischer Sprachkritik. (1984,76)
Das Arbeitsgebiet von Pusch ist die sogenannte "Systemlinguistik". Ihr Gegenstand ist die "'muttersprachliche Kompetenz', d.h. die Fähigkeit, grammatisch korrekte Sätze als solche zu identifizieren. Diese Fähigkeit besitzen Menschen, weil sie das grammatische Regelsystem der jeweiligen Muttersprache internalisiert haben, wobei ihnen diese Leistung "nahezu vollständig unbewußt oder besser 'außerbewußt'" ist. Die Systemlinguistik macht dieses Regelsystem bewußt, um es zu beschreiben. Eine Norm, eine Regel wird dann bewußt, d.h. "erfahrbar, erkennbar und damit beschreibbar, wenn ... ein Fehler gemacht wird." Auf diese Weise kann auch das Außerbewußte in der Sprache bewußt gemacht werden. Die Systemlinguistik untersucht "grammatische Gegenstände wie Substantive, Pronomina, Verben, Adjektive, Konjunktionen, Partikel, komplexe Sätze usw. ..." (1990,11f)
Gegenstand der feministischen Systemlinguistik sind die Patriarchalismen in einem Sprachsystem. Es geht ihr um die "Aufdeckung, Bewußtmachung und schließlich Abschaffung der zahllosen 'geronnenen Sexismen'" in unserer Sprache. Als Methode dient die sogenannte "gezielte Regelverletzung". Diese dient jedoch nicht nur dem Gewinn von Erkenntnis, sondern ist auch "Mittel der feministischen Sprachpolitik". Pusch erfindet als feministische Linguistin ihre "ungrammatischen Sätze und Formen" nicht nur, um "die verborgenen Gesetzmäßigkeiten besser klarzumachen." Gegen Teile dieser "verborgenen Gesetzmäßigkeiten", nämlich die "geronnenen Sexismen", setzt Pusch ihre "'ungrammatischen' Erfindungen, gezielte(n) Regelverstöße, beim Sprechen und Schreiben bewußt und so oft wie möglich ein mit dem Ziel, sie grammatisch zu etablieren und die alten frauenfeindlichen Gesetzmäßigkeiten allmählich in den Status der 'Abweichungen' übergehen zu lassen." (ebd.12f)
7.2.2 Kommentar
In der Arbeit von Pusch finde ich Elemente einer Spurensuche insofern, als sie (auch) sprachhistorisch arbeitet, d.h. nach dem geschichtlich Gewordenen in der gegenwärtigen Sprache fragt. (s.o.) (Lt. Auskunft einer mir bekannten Sprachwissenschaftlerin hat es beispielsweise einmal die weibliche Form "Gästin" gegeben und nicht nur, wie heute, das männliche "Gast", bei welchem Frauen mitgemeint sind. E.H.) Dekonstruktion ebenso wie Re-Konstruktion ist in der Systemlinguistik enthalten als "Aufdecken, Bewußtmachung", im Aufzeigen "verborgener Gesetzmäßigkeiten", und indem nicht nur der Wortschatz, sondern auch Regeln der Grammatik der Veränderung, der Re-Konstruktion unterworfen werden.
Der linguistische Begriff der "Kompetenz" führt zu Überlegungen, die über den Bereich der Sprache hinausgehen. "Das Sprachgefühl ('Sprachkompetenz') als internalisierter Regelapparat ist ein nützliches Denkmodell für andere Kompetenzen, die unser Alltagsverhalten steuern." (...) Von der muttersprachlichen Kompetenz, auf der das Funktionieren der Kommunikation beruht, schließt die Autorin auf andere erlernte Kompetenzen, die ebenso un- oder vorbewußt sind. Der wichtigste Punkt: "Die patriarchalische Kompetenz sichert unser Funktionieren im Patriarchat." Auch die patriarchalische Kompetenz, "die wir mitsamt unserer muttersprachlichen im frühen Kindesalter einprogrammiert bekommen ..., kann durch Reflexion erheblich irritiert werden." Die Autorin schlägt vor, "die geeigneten Regelverletzungen zu erfinden und zur Regel zu machen." Frauen brauchen also sowohl linguistisches als auch feministisches Training! (Pusch 1990,16)
Seit den Anfängen feministischer Sprachkritik hat sich einiges zum Besseren verändert, sind Frauen in manchen Zusammenhängen (sprachlich) weniger unsichtbar geworden. Das läßt sich zunächst einmal an Regelungen im Bereich von Verordnungen und Gesetzen feststellen. Für Lern- und Veränderungswillige (beiderlei Geschlechts) gibt es unterdessen auch "RatgeberInnen", welche die Anwendung der Änderungsvorschläge und gezielten "Regelverletzungen" erleichtern. (z.B. Susanna Häberlin et al., Übung macht die Meisterin, München 1992, Maria Kargl et al., Kreatives Formulieren, Wien 1997)
Allerdings führt die Beobachtung des aktuellen Sprachgebrauchs, "quer durch die verschiedenen Medienformen, schriftliche wie mündliche", zu folgender Feststellung: "Ein Gutteil der Texte zeigt sich von den Vorschlägen zur sprachlichen Gleichbehandlung noch unberührt. In den österreichischen Tageszeitungen zum Beispiel finden sich nur gelegentliche Ansätze zu einer geschlechtergerechten Sprache." (Gertrude Pauritsch 2000) Diese Autorin bekräftigt die Dringlichkeit, mit der das Anliegen der feministischen Sprachkritik weiterzuverfolgen ist: "Texte, die in der traditionellen androzentrischen Sprache verfaßt sind, konservieren - gewollt oder ungewollt - das überkommene patriarchale Weltbild. Mehr noch: sie erschaffen im Schreiben und Sprechen die Geschlechterhierarchie mit der dazugehörigen Funktionsteilung zwischen öffentlich und privat. In der 'Welt des Mannes' kommen Frauen im Allgemeinen nicht vor ... (...) Ein Bild, das mit der Realität nicht mehr übereinstimmt". (SCHRIFT(zeichen), 04/2000,27-29)
8. Feminismus und Geschichte
Praxis des Dekonstruierens unter feministischem Aspekt
(Teil 2)
Eine Diagnose, gestellt von Streeruwitz, lautet: "In der Geschichtsschreibung der Sieger war die Frau als Unbeschriebene beschrieben. Existierte als Nicht Gesagte und darin dann Nicht zu Sagende." (Der Standard 10./11.3.2001,39)
In diesen Zusammenhang gehört die Frage der Protagonistin von "Der Fall Franza": "Meine Geschichte und die Geschichten aller, die doch die große Geschichte ausmachen, wo kommen die mit der großen zusammen. Immer an einem Straßenrand? Wo kommen die mit der großen zusammen?" (Bachmann Werke 3,433)
Das Fehlen einer eigenen Geschichte bedeutet für die Betroffenen, daß sie sich selbst nicht als voll menschlich betrachten und auch von anderen nicht als voll menschlich wahrgenommen werden. Erst wenn sie nicht mehr ihres Geschichtsbewußtseins beraubt sind, können sie ihre eigene Lage richtig verstehen und aufhören, an ihrer eigenen Unterdrückung mitzuwirken. (Gerda Lerner 2000,127) Daraus ergibt sich die große Bedeutung der Neu- oder Wiederentdeckung der Geschichte von Frauen. Wie aber sind Frauen in der Geschichte unsichtbar (gemacht) worden?
"Bestimmend für das seltene Erscheinen von Frauen in der Geschichte und für fehlende weibliche Autorität bezüglich Traditionsbildungsprozessen ist (...) eine androzentrische symbolische Ordnung, die Frauen als naturhaft und infolgedessen zeitlos und privat klassifiziert und im gleichen Zuge die Beiträge von Frauen zu Zivilisation, Kultur, Wissenschaft und Politik als nicht überlieferungswürdig ausschaltet." (Günter 36, nach Gisela Bock) Und weiter: " ... eine Suche nach dem Tun von Frauen in der Geschichte (erweist sich) als 'Arbeit der Entzifferung', als Entzifferung von 'Spuren der Auslöschung und Zerstörung' sowie dem, was die Spuren über das Verschwundene verraten, und als Herausforderung, 'aus den Zeichen des Mangels und der Abwesenheit' entziffern zu lernen. Entziffert werden können Momente des Verdrängten, Momente dessen, was zerstört wurde, Kehrseiten des Gewohnten, Alternativen, Augenblicke, in denen etwas aufleuchtet." (ebd.44, nach Sigrid Weigel)
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Suche von Frauen nach der Geschichte ihres Geschlechts. Neben der "allgemeinen" feministischen Geschichtsforschung ziehe ich dafür auch Arbeiten aus dem Bereich der Feministischen Theologie heran. Diese setzt sich mit einem speziellen Ort der historischen Unsichtbarkeit von Frauen auseinander.
8.1 "Hidden from History" (Sheila Robotham)
Feministische Geschichtsforschung
"Die Forderung, Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen", ergibt sich lt. Herta Nagl-Docekal (1990,16) als eine Konsequenz feministischer Wissenschaftskritik. Dabei geht es nicht darum, "Frauengeschichte als einen neuen Teilbereich neben den anderen, bereits anerkannten historischen Disziplinen zu etablieren." Mit einem Zitat von Gisela Bock (1984) wird festgestellt, daß "Frauengeschichte (...) nicht nur die Geschichte der halben, sondern die der ganzen Menschheit" betrifft. (17) Der Terminus "Feministische Geschichtswissenschaft" bezeichnet "nicht eine bestimmte Fragestellung oder Methode, sondern bezieht sich auf den gesellschaftlichen respektive politischen Bezugsrahmen" von unterschiedlichen Projekten. Das Resümee von Nagl-Docekal: "Feministische Geschichtswissenschaft ist historische Forschung am Leitfaden des Interesses an der Befreiung der Frau." (18)
Für die Arbeit der feministischen Geschichtsforschung, die Basis ihres methodischen Vorgehens, findet Streeruwitz ein eindringliches Bild : "Es war der Bogen dieser Geschichte zu zerschlagen und aus den Bruchstücken eine eigene zu formen. Eine andere." (1998,55) Der (literarische) Ausgangspunkt meiner Arbeit, das Wahrnehmen der Löschungen und Tilgungen als Spur des Verschwundenen, taucht in immer neuen (und doch immer den gleichen) Zusammenhängen auf. Und immer wieder finden sich zumindest implizit Hinweise auf die Methode der Dekonstruktion. Das gilt auch für Bovenschen : "Die Geschichte der weiblichen Geschichtslosigkeit ernst zu nehmen, darf nicht heißen, sich dem Gegenstand in der Weise zu assimilieren, daß die Analyse selbst ahistorisch wird. Diese Analyse darf nicht ignorieren, daß es sich bei dem historischen Material, dessen wir habhaft werden können, um ein gefiltertes handelt: um Bilder, Zuschreibungen, Projektionen etc. Gleichwohl gilt es, dieses Material, das nahezu die gesamte Überlieferung ausmacht, in seine Teile zu zerlegen, auf seine Gehalte und seine diskursiven Einordnungen zu untersuchen und es in einen neuen Bezugsrahmen zu stellen, der sich selbst erst im Laufe der Analyse herausbilden muß." (1979,265)
"Frauen sind seit jeher mindestens die Hälfte der Menschheit, und die meiste Zeit waren sie die Mehrheit. Ihre kulturell definierte und psychisch internalisierte Marginalität scheint der Grund dafür zu sein, daß ihre historischen Erfahrungen sich essentiell von jenen der Männer unterscheiden. Aber Männer haben ihre Erfahrung als Geschichte definiert und Frauen ausgelassen." (Gerda Lerner 1989,348) Die bisherige Geschichte als Männergeschichte ist von daher als Geschichte einer Minderheit zu betrachten, und Lerner hält es für möglich, "daß diese sich als 'Randgruppe' erweisen wird." (ebd.348)
Mit der Entwicklung der historischen Frauenforschung im Gefolge der zweiten Frauenbewegung setzt sich Lerner ausführlich auseinander. Alte Fragestellungen und alte Methoden erwiesen sich zunehmend als unbrauchbar, Forscherinnen suchten und fanden neue Wege für den Umgang mit dem historischen Material. "Obwohl die meisten Historiker/innen wissen, daß ihre Quellen nicht wertfrei sind, und deren Tendenzen durch eine Reihe von Methoden aufzuspüren lernen, sind ihnen bisher nicht nur ihre eigene sexistische Tendenz, sondern auch ... die sexistische Tendenz des Wertsystems, der Kultur und sogar der Sprache, in der sie arbeiten, nicht bewußt geworden." (ebd.343)
Die Erforschung der Geschichte von Frauen begann mit der Suche nach prominenten Frauen, der sog. "kompensatorischen Geschichtsschreibung". (ebd.334) Als nächste Stufe wurde der Beitrag herausgearbeitet, welchen Frauen zu einer männlich definierten Gesellschaft geleistet haben - es ist das Unternehmen einer "kontributorischen Geschichtsschreibung". (ebd.335) Diese Untersuchungen haben zu wichtigen Fragestellungen bei der Rekonstruktion von Frauengeschichte geführt. Sie sind jedoch an ihre Grenzen gestoßen, indem sie "im wesentlichen nur beschrieben, was Männer in der Vergangenheit Frauen befahlen und was Männer für das Wesen der Frau hielten." (ebd.338)
Für die Erforschung einer "transitorischen Geschichte", wie der dritte und entscheidende Schritt genannt wird, ist das Auffinden neuer Kategorien und neuer Quellen ebenso wichtig wie das Infragestellen der bisherigen Periodisierung von Geschichte. Vor allem aber geht es darum, "mit neuen Fragestellungen an die Geschichte überhaupt" heranzugehen. Die "Parameter für die Definition einer neuen universalen Geschichtswissenschaft" sind erst zu finden, ein einziges theoretisches Bezugssystem reicht nicht aus. Methoden als "Werkzeuge der Analyse" müssen durch "andere Werkzeuge" ergänzt werden. "Das eigentliche Problem für Frauen besteht darin, daß wir nicht nur das Selbstvertrauen erlangen müssen, das wir zur Anwendung von Werkzeugen brauchen, sondern auch das Selbstvertrauen, neue, unseren Bedürfnissen angemessene Werkzeuge herzustellen." Seit der Erkenntnis, daß Frauen ihre Geschichte vorenthalten worden ist, und der daraus resultierenden "unwiderruflichen" Veränderung des Bewußtseins wurden lt. Lerner große Fortschritte gemacht. Wenn einmal völlig klar ist, daß "Frauen die Mehrheit der Menschheit sind und bei der Gestaltung von Geschichte von wesentlicher Bedeutung waren", lautet die Schlußfolgerung, daß "die gesamte uns bekannte Geschichte für Frauen nichts als Vorgeschichte" ist. (Lerner 1989,348f)
Gisela Bock (1983) geht mehr auf das "methodisch-technische Instrumentarium" und damit auch auf die Bedeutung von "Statistik und computerisierter Datenverarbeitung" ein. Durch die Verarbeitung von "Massenquellen" mit Hilfe solcher Techniken kann es fallweise gelingen, "'schweigende' Frauen zu Gehör zu bringen". Diese Studien "bestätigen jedoch auch die Erkenntnis, daß selbst eine geschlechtsspezifisch registrierende Statistik nur durch eine besondere Art des Fragens und neue interpretatorische Konzeptionen zur Auflösung jenes Schweigens beitragen kann."(31)
Und gerade am Beispiel "historischer Demographie" kann auch gezeigt werden, "wie ein wissenschaftliches Vokabular Frauen zum Schweigen bringen kann im gleichen Maß, wie sie zu ihrem bevorzugten Objekt werden." (32) Andere Methoden und Quellen, wie (auto-)biographische und mündliche Geschichte führen eher zum Ziel: "Erst die Betrachtung 'schweigender' wie 'sprechender', 'gewöhnlicher' wie 'bedeutender' Frauen vermag sie als Geschlecht aus dem Dunkel der Geschichte zu lösen." (33)
In "Frauen in der europäischen Geschichte" (2000) zeigt Gisela Bock anhand zahlreicher Namen auch den "vergessenen" Beitrag von Frauen zur Geschichtsschreibung und -forschung selbst auf. (345f) Weiters beschäftigt sich die Autorin mit der Geschichte der Frauenbewegung, des Feminismus. Die überraschend vielfältigen "feministischen Stimmen", die es bereits bis zum 18. Jhdt. gegeben hat, standen Frauen aufgrund fehlender Traditionsbildung nicht zur Verfügung. Ihr genereller Ausschluß von Bildung, politischer Teilhabe und Überlieferung führte dazu, daß "wandlungs- und wissensdurstige Frauen - bis in unsere Zeit - immer wieder 'das Rad neu erfinden' mußten." (348)
8.1.1 Kommentar
Lerner (2000) sieht die "neue Frauengeschichte" als ein "gewaltiges Unternehmen", dessen Auswirkungen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können: "Wenn Frauen ihre Geschichte finden, ihre Verbundenheit mit der Vergangenheit wiederherstellen und ihre wahre Bedeutung in der Kulturbildung richtig verstehen, wird ihr Selbstbewußtsein dramatisch verändert." (129) Durch das Aufdecken der verborgenen Geschichte wird ein Weg frei aus dem "kollektiven Vergessen". Er bietet die Chance, "das System der Halbwahrheiten, der Stereotypen, der Lügen, aus welchen Sexismus, Klassenhass und Antisemitismus immer wieder neu geboren werden, von Grund auf (zu) bekämpfen." (129f) Und Bock (2000) stellt an den Schluß ihres Buches eine weitere Folgerung aus den Ergebnissen der feministischen Frauenforschung. Im 21. Jahrhundert wird sich die Frage, "ob die Frauen Menschen sind", an der "Gestaltung des Verhältnisses von Frauenrechten und Menschenrechten" entscheiden. (354)
Die Berichte aus der "Werkstatt" von feministischen Geschichtswissenschaftlerinnen bezeichnen ihre Suche nach den von der Geschichte verborgenen Frauen, nach den "Frauen im Dunkel", nicht explizit mit jenen Vokabeln, die ich bei Autorinnen zitieren konnte, welche nicht oder nicht eigentlich als Historikerinnen arbeiten. (Bachmann, Streeruwitz, Günter bzw. Weigel) Doch die Notwendigkeit neuer Fragestellungen für das Auffinden von Frauen im Material der Geschichte und die Suche nach noch nicht zur Verfügung stehenden "Werkzeugen" verweisen auf solche Vorgangsweisen, wie sie als "Spurenlesen", als "Wi(e)derlesen", als "Gegen den Strich Lesen" bereits in anderen Zusammenhängen erkennbar geworden sind. Manches davon wird im nächsten Abschnitt im Kontext der Feministischen Theologie deutlicher ausgeführt. Für deren Untersuchungen wurden neue Methoden entwickelt, die dort ausführlich dargestellt sind.
8.2 Das Weib schweige in der Gemeinde! (Apostel Paulus)
Feminismus und Theologie
Die feministische Theologie bietet ebensowenig ein einheitliches Bild wie der Feminismus insgesamt. Der Grundimpuls stammt aus der zweiten Welle der Frauenbewegung, ausgehend von den USA. Zunächst als eine "Protestbewegung" entstanden, entfaltete sich später das eigentliche Programm der feministischen Theologie. Das führte zu einer breiten Auffächerung. Es gibt "postchristliche" Ausprägungen, dafür steht z.B. Mary Daly mit "Jenseits von Gott Vater Sohn & Co" (dt. 1980). Weiters finden sich Richtungen, welche sich an Göttinnenkult, Matriarchatsrekonstruktionen oder Natur und Mythologie orientieren. Differenzen zeigen sich auch innerhalb jener Ansätze, welche den Raum jüdisch-christlicher Tradition nicht verlassen haben. Nicht alle Richtungen überwinden die Dichotomie der Geschlechter-Konstruktionen, Kritik am Patriarchat erfolgt auf unterschiedlichen Grundlagen. Für meine Darstellung wähle ich einen Ansatz, der unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Kriterien arbeitet. Der Rahmen etablierter theologischer Forschung wird dabei jedoch kritisch-feministisch transformiert und überschritten. Das geschieht vor allem dadurch, daß die historischen, politischen und sozialen Kontexte sowohl bei der Entstehung der Quellen als auch bei deren Überlieferung und Interpretation bis in die Gegenwart aufgezeigt und reflektiert werden. Es ist dies die feministische Befreiungstheologie. (Vgl. Anneliese Lissner et al.(Hg.), Frauenlexikon,1100-1110, sowie Cornelia Giese, Gleichheit und Differenz,97-122)
Ohne sich auf die Theorien von Psychoanalyse und/oder Dekonstruktivismus zu beziehen, haben feministische Theologinnen - nicht nur aus dem christlichen, sondern auch aus dem jüdischen Bereich - in der Tradition ihrer Glaubensgemeinschaften die patriarchalen Verzerrungen aufgezeigt. Sie haben nach den Orten der nicht benannten, verschwiegenen, weithin unbekannten Frauen gesucht. Deren Existenz haben sie aufgezeigt und ebenso jene Strategien aufgedeckt und benannt, welche zum Ausblenden, zum scheinbaren Verschwinden der Hälfte der Gesellschaft geführt haben.
Obwohl das Christentum historisch und inhaltlich auf dem Judentum aufbaut, beschäftige ich mich zunächst mit der christlichen feministischen Theologie. Ich tue das, weil die von mir ausgewählte jüdisch-feministische Autorin (Judith Plaskow) sich auf den methodischen Ansatz von Elisabeth Schüssler-Fiorenza bezieht, welche in der christlichen Tradition steht. (s.u.)
8.2.1 Christentum
Feministische Theologinnen sehen sich mit der Frage konfrontiert, welche gesellschaftliche Relevanz das Projekt einer kritischen Re-Lektüre der Bibel bzw. der feministischen Kritik an religiösen Traditionen in einem säkularen Umfeld hat. Elisabeth Schüssler-Fiorenza sieht jedenfalls die "nachchristliche feministische Position (...) in Gefahr, ungeschichtlich und unpolitisch zu werden", wenn sie den Einfluß der christlichen Religion auf Frauen heute nicht wahrnimmt oder aber das Festhalten von Frauen an der christlichen Religion zu "falschem Bewußtsein" erklärt. "Insoweit das Christentum heute noch Einfluß ausübt, muß eine kulturelle und soziale feministische Umwandlung der westlichen Gesellschaft die biblische Geschichte und die geschichtliche Wirkkraft der biblischen Tradition berücksichtigen. Wir westlichen Frauen können unsere persönliche, kulturelle und religiöse christliche Geschichte nicht völlig abtun und vergessen." (Schüssler-Fiorenza I, 1988,18)
Ich erlebe häufig, daß jüngere Frauen, die nicht (mehr) religiös sozialisiert worden sind, kaum darüber informiert sind, wie stark die Kultur westlicher Gesellschaften nach wie vor jüdisch-christlich geprägt ist. Dadurch übersehen sie, welche Auswirkungen dieses Erbe auf die Situation von Frauen auch heute hat, bis weit in Bereiche wie etwa Politik oder Rechtsprechung, aber ebenso in den Medien und im Kontext von Wissenschaft und Kunst. Da in der feministischen Revision der "allgemeinen" Geschichtsschreibung die religiösen Traditionen eher einen Randbereich bilden, halte ich eine Ergänzung durch die feministische Theologie für wichtig. In der Wiedergabe der Untersuchungen von Schüssler-Fiorenza betone ich jene Aspekte, die von allgemein gesellschaftlichem Interesse sind, und lasse jene zurücktreten, die sich vorwiegend mit rein theologischen bzw. religiösen Fragestellungen befassen. (Das gilt ebenso weiter unten für den Bereich der jüdischen feministischen Theologie.) Da die beiden Bücher von Schüssler-Fiorenza im selben Jahr (1988) auf Deutsch herausgekommen sind, bezeichne ich sie nach den Zeitpunkten ihres Ersterscheinens in den USA mit I (1983) oder II (1984).
8.2.1.1 Theoretisch/methodischer Ansatz
Feministische Theologie als feministische Befreiungstheologie hat sich "als Überwindung und Kritik des traditionellen Androzentrismus und der patriarchalen Herrschaft in der biblischen Religion entwickelt". Sie versucht aber gleichzeitig, "das biblische Frauenerbe zurückzugewinnen, damit es Frauen für ihren Kampf um Befreiung Macht verleiht." Verbunden mit den feministisch-historischen Analysen ist "eine ausdrückliche Parteinahme für eine heute lebende Gruppe von Menschen: für Frauen, die von den biblischen Traditionen religiös oder kulturell beeinflußt werden." (Schüssler-Fiorenza I,23)
Schüssler-Fiorenza setzt sich mit einigen bisherigen Ansätzen sowohl von feministischer Geschichtswissenschaft als auch von früheren feministischen Re-Interpretationen der Bibel auseinander. Bisherige Modelle bezeichnet sie als unzureichend, da sie kein "akzeptables theoretisches Raster für die Rekonstruktion von Frauengeschichte zur Verfügung stellen". (I,126) Das von Schüssler-Fiorenza "gesuchte theoretische Modell müßte nicht nur 'eine Vision der historischen Rolle von Frauen als gleichzeitig im Zentrum und am Rand sozialer Beziehungen angesiedelt enthalten', sondern auch das Patriarchat als Quelle von Frauenunterdrückung und Frauenmacht zugleich erforschen". (I,127; Zitat M.R.Beard)
Schüssler-Fiorenza konzentriert sich auf die Zeit des frühen Christentums. Die dafür relevanten Texte sind das Neue Testament, weiters sogenannte apokryphe (d.h. nicht in den Kanon der Bibel aufgenommene) Schriften, häretische und außerchristliche Dokumente sowie die Schriften der sogenannten Kirchenväter aus den ersten Jahrhunderten. Diese Dokumente enthalten nicht nur das patriarchale Erbe, sondern in ihnen lassen sich auch solche Traditionen und Texte entdecken, in welchen "noch eine Spur der egalitär-inklusiven Praxis und Theologie der frühen ChristInnen" zu finden ist. "Wie die Spitze eines Eisberges weisen diese Texte auf ein möglicherweise reiches Erbe hin, das für uns heute verloren ist." Durch eine systemische Interpretation und eine historische Rekonstruktion soll "die versunkene Masse des Eisberges" sichtbar gemacht werden. Kirchliche, soziale und historische Kontexte spielen dabei eine wesentliche Rolle. (I,92) Die Bibel darf in diesem Zusammenhang nicht als "mythischer Archetyp", sondern muß als "historischer Prototyp" verstanden werden. (I,67) Ein solches Verständnis "setzt biblische Offenbarung nicht mit dem androzentrischen Text gleich." (...) "Biblische Texte und ihre Interpretationen sind in Interaktion mit ihren jeweiligen patriarchalen Kulturen und sozialen kirchlichen Strukturen formuliert." (I,68)
"Eine kritisch-feministische Hermeneutik der Befreiung muß ... die theologische und strukturelle Patriarchalisierung der neutestamentlichen und 'patristischen' Kirchen untersuchen." (patristisch: auf die Kirchenväter bezogen, EH.) (...) Sie muß nach theoretischen Modellen historischer Rekonstruktion suchen, welche die tatsächliche Situation von Frauen erkennen läßt. Sie muß weiters "theoretische Interpretationsmodelle entwickeln, die die sogenannten gegenkulturellen, häretischen und egalitären Traditionen und Texte in ihre Gesamtrekonstruktion von Theologie und Geschichte der Schrift integrieren kann." (I,68f)
Für die Untersuchung biblischer bzw. frühchristlicher Texte unter kritisch-feministischem Aspekt müssen Wege gefunden werden, das "Schweigen des Textes zu brechen und aus androzentrischer Geschichtsschreibung und Theologie Sinn zu gewinnen." Solche androzentrischen Texte sind nicht zu lesen als Widerspiegelung der Wirklichkeit, von der sie sprechen. Vielmehr muß nach "Anhaltspunkten und Andeutungen" gesucht werden, welche "auf die Wirklichkeit hinweisen, über die der Text schweigt." Dieses Schweigen ist zu lesen als "Zeugnis und Anzeichen jener Wirklichkeit (...), von der sie nicht explizit sprechen." (I,71) Schüssler-Fiorenza zitiert E. Fox-Genovese, wonach "das Schweigen ... Anhaltspunkte dafür (bietet), daß Frauen mit Absicht verschwiegen wurden." (I,72)
Auch Schüssler-Fiorenza vergleicht die kritisch-feministische Methode mit der "Arbeit einer Detektivin".(I,71) Und das Ausgraben der "Erdablagerungen unserer Geschichte, um die wesentliche Ader freizulegen" (nach A.Rich), verdeutlicht ebenfalls die Art der zu leistenden Arbeit. Es geht bei all dem um mehr als nur darum, ein neues Kapitel Kulturgeschichte zu schreiben: "... es ist ein Akt feministischer Transformation", wofür das "kritische Wiederaneignen der Vergangenheit" die Voraussetzung bildet. (I,72)
In einem weiteren ausdrucksstarken Bild sehe ich einen Hinweis darauf, daß es sich auch bei diesem Ansatz um dekonstruierendes Vorgehen handelt: "Androzentrische Texte sind Teil eines umfassenden Puzzles, das durch kreative kritische Interpretation der Texte mosaikartig zusammengesetzt werden muß." (I,71) Um die Teile dieses Puzzles freizulegen, ist die Arbeit der Dekonstruktion gefordert, auch wenn sie hier nicht explizit als solche benannt wird. Die darauffolgende Re-Konstruktion des verlorengegangenen und wiederentdeckten Frauenerbes wird von der Autorin als das wesentliche Ziel der Untersuchungen bezeichnet. Damit fügt sich diese Arbeit einer feministischen Re-Interpretation biblischer und anderer frühchristlicher Texte in den theoretischen und methodischen Ansatz ein, wie er in den Kapiteln 5 und 6 behandelt wurde. Und die Vorstellungen von einem Eisberg, dessen unsichtbarer Teil sichtbar gemacht werden soll, oder von einem Schweigen, das gelesen werden muß, verweisen auf die Ausgangsüberlegungen meiner Arbeit. Die Löschung, die Tilgung als Spur, die Asche, die auf das Vernichtete hinweist - all diese Metaphern stehen im selben Zusammenhang, verweisen auf das gleiche Geschehen.
8.2.1.2 Methodologische Probleme
Biblische und frühchristliche Schriften sind den meisten Menschen lediglich in Form von Übersetzungen zugänglich und bekannt. (Nur Fachleute können sie in der jeweiligen Urfassung lesen, soferne eine solche erhalten ist.) Beim Entstehen der jeweils vorliegenden, von patriarchalen Interessen, von Androzentrismus und Sexismus geprägten Textform haben zahlreiche Faktoren mitgewirkt. Jedoch "muß eine feministische Analyse über den Androzentrismus historischer Texte hinaus den Androzentrismus, der heutige wissenschaftliche Rekonstruktionen dieser Texte und ihrer sozialen Kontexte bestimmt, beachten".(Schüssler-Fiorenza I,73)
Der Androzentrismus der Sprache zeigt sich auf zweifache Weise: Zum einen als "inklusive Sprache", d.h., Frauen sind "mitgemeint". Ein Beispiel ist die Verwendung des Wortes "Mann" als Bezeichnung für "Mensch". (siehe Abschnitt 7.2.) Der andere Aspekt ist ein geschlechtsspezifischer: wenn nämlich Frauen direkt erwähnt werden, "dann nur, weil diese Frauen ganz außergewöhnlich waren oder weil ihr Verhalten zum Problem wurde." (I,76f) Die androzentrische Sprache der untersuchten Texte muß "bis zum Erweis des Gegenteils insgesamt als inklusive Sprache, die Frauen einbezieht", verstanden und wiedergegeben werden. (I,77) Mit anderen Worten: Nur wenn ausdrücklich das Gegenteil ausgesprochen wird oder aus dem Kontext erkennbar ist, darf von einem Nicht-Mitgemeintsein, einer Nicht-Anwesenheit der Frauen ausgegangen werden. Frauen sind anwesend, auch wenn die Sprache sie als abwesend erscheinen läßt. Bezüglich praktischer Kriterien, mit deren Hilfe "sexistisch-patriarchale Funktionen" der Sprache aufgedeckt werden können, verweist die Autorin auf die feministische Linguistik. (II,53)
Eine zweite Hürde bei der feministischen Re-Lektüre der erwähnten Texte ist die Tatsache der "androzentrischen Selektion historischer Traditionen". (I,82) Neutestamentliche Schriften dürfen nicht als "objektive Tatsachenberichte der frühchristlichen Geschichte und Entwicklung" verstanden werden. Es sind "von pastoralem Engagement geleitete Schriften". (I,82) Die frühchristlichen Gemeinden, auf deren Lebens-Realität die Texte abgestimmt waren, haben "in einer vorherrschend patriarchalen Welt gelebt und an deren Mentalität teilgenommen". Daher geht die Spärlichkeit der Informationen über Frauen "auf die androzentrische Überlieferung und Redaktion der frühchristlichen AutorInnen" zurück. "Viele Traditionen und Informationen über das Wirken von Frauen im frühen Christentum sind vermutlich deshalb unwiederbringlich verloren, weil der androzentrische Selektions- und Redaktionsprozeß sie als unwichtig oder als gefährlich angesehen hat." (I,83) Es kann angenommen werden, daß "die frühchristlichen SchriftstellerInnen nur einen Bruchteil der möglicherweise reichen Traditionen ... überlieferten." Damit ist "der größte Teil des frühchristlichen Frauenerbes verlorengegangen bzw. kann bestenfalls aus den androzentrischen frühchristlichen Dokumenten ausgegraben werden." (I,87)
Wenn also die Textform der überlieferten Schriften zum Teil "kulturell-politischer Apologetik zugeschrieben werden kann, fand die Kanonisierung frühchristlicher Schriften (d.i. die Aufnahme in das Neue Testament, EH.) zu einer Zeit statt, in der verschiedene Parteien der Kirche in einen ... Kampf für oder gegen Frauen in Leitungsfunktionen verwickelt waren. "(I,87) Die Polemik "der Kirchenväter gegen Frauen" weist darauf hin, daß bezüglich der "Frage 'Frauen und kirchliches Amt' im zweiten und dritten Jahrhundert" noch keine Einigkeit herrschte. Außerdem ist daran zu erkennen, daß es Widerstände gegen die patriarchale Entwicklung des kirchlichen Amtes gab. Die überlieferten Hinweise auf Frauen in kirchlichen Leitungspositionen sind also das Ergebnis von Streit und Polemik, und nicht "historisch adäquate und theologisch angemessene Information." (I,90)
Neben dem Androzentrismus in der Sprache, in der Übersetzung und Interpretation der Schriften sowie dem patriarchalen Kontext bei der Auswahl des Kanons ist auch die Tatsache androzentrischer Projektionen (I,93ff) zu berücksichtigen. Androzentrische Texte sind als "ideologische Artikulationen von Männern" zu verstehen, die ”patriarchale historische Lebensbedingungen sowohl widerspiegeln als auch aufrechterhalten." (I,97)
Beweise dafür, daß unter den frühchristlichen Schriften auch solche sind, die von Frauen verfaßt wurden, existieren nicht. Dennoch gibt es einige Hinweise darauf, daß das fallweise doch zutreffen könnte. Jedoch: Die Annahme einer "weiblichen AutorInnenschaft darf nicht zu der Annahme verführen, daß der androzentrische Charakter der Schriften damit überwunden wäre." (I,98) Die These, daß unter den Autoren auch Autorinnen gewesen sein könnten, bereichert allerdings die "theologische Vorstellungskraft, denn sie eröffnet die Möglichkeit, Schriften von Frauen apostolische Autorität zuzuschreiben und damit theologische Autorität für Frauen in Anspruch zu nehmen." (I,98f) Solche Vorstellungen hält Schüssler-Fiorenza für geeignet, "den Einfluß androzentrischer Texte auf unsere historische Imagination zu brechen." (I,99)
8.2.1.3 Interpretations-Modell
Kritisch-feministische Hermeneutik leitet ihren "Kanon" "nicht zuerst von biblischen Texten ab; sie tut dies vielmehr aus der Erfahrung des Kampfes von Frauen heute gegen Rassismus, Sexismus und Armut als unterdrückerischen Systemen des Patriarchats und durch ihre systematische Forschung in feministischer Theorie." (Schüssler-Fiorenza II,48) Voraussetzung dafür ist, wie schon oben erwähnt, eine Paradigmenverschiebung innerhalb der Bibelwissenschaft, wonach die Bibel nicht als mystischer oder religiöser Archetypus verstanden wird, sondern als historischer Prototypus. (II,48f)
Das von Schüssler-Fiorenza vorgeschlagene "soziologisch-theologische Modell zur Rekonstruktion der frühchristlichen Bewegung" ist keinesfalls gleichzusetzen mit einer "Suche nach den wahrhaft unverfälschten, orthodoxen Anfängen", die im Lauf späterer Entwicklungen dann verfälscht worden wären. Der von der Autorin entwickelte Ansatz ist "das Modell von sozialer Interaktion und religiöser Transformierung, von christlicher 'Vision' und historischer Verwirklichung, vom Kampf um Gleichheit und gegen patriarchale Herrschaft." (I,136)
Dieses Interpretationsmodell enthält vier strukturelle Elemente. Für meine Überlegungen hat dabei die erste Stufe vorrangige Bedeutung.
a) Kritisch-feministische Interpretation beginnt mit einer Hermeneutik des Verdachts.
"Sie geht von der Annahme aus, daß biblische Texte und ihre Interpretation androzentrisch bestimmt sind und patriarchale Funktionen haben können." In den als androzentrisch erkannten Texten und deren Interpretationen wird nach "verlorengegangenen Traditionen und Visionen der Befreiung" als einem Erbe der Frauen gesucht. Kritisch hinterfragt werden in diesem Zusammenhang sowohl die heutige Bibelwissenschaft als auch populäre Interpretationen. Weiters setzt sich die Untersuchung auseinander mit den Autoren der Bibel, den Prozessen der Überlieferung sowie mit den theoretischen Modellen einer heutigen historisch-kritischen Bibelinterpretation. (II,50f)
Auf welche Fallen bei einer solchen Re-Interpretation biblischer (und auch anderer frühchristlicher Texte, EH.) geachtet werden muß, wird an folgendem Beispiel deutlich. Wenn sich etwa die Aufmerksamkeit nur auf das richtet, was biblische männliche Autoren über Frauen schreiben, und nicht auch auf ihre Äußerungen über Männer, so verweist dies auf ein "theoretisch-kulturelles androzentrisches Paradigma, nach dem der Mann als Mensch schlechthin gilt und Frauen nur noch das 'Andere', eine Art Ausnahme des Menschseins, nicht aber die Regel sind." (II,51) Diesen Hinweis halte ich für wichtig und in etwa vergleichbar mit dem "Durchtrennen der Gedankenleitungen", von welchem im "Fall Franza" die Rede ist und worauf ich mich schon öfter bezogen habe.
b) Die zweite Stufe des Modells ist bezeichnet mit
Hermeneutik der Verkündigung.
In diesem Rahmen soll "die theologische Bedeutung der Bibel und ihre Kraft für die heutige Gemeinde der Gläubigen" entdeckt werden. (II,53) Wesentlich scheint mir, daß "eine feministische Hermeneutik der Verkündigung die Funktion von Bibeltexten in der heutigen patriarchalen Kultur" sorgfältig analysiert. (II,54) Das ist nach meiner Überzeugung nicht nur für den kirchlich-religiösen Bereich wichtig.
c) Hermeneutik des Erinnerns
ist die Bezeichnung für die dritte Stufe der Untersuchung. Bei einer historisch-kritischen Rekonstruktion biblischer Geschichte sollen alle biblischen Traditionen miteinbezogen und so zurückgewonnen werden. Die Analyse will über die androzentrischen Texte hinaus zur Geschichte von Frauen in Bibel und biblischer Religion vordringen (II,55), will sie zu einer "gefährlichen Erinnerung" werden lassen. "Die Versklavung und Kolonisierung von Menschen wird durch die Zerstörung ihrer Geschichte total, denn sie werden dadurch der Möglichkeit zur Solidarität mit dem Glauben und Leiden der Toten beraubt." (I,65)
d) Die vierte Stufe wird benannt als
Hermeneutik kreativer Aktualisierung.
Sie ist am stärksten religiös ausgerichtet und arbeitet sowohl kritisch als auch konstruktiv. Sie bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern ebenso auf die Zukunft der Frauen-Kirche. (II,57) Den Hintergrund dafür bildet das Bewußtsein, daß "die strukturelle Sünde und die verinnerlichten Werte des Sexismus" zurückgewiesen werden müssen. (II,58) Ein solches Zurückweisen ist allerdings, nach meiner Erfahrung, nicht ein einmaliger, sondern ein immer wieder neu zu setzender Akt.
Anmerkung: Dieses Modell von Schüssler-Fiorenza hat Andrea Günter für ihre literaturwissenschaftlichen Untersuchungen in adaptierter Form übernommen. (Günter 1997,16)
8.2.1.4 Kommentar
Die Arbeit christlicher feministischer Theologinnen in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, daß religiös orientierte Frauen heute auf ein breites, gut abgesichertes Argumentationspotential zurückgreifen können, wenn sie innerhalb ihrer kirchlichen Gemeinschaften um die Durchsetzung ihrer Menschenrechte kämpfen.
Lt. Schüssler-F. gibt es auch "Anzeichen dafür, daß die Bibelwissenschaft die Herausforderung der Befreiungstheologien ernst nimmt und daß sie sich auf einen Prozeß der Rekonzeptualisierung ihres eigenen Verständnisses von Geschichte und Interpretation einläßt." (II,211) (Meines Wissens gilt das eher für die USA als für Europa, EH.)
Bibelübersetzungen, die sich auf kritische und konstruktive Weise mit dem Problem des Androzentrismus auseinandersetzen, werden allerdings wohl noch länger auf sich warten lassen.
Ein Projekt wie das mehr als 800 Seiten umfassende ”Kompendium Feministische Bibelauslegung” (Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hg.) 1998,1999) stellt jedoch ein Ergebnis dar, das gerade in einer Zeit nachlassenden feministischen Engagements ein bemerkenswertes Signal gibt. An ihm haben Theologinnen aus allen fünf Kontinenten mitgewirkt, die Methodik von Schüssler-Fiorenza hat häufig die Basis dafür geliefert. Im Grunde genommen müßte daran interdisziplinäres Interesse bestehen, denn die Arbeit feministischer Theologinnen ist eben "nicht nur eine religiöse, sondern auch eine wichtige politisch-kulturelle Aufgabe, da biblisch-patriarchale Religion immer noch an der Unterdrückung und Ausbeutung aller Frauen in unserer Gesellschaft mitwirkt." (I,64)
8.2.2 Judentum
Gerda Lerner (2000) stellt fest, daß die jüdische Religion wie keine Religion je vorher "Geschichte in die Religion eingebaut hat." (126) Die Verfolgung der Juden hat mit der Sklaverei in Ägypten begonnen, "nach der babylonischen Gefangenschaft und in der Diaspora wurden sie eine Religionsgruppe mit einer besonderen Geschichte ..." (125) Das Bewußtsein dieser Vergangenheit ist in religiöse Rituale eingebaut und dadurch lebendig geblieben. (125) Ihre "geschichtsbedingte Lebenserfahrung und Selbstdefinition" unterscheidet selbst assimilierte Juden von Nicht-Juden. (128)
8.2.2.1 Tradition und Gegenwart
Für jüdische Menschen - auf Grund der oben angeführten Voraussetzungen weitgehend auch für solche, die sich nicht als gläubig verstehen - haben die "heiligen Schriften" des Judentums eine entscheidende identitätsstiftende Funktion. Es handelt sich dabei um die sogenannte Tora im engeren und im weiteren Sinn: Die ersten fünf Bücher der jüdischen Bibel (d.i. die eigentliche Tora, "das Gesetz"), die Bücher der Propheten und andere Schriften des sog. "Alten Testaments"; dazu der Talmud (rabbinische Gesetzestexte und Kommentare) und die Halacha, in welcher biblische Texte erzählend kommentiert und erweitert werden.
Nicht nur jüdische Männer stehen in dieser Tradition. Etwa seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhundert haben in den USA jüdische Frauengruppen daran gearbeitet, "die jüdischen Grundideen aus einer feministischen Perspektive zu überdenken." (Judit Plaskow 1992,11) Es ist zunächst nicht unbedingt einsichtig, welche Rolle eine feministische Theologie spielen kann, um das Ziel eines feministischen Judentums zu erreichen, denn "Theologie (spielt) im jüdischen Leben nur eine begrenzte Rolle." "... es ist vielmehr die Beobachtung des Gesetzes als das Befolgen theologischer Prinzipien, was einen als religiöse Jüdin oder Juden kennzeichnet." Allerdings "wirkt (...) die Theologie in wichtiger, unbemerkter Weise auf die jüdische Praxis."(47) Feministische Theologie sieht Plaskow als ein wesentliches Mittel, um die "patriarchalen Strukturen zu untergraben ..." (48) "Solange Theologie als unwichtig abgetan wird, wird der Sexismus, wie er in bestimmten jüdischen Ideen eingebaut ist, durch die Vernachlässigung der Theologie unterstützt und begünstigt. (...) Nur wenn die Grundkategorien jüdischen Denkens im Licht des Schweigens der Frauen neu aufgebaut werden, werden unüberprüfte theologische Annahmen aufhören, auf Kosten der Frauen zu wirken ." (48)
Die Spannung, in welcher eine jüdisch-feministische Theologie steht, aber auch die gesellschaftlich-politischen Implikationen dieses Ansatzes werden bei Plaskow deutlich. Da ist zunächst die "Grunderfahrung des Judentums," das "Eintreten in den Bund am Berg Sinai". Das ist das zentrale Ereignis, durch welches das jüdische Volk konstituiert wurde. (51) Dabei finden sich Frauen nicht angesprochen. Sie sind unsichtbar, obwohl ihre Anwesenheit eindeutig vorausgesetzt ist, etwa im Gebot an alle Männer, sich drei Tage lang von Frauen fernzuhalten. Jüdische Frauen werden durch diese Passage im Buch Exodus herausgefordert bis zu der existentiellen Frage: "'Haben wir ... je einen Bund gehabt? Sind Frauen Juden?'" Daß es dabei nicht um ein bloß historisches Phänomen geht, das aus der damaligen Zeit zu verstehen ist, zeigt sich bei der alljährlich wiederholten Lesung der entsprechenden Bibelstelle. Nach jüdischem Verständnis soll jede Generation sich die seinerzeitigen Geschehnisse wieder aneignen, für sich gültig machen. "Wenn der Bund ein Bund mit allen Generationen ist (...), dann schließt seine Wiederaneignung auch die ständige Wiederaneignung der Marginalität der Frauen ein." (52)
Der andere Spannungspol des jüdischen Feminismus ist die Auseinandersetzung mit der Realität des Staates Israel. Bei der Gründung dieses Staates hat die Rolle orthodoxer Parteien dazu geführt, daß die Ungleichstellung der Geschlechter "konsolidiert und intensiviert" wurde. In einem 1951 verabschiedeten Gesetz zur Gleichstellung von Frauen wurden Eheschließung und Scheidung davon ausgenommen. Dadurch wurden "einige der am meisten benachteiligenden Seiten der Halacha institutionell und rechtlich sanktioniert." (143) Eine feministische Vision für eine Neugestaltung des Staates Israel nimmt auch die anderen "hierarchischen Differenzierungen des jüdischen Lebens" in den Blick, etwa die Benachteiligung orientalischer jüdischer Gruppierungen sowie die Lage der PalästinenserInnen. "Eine jüdisch-feministische Vision muß das Modell der Gemeinschaft, in der Verschiedenheit gepflegt und anerkannt wird, auf alle Gemeinschaften und alle Unterschiede anwenden, mit denen jüdische Feministinnen zu tun haben." (152)
Die Autorin weist "die Spaltung zwischen einem jüdischen und einem feministischen Selbst" zurück. (14) Jüdischen Feministinnen geht es um "eine durchgreifende Transformation von Religion und Gesellschaft." (19) "Im jüdischen Kontext bedeutet das, jeden Aspekt der Tradition so zu re-formieren, daß er auch die Erfahrungen der Frauen umfaßt. Nur wenn wir, denen 'die Macht zu benennen geraubt' wurde, unsere Stimme wiederfinden und zu sprechen beginnen ..." (20), kann dieses Ziel erreicht werden. (Zitat nach Mary Daly, dt. 1980)
Plaskow stellt fest, daß die "Abwesenheit der Geschichte und der Erfahrungen von Frauen als prägende Kräfte in der jüdischen Tradition" (25) aufgezeigt werden müssen. Dieses Vorhaben bezeichnet sie mit dem Ausdruck "das Hören des Schweigens". Dieses "unermeßliche Schweigen" geht leicht in der sogenannten natürlichen Ordnung unter, da es mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird. "Das Schweigen zu hören, ist nicht leicht." (25)
Plaskow will herausfinden, "welcher Herrschaftsbereich des Schweigens an den Wurzeln des jüdischen Feminismus liegt", und zeigt die dazu nötigen methodischen Voraussetzungen auf. Die eindeutige Kritik am Judentum dient nicht primär der Anklage. Sie muß jedoch dem "Prozeß der Rekonstruktion" vorausgehen und ihn begleiten. (26) Hier ist wieder implizit ein Hinweis auf den Ansatz der Dekonstruktion enthalten.
Ausgehend von Simone de Beauvoir macht Plaskow deutlich, daß es "nicht die Erfahrung von Frauen (ist), die in der Sprache bewahrt wurde, oder die unsere kulturellen Formen gestaltet hat." (26) Und: "Wo Frauen die Anderen sind, können sie zugleich gegenwärtig und schweigend/verschwiegen sein..."(27) "Die Interessen und Absichten der Frauen müssen aus Texten, die anderen Zwecken dienen, herausgeschält werden, denn Gesetz und Erzählung dienen dazu, sie zu verbergen." (28) Diese Formulierungen klingen (auf Grund der vorhergehenden Kapitel) bereits vertraut, sie bezeichnen das Unternehmen des Wi(e)der-Lesens, des Dekonstruierens, des Wahrnehmens einer Löschung als jener Spur, die zum Gelöschten führt.
Plaskow sieht "innerhalb der Regeln des Systems keine Möglichkeit, das volle Menschsein der Frauen wiederherzustellen." (37) Die Konsequenz davon stellt einen "bewußten und wichtigen Bruch mit der jüdischen Tradition dar". Daraus ergibt sich "eine Dimension des Autoritätsproblems", nämlich die Frage nach dem feministischen Umgang mit den Quellen. Eine "zweifache, paradoxe Beziehung" zu den biblischen Texten besteht dadurch, daß einerseits die Verbundenheit mit der Bibel nicht aufgehoben, andererseits ihr gegenüber "kritische Freiheit" beansprucht wird. Damit werden "gleichzeitig (zumindest) zwei unterschiedliche Haltungen gegenüber jüdischen Quellen" benannt. Ihnen entsprechen die von Schüssler-Fiorenza (II, EH.) beschriebenen Kategorien einer "Hermeneutik des Verdachts" und einer "Hermeneutik des Erinnerns", welche lt. Plaskow "einer feministischen Aneignung religiöser Texte zugrundeliegen müssen." (38) (siehe Abschnitt 8.2.1.3) Auch hier wird darauf verwiesen, daß "dieselben Texte in verschiedenen Kontexten befreiend oder unterdrückend sein können." (39) Quellen, die "mit Mißtrauen zu betrachten sind", liefern zugleich die Bausteine für die "Rekonstruktion der Geschichte jüdischer Frauen". Wenn diese Texte mit "neuen Fragen und kritischer Freiheit gelesen werden, können sie 'gefährliche Erinnerungen' vergangener Befreiungskämpfe innerhalb und gegen das Patriarchat hergeben, Erinnerungen, die heutige Frauen mit einer transformativen Geschichte" verbinden. (40) "Insofern biblische Texte die Frauen zum Schweigen bringen und dazu dienen, sie zu unterdrücken, müssen sie als Texte betrachtet werden, die das Patriarchat 'offenbaren'". (45)
8.2.2.2 Kommentar
Die bereits in Abschnitt 8.2.1 dargelegten Prinzipien für den Umgang mit dem Androzentrismus und Sexismus in der schriftlichen Überlieferung, in deren Interpretation und in der gelebten Tradition werden von Plaskow aufgenommen und müssen hier nicht neuerlich dargestellt werden. Für wichtig halte ich den Eindruck, daß die feministisch-theologische Auseinandersetzung mit den religiösen Wurzeln und Überlieferungen im Bereich des Judentums eine gesellschaftspolitische Bedeutung hat, die noch größer ist als im (weitgehend säkularisierten) "christlichen Abendland". 77
9. Feminismus und Literatur
Praxis des Dekonstruierens unter feministischem Aspekt
(Teil 3)
Die Untersuchung der "historischen Konstituiertheit von Tradierungsverfahren und Einordnungsprozessen" bzw. die "Rekonstruktion von Traditionsbildungsprozessen" (Andrea Günter 1997,9f) ist jener Aspekt der kritischen Auseinandersetzung mit der etablierten Literaturwissenschaft, mit dem ich mich hier in erster Linie befasse. Weiters mache ich mich auf die Suche nach den Orten weiblichen Schreibens, nach der besonderen Position von Autorinnen im Kontext des herrschenden symbolischen Systems.
Auf andere wichtige Bereiche der feministischen Literaturwissenschaft, wie z.B. die Untersuchung von Weiblichkeitsbildern in der Literatur oder von weiblichen Schreibweisen, gehe ich im Zusammenhang meiner Arbeit nicht ein.
9.1 Wie sprachen Sappho und ihre Freundinnen?
(Walter Benjamin)
Feminismus und Literaturgeschichte
Die Rekonstruktion der Literaturgeschichte als einer Geschichte des Schreibens von Frauen ist ein grundlegendes Anliegen der feministischen Literaturwissenschaft. Die Kanonbildung innerhalb der etablierten Literaturwissenschaft erweist sich dabei als "zentrales neuralgisches Moment." Denn diese Kanonbildung hat dazu geführt, "daß Literatur von Frauen sowie weibliche Schreib- und Erfahrungszusammenhänge in der Literaturgeschichtsschreibung kaum beachtet wurden." (Andrea Günter 1997,32)
Literaturwissenschaftlerinnen waren noch in den 1970er Jahren häufig der Ansicht, daß der "Mangel an Literatur von Frauen in den Medien der literarischen Traditionsvermittlung sowie im kulturellen Gedächtnis" die tatsächliche Beteiligung von Frauen an der Produktion von Literatur gespiegelt hat. Dadurch war ihnen zunächst oft der Zugang zum literarischen Schaffen von Frauen verstellt. Unterdessen ist deutlich geworden, daß "Frauen einen maßgeblichen Beitrag zum literarischen Schaffen geleistet haben". (Günter 1997,45f) Feministische Forscherinnen hatten und haben sich dabei nicht nur mit überkommenen, d.h. männlich kodierten Kategorien, Ideologien und Klischees auseinanderzusetzen, sondern auch mit inzwischen entwickelten feministischen Kriterien. Das verlangt ständiges "Mißtrauen gegenüber jeglichen, auch gegenüber unseren eigenen Vorstellungen von Frauenliteratur." (ebd.46)
Auch Sigrid Weigel konstatiert, daß die feministische Literaturwissenschaft ihre "Kritik am Fach" mit der Beobachtung der "auffälligen Abwesenheit von Frauen in der Literaturhistorie" begonnen hat. Unterdessen hat die Forschung gezeigt, "wie groß die Zahl schreibender Frauen in der Geschichte war und welches Ausmaß somit Ausgrenzen und Verschweigen von Schriftstellerinnen ... haben." (Weigel 1990,248) Die Autorin verweist auf ein Lexikon "Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts", in welchem etwa 4000 Namen genannt sind. "Es wird noch lange dauern, bis deren Texte wieder aufgefunden und neu gelesen worden sind." (ebd. 248)
9.1.1 Exkurs: Zum Phänomen "Frauenliteratur"
Im Zusammenhang der feministischen Literaturwissenschaft taucht immer wieder der Ausdruck "Frauenliteratur" auf. (siehe z.B. oben Zitat Günter 46) Dieser Begriff ist nicht eindeutig, er müßte in jedem Kontext genau definiert werden. Häufig wird darunter das "gesamte Literaturpotential einer weiblichen Verfasserschaft" in Abgrenzung zur "feministischen Literatur" verstanden. (Anneliese Lissner et al., Frauenlexikon, 1988, 658) Anna Mitgutsch dagegen spricht von Frauenliteratur als von einer "Nischenbezeichnung, die sich auch in der Literaturwissenschaft zum Zweck der Kategorisierung durchgesetzt hat." Sie kritisiert, daß damit bestimmte Produkte "ihres Anspruchs auf Allgemeingültigkeit entkleidet werden."(Mitgutsch 1999,94f)
Mit solchen Definitions-Schwierigkeiten und mit der Entstehung dieser Literaturgattung setzt sich Sigrid Weigel ausführlich auseinander. (Die Stimme der Medusa, 1989) Sie untersucht "die Genese des Begriffs und der Rede über die 'Frauenliteratur' auf ihre historischen Voraussetzungen hin ..." Diese Autorin bietet keine Definition oder Begriffsbestimmung. Sie versteht "Frauenliteratur" als "diskursives Ereignis". Die Einführung des Begriffs Mitte der 1970er Jahre hat(te) sowohl "einen Bruch zur bestehenden literarischen Praxis markiert als auch weitreichende Konsequenzen für die schriftstellerische Praxis von Frauen und die Lektüre ihrer Texte". (14) Weigel fragt nach den Bedingungen, den Möglichkeiten und Defiziten, aus denen heraus "der Diskurs der 'Frauenliteratur' entstanden ist, und welche Spuren er in der Gegenwartsliteratur von Frauen hinterlassen hat." (ebd. 23)
Die Rede von einer "Frauenliteratur" hat in einem gewissen zeitlichen Abstand zum Beginn der zweiten Frauenbewegung begonnen. Das bedeutet eine Ungleichzeitigkeit zwischen dem politischen Diskurs der Frauenbewegung und dem der "Frauenliteratur". Erst in dem Abschnitt dazwischen hat sich die Aufmerksamkeit für die Literatur von Frauen entwickelt und "der Wunsch, nach einer spezifischen Frauen-Literatur zu suchen". (ebd.26) Damit ist jedoch nicht in erster Linie eine zeitliche Differenz gemeint. Das "Programm der 'Frauenliteratur' wurde von der Empfindung eines Mangels" konstituiert. Dahinter steht die Frage, "warum die vorhandene und zur gleichen Zeit publizierte Literatur von Frauen den Bedürfnissen der Frauenbewegung nicht entsprach." Es gab also eine weitere Ungleichzeitigkeit zwischen den Werken zeitgenössischer Schriftstellerinnen einerseits und den "programmatischen Vorstellungen zur 'Frauenliteratur'" auf der anderen Seite. (ebd. 26) In diesem "Nebeneinander von politischem, feministischem Engagement" und "der literarischen Sprache und den Weiblichkeitsmustern" von Autorinnen, die zur gleichen Zeit geschrieben haben, sind auf feministischer Seite Werke nicht rezipiert worden, welche ab einem späteren Zeitpunkt zur meistgelesenen Literatur gerade von gesellschaftspolitisch engagierten Frauen zählten. Als signifikantes Beispiel verweist Weigel auf "Malina" von Ingeborg Bachmann, erschienen 1971. (ebd.26f)
Im Konzept "Frauenliteratur" drückt sich also die Tatsache aus, daß dem damaligen feministischen Aufbruch keine als adäquat empfundene Literatur von Frauen zur Verfügung stand. Im Hinblick auf die Literatur von Frauen ortet Weigel ein "Nullpunkt-Bewußtsein". Gerade auch für das Schreiben von Frauen hatte die Zeit des Faschismus einschneidende Bedeutung: Die "Spuren feministischer, avantgardistischer und sozialistischer Literatur (waren) weitgehend verschüttet und 'vergessen'." So mußten sich vor allem jüngere und engagierte Frauen als "traditionslos" betrachten, denn in der Nachkriegszeit waren die Traditionslinien aus der Zwischenkriegszeit nicht nur nicht wieder aufgenommen, sondern auch "aktiv zerstört" worden. In diesem Zusammenhang wird deutlich, daß "die Aufgabe der Rekonstruktion weiblicher Kulturgeschichte bis in die jüngste Vergangenheit reicht." (ebd.27)
Die Texte zahlreicher Schriftstellerinnen, die "vor der 'Frauenliteratur' schrieben und publizierten, (...) entsprachen offensichtlich nicht den Emanzipationsvorstellungen und Lesebedürfnissen des feministischen Diskurses ..." Die Art und Weise, in der Autorinnen wie z.B. Marlen Haushofer "ohne programmatische Titel" über die Erfahrungen von Frauen schrieben und sich mit Weiblichkeitsbildern auseinandersetzten, wurde von feministischen Frauen damals zunächst nicht wahrgenommen. (ebd. 28f)
In den Jahren 1975/76 gab es die ersten programmatischen Diskussionen über "Frauenliteratur", wurden erste feministische Verlage gegründet, erschienen prototypische Werke der neuen Literaturgattung. (ebd.48f) In der späteren Rede von "Frauenliteratur" wurde allerdings gegenüber der Produktorientierung häufig die "kulturelle und politische Situation vergessen (...), aus der die entsprechenden Texte ebenso wie die Nachfrage nach ihnen entstanden sind." (ebd.51)
Für die nicht im Kontext der damaligen "engagierten" Literatur schreibenden Autorinnen wurde auf diese Weise die Rezeption ihrer Texte "nicht nur durch die Voreingenommenheit der überwiegend männlichen Literaturkritik verstellt, sondern auch durch den Diskurs der Frauenbewegung." Diese Autorinnen haben nicht das Patriarchat (explizit) kritisiert, in ihrem Schreiben "setzen sie sich mit dem Ort des Weiblichen im Symbolischen und im Imaginären auseinander und zeichnen die destruktiven Strukturen der männlichen Ordnung auf, so wie sie sich bis in den Körper, ins Denken und in die Träume von Frauen eingeschrieben haben." (ebd.40) In Zusammenhang mit diesen Feststellungen tauchen neben anderen auch immer wieder - und an bevorzugter Stelle - die Namen jener beiden Autorinnen auf, deren Texte ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen gemacht habe: Ingeborg Bachmann und Marlen Haushofer. Und es wird deutlich, daß die "Unsichtbarkeit" von Frauen, in diesem Fall von Autorinnen, zumindest temporär nicht nur durch den männlichen Diskurs, sondern ebenso durch einen bestimmten feministischen Blickwinkel verursacht wurde. Ihre "Wiederentdeckung" durch den Feminismus bzw. die Neuveröffentlichung ihrer Werke ab den 1980er Jahren haben zumindest Bachmann und Haushofer nicht mehr erlebt.
9.1.2 Die Arbeit der Entzifferung
Jene Stelle im "Fall Franza", welche die Konfrontation der Protagonistin mit der "gelöschten Spur" im Tempel der Königin Hatschepsut beschreibt (siehe Abschnitt 3.1), ist lt. Weigel 1990 "eines der am häufigsten verwendeten Literaturzitate in der feministischen Literaturwissenschaft." (252) Sie hält es für eine bessere Beschreibung der "Situation, in der sich eine Frau im Angesicht der 'Geschichte weiblicher Geschichtslosigkeit' befindet", als viele wissenschaftliche Untersuchungen. Und das Entziffern einer alten Geschichte "aus den Spuren der Auslöschung und Zerstörung, aus den Zeichen des Mangels und der Abwesenheit" zu lernen, vergleicht sie mit der Arbeit der feministischen Literaturwissenschaft. Die Fähigkeit, die Geschichte von Frauen "aus den Zeichen der Abwesenheit zu entziffern" (ebd.252), ist dafür notwendig, muß gelernt werden. Auf den "Fall Franza" verweist Weigel auch deshalb, weil hier "am deutlichsten jene Spannungen und Brüche erkennbar werden, die beim Aufeinandertreffen etablierter Diskursformen mit anderen, um den Ort des Weiblichen in der Geschichte sich bemühenden Wahrnehmungs- und Artikulationsweisen zustande kommen." (ebd.254)
Begonnen hat das "große Arbeitsprojekt einer Rekonstruktion der weiblichen literarischen Tradition" mit dem Sichten der vorhandenen Bestände der Literaturwissenschaft. Der erste Eindruck war der einer "desolaten Lage". Auch hier (wie in der allgemeinen Geschichtsschreibung) waren zunächst nur einzelne "Ausnahmefrauen" aufzufinden, diese dazu noch spärlicher als etwa in der englischen oder französischen Literaturgeschichte. Dieser erste Schritt vermittelte das Bild, daß in der männlichen Domäne des Schreibens Frauen außer in Ausnahmefällen "nur unter besonderen Opfern oder aber als Schar von Helferinnen, als Musen und Leserinnen" zugelassen waren. Aus diesem Befund entwickelte sich lt. Weigel im weiteren Verlauf eine "archäologische Arbeit". Diese besteht darin, "durch die Schichten der Überlieferung hindurch die Spuren eines verborgenen, verdrängten Wissens von/über Frauen und ihre kulturellen Produktionen zu entziffern ..." In der bisherigen Arbeit wurde "eine Fülle von Mosaiksteinen zu einem ... stets sich verändernden Gesamtbild weiblicher Literaturgeschichte zusammengetragen." (ebd.256f) "... das Ausmaß und die Mechanismen des Verschweigens weiblicher Kulturleistungen in der Literaturhistorie haben gezeigt, daß es sich dabei um ein aktives Vergessen handelt, das den Regeln der Disziplin, den zentralen Begriffen und Verfahrensweisen des Faches immanent ist." Wesentlich ist die Erkenntnis, daß es nicht um ein Ergänzen geht, nicht um ein Komplettieren von Unvollständigem, "sondern um eine grundsätzliche Re-Lektüre, die es notwendig macht, das gesamte Wissen des Faches zu dekonstruieren." (ebd.257)
Die Unsichtbarkeit der Autorinnen beruht auf der "Beredsamkeit des Fachdiskurses in seinem Schweigen über Zeugnisse weiblicher Autorschaft. Namenlosigkeit, falsche Namen, vertrauliche Nennung unter Vornamen, die bibliographische Vereinnahmung von Autorinnen unter dem Namen ihres Ehemannes, falsche Datierungen, Genrebezeichnungen und Inhaltswiedergaben, die Ineinssetzung von historischen Frauen und mythischen Figuren, die Verwechslung von Werk und Leben, von Heldin und Verfasserin - all das sind Beispiele dafür, daß im herrschenden Literaturbegriff weibliche Autoren nicht vorgesehen sind ..." (ebd.258) Insbesondere mit der Frage der Namen(losigkeit) von Autorinnen beschäftigt sich anhand zahlreicher Beispiele Barbara Hahn in ihrer Untersuchung "Unter falschem Namen" (1991). Am Ende gesteht sie, daß auch sie selber "unter falschem Namen" schreibt, da sie als Autorin weder den Namen ihres Vaters noch den ihres Ehemannes verwendet. Neben all den schon angeführten Taktiken gehört auch die "pauschale Bewertung" der Texte von Frauen als "Trivialliteratur" zu den Mechanismen des Unsichtbarmachens (Weigel 1990,248) ebenso wie ihre Einordnung als Frauenliteratur im Sinne eines "Nischenbegriffs". (s.o.)
9.2 Der Ort weiblichen Schreibens
Frauen, die schreiben, befinden sich in einer paradoxen Situation. Wenn sie "versuchen, das, was aus den herrschenden Redeweisen und Überlieferungen ausgeschlossen ist, zu beschreiben, dann müssen sie den Ort, von dem aus gesprochen wird, einnehmen; und dort sind sie immer schon die Beschriebenen." (Weigel 1989,8). Die Stimme, die Sprache schreibender Frauen, die sich nicht mit dem Ort männlichen Schreibens identifizieren, ist aus diesem Grund eine Bewegung, die einen ständigen Perspektivenwechsel verlangt, oder ein Zugleich. Dieses Zugleich ist häufig in der Negation ausgedrückt, als "nicht dieses, nicht jenes" oder "weder das eine noch das andere". Damit wird auch deutlich, daß es um mehr geht als um eine "Überwindung der Sprachlosigkeit". "Indem Frauen teilhaben, teilnehmen an der herrschenden Sprache, (...), sind sie an der bestehenden Ordnung beteiligt; sie benutzen dann eine Sprache, Normen und Werte, von denen sie zugleich als das 'andere Geschlecht' ausgeschlossen sind." Der spezifische Ort von Frauen in unserer Kultur besteht also darin, "als Teilhaberin dieser Kultur dennoch ausgegrenzt oder abwesend zu sein". (ebd.8f)
Auch Derrida äußert sich zur Frage des Ortes in Verbindung mit der Frage "Wie nicht sprechen?": "Eine Frage hinsichtlich des Ortes hält sich niemals außerhalb des Ortes, sie ist von dem Ort eigens betroffen." Und er sieht die "Frage des Ortes als Ort der Schrift, der Einschreibung, der Spur." (1989,51,59)
Autorinnen haben sich auf unterschiedliche Weise zu dieser ihrer Position, zu ihren Orten geäußert. Christa Wolf antwortet auf die Frage "Warum schreiben Sie?": "Ich schreibe, um herauszufinden, warum ich schreiben muß." Für diese Autorin ist Schreiben ein "Schlüssel zu dem Tor, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche (ihres) Unbewußten verwahrt sind; der Weg zu dem Depot des Verbotenen, von früh an Ausgesonderten, nicht Zugelassenen und Verdrängten; zu den Quellen des Traums ..." (1987,75) Ihr "Bedürfnis, auf eine neue Art zu schreiben", gründet sich auf eine "neue Art, in der Welt zu sein". (ebd.463) Es folgt aus einer "Unruhe, die sich verdichtet, ehe sie artikulierbar wird." (ebd.464) Wolf verweist auf den Mangel an Tradition, an "authentischen Mustern", bei denen schreibende Frauen anknüpfen könnten, sieht diese Situation jedoch nicht nur negativ. (ebd.649)
Christa Wolf bezieht sich in ihrer Auseinandersetzung mit Fragen weiblichen Schreibens wiederholt auf Ingeborg Bachmann. Sie zitiert deren Ausspruch: "Ich sammle nur die Geschichten, die nicht bekannt werden, und nur Geschichten mit letalem Ausgang.- 'Todesarten'." Daß Bachmann die Erfahrung der Frau, die sie ist, nicht in Kunst "ertöten" kann, bestätigt lt. Wolf ihren Rang als Künstlerin. (ebd.655) Und weiter: "'Es ist nur schwer zu erzählen' heißt es einmal, in Atemnot, und was dann, aus 'Worten, die es nicht gibt', und 'aus Worten, die es gibt, weil auf ihnen insistiert wird', was ja dann doch erzählt, zusammengetragen, miteinander verwoben wird, ist ein Gewebe aus den merkwürdigsten, zum Teil weit hergeholten Fäden ..." (ebd.656) (Leider gibt Wolf nicht die Originalzitate an, EH.) Bachmann selber beschreibt ihre Position als Autor (sic!) im Rahmen eines noch "vorfeministischen" Bewußtseins, verweist dabei jedoch auf die Spannung des doppelten Ortes, auf das "Weder-noch" und das "Zugleich": "... Literatur, im Dunkel und in Ruhe gelassen, (gibt) wieder ihr eigenes Licht ..." Solche literarischen Erzeugnisse sind "schimmernd und mit toten Stellen, Stücke der realisierten Hoffnung auf die ganze Sprache, den ganzen Ausdruck für den sich verändernden Menschen und die sich verändernde Welt." (Werke 4,268) Christa Gürtler beschäftigt sich ebenfalls mit Bachmann und greift dabei zunächst auf ein Zitat von Friederike Hassauer zurück: "Bei der Frage einer weiblichen Ästhetik geht es darum, 'ob Frauen, sprachlos in der Männersprache, eine eigene Sprache sprechen. Sprechen können. Sprechen lernen müssen, um endlich den Vorschein eines menschlichen Lebens zu entwerfen ...' Ingeborg Bachmann hat durch ihr Schreiben die Sprachlosigkeit überwunden. Sie hat die Sprachlosigkeit der Frau im Patriarchat thematisiert, sie hat versucht zu zeigen, daß Franza eine andere Sprache spricht. (d.i. eine ver-rückte Sprache, EH.) Ist es nicht die Konsequenz einer patriarchalischen Gesellschaft, daß Ingeborg Bachmann - je mehr sie ihre weibliche Sichtweise in die Literatur einbrachte - selbst in den Verdacht kam, ver-rückt zu sein?" (Christa Gürtler 1982,82) Der Ort schreibender Frauen kann also auch zu einem ver-rückten Ort werden.
Von Marlen Haushofer findet sich keine (dezidierte) Auseinandersetzung mit ihrer Position als Autorin. (Ihr sogenanntes "literarisches Testament" bezieht sich nicht auf ihr Schreiben.) Wenn Anna Mitgutsch über die schwierige Rezeption von Haushofers Werk schreibt, deutet sie dabei jedoch einen solchen Ort an: "Vielleicht gibt es bei Haushofer zwischen einer mörderischen repressiven Gesellschaft und einer von Tod und Zerstörung beherrschten Natur keinen bequemen Platz für einen gemütlichen Dialog zwischen Leser und Werk ..." (1999,103f)
Marlene Streeruwitz weiß von einer Literatur, "die auf die erste Autorschaft zurückgreift. Die die Welt deutet und gleichzeitig das Geheimnis nicht preisgibt." Und die Autorenposition sieht sie als dasjenige, "was über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Literatur entscheidet." Jede Art von Text soll darauf befragt werden, wohin sich die Person stellt, "die mir das erzählen will." (1998,49) Die Autorenposition bezeichnet sie als die "Brechung der Welt in ihre beschreibbaren Bestandteile" und als die für sie "schwierigste Findung". Die Position einer schreibenden Frau führt dazu, daß ihr "die Aufgabe der Sprache selbst unverständlich geworden" war. Und weiter zu der Frage: "Wie kann ein Text die Haltung der Schreibenden tragen und dennoch zu verstehen sein? " Streeruwitz versucht, die Sprache zu "zersplittern und daraus einen neuen, einen anderen Glanz zu retten". Sie sucht eine Möglichkeit, eine Geschichte, die mit den herkömmlichen Mitteln, der herkömmlichen Sprache nicht erzählt werden kann, dennoch zu erzählen. (ebd.54f) Ein Prozeß des Suchens, wie ihn diese Autorin beschreibt, führt zurück zu den Überlegungen von Weigel am Beginn dieses Abschnitts. Sie beziehen sich auf den Ort, an dem eine Frau "als Teilhaberin dieser Kultur dennoch zugleich ausgegrenzt oder abwesend ist". (s.o.)
Nicht ausschließlich auf Texte zeitgenössischer Autorinnen, aber gerade auf solche könnte sich der Vorschlag von Nancy K. Miller beziehen: "What I want to propose (...) is a poetics of the underread and a practice of 'overreading'. The aim of the practice ist double. It aims first to unsettle the interpretive model with thinks that it knows when it is rereading (...). In a second, parallel gesture, this practice (...) constructs a new object of reading, women's writing. Specifically, the latter project involves reading women's writing not 'as if it had already been read', but as if it had never been read; as if for the first time." (1986a, zitiert nach Elke Brüns 1998,100)
Sowohl die Geschichte weiblichen Schreibens als auch das von Frauen Geschriebene verlangt nach Spurensuche, nach dem Wahrnehmen dessen, was unter der Oberfläche von Texten verborgen ist. Dekonstruktives Vorgehen und Re-Konstruktionen können bei den angeführten Beispielen mit unterschiedlicher Deutlichkeit herausgelesen werden. Der Ort schreibender Frauen ist einer, den es zugleich gibt und nicht gibt, der sich auf blinden Flecken und im Verlauf gelöschter Spuren findet, der aus den Bruchstücken des Vorgefundenen immer neu zusammengebaut werden muß - und das nie auf Dauer.
9.3 Kommentar
Solange die Beschäftigung mit Texten von Frauen einen "Sonderfall" darstellt, besteht die Gefahr, daß die feministische Literaturwissenschaft als "Sonderfall" verstanden wird. Diese Gefahr droht jedoch (wie für jeden anderen feministischen Wissenschaftszugang auch, Anm. E.H.) nur innerhalb "überkommener Denktraditionen", in welchen "das Weibliche zum Sonderfall erklärt, das Männliche universalisiert und als Partielles, nämlich als Männliches unterschlagen wird." (Günter 48) Auch hier geht es also wieder um den Bruch mit den herrschenden Vorstellungen und Normen. Erst wenn die Untersuchung von Frauentexten als "gleichwertiger Kern der allgemeinen Literaturgeschichtsschreibung" verstanden wird, sind die patriarchalen Traditionen überwunden. Darin liegt insofern eine besondere Dialektik, als "weibliches Schreiben nicht länger als das Ausgeschlossene den männlichen Kanon bedingt, sondern das so Ausgeschlossene in die Kanonbildung auf neue Weise eingebunden, diese dabei transformiert wird und so ein 'interaktiver Universalismus' durch männliche und weibliche Stimmen entsteht." (ebd.48)
Allerdings: Die "kritische Dekonstruktion der männlichen Literaturgeschichte und Methoden" hat bisher noch nicht dazu geführt, daß die Ergebnisse dieser feministischen Forschungen in der etablierten Literaturwissenschaft ihren Niederschlag gefunden hätten. (Weigel 1990,249) Vorlesungsverzeichnisse sind auch gut zehn Jahre nach dieser Feststellung noch ein Beweis dafür. Männliche Autoren überwiegen nach wie vor in Verlagskatalogen oder Anthologien, ebenso bei den Namenslisten einer Lyrik/Musik-Sendung wie "Du holde Kunst" (allsonntäglich im Radio Ö1). Das gleiche trifft zu auf die Regale von Bibliotheken und Buchhandlungen - von "Frauenliteratur-Nischen" abgesehen ...
10. Zusammenfassung
Praxis des Dekonstruierens unter feministischem Aspekt
(Teil 4)
Die feministische Dekonstruktion des psychoanalytischen Weiblichkeits-Diskurses, als Ausgangspunkt gewählt, läßt hinter den männlichen Konstrukten der "kastrierten" oder der "dämonischen" Frau die lebendige, reale Frau hervortreten. Der Begriff des "Unbewußten" bzw. der "unbewußten Phantasien" erweist sich als ein mehrfach verwendeter Ansatzpunkt bei der Untersuchung auch anderer Diskurse im Hinblick auf Androzentrismus und Sexismus.
Die feministische Auseinandersetzung mit dem symbolischen System der Sprache macht deren patriarchale Überformung deutlich und entwickelt Strategien, um Frauen sprachlich sichtbar werden zu lassen. Der Begriff der "Sprachkompetenz" verweist auf Handlungsmöglichkeiten, die über die bloße Änderung des Sprachverhaltens hinausgehen.
Als Ergebnis der feministischen Geschichtsforschung zeigt sich die tatsächliche Geschichtsmächtigkeit von Frauen, die u.a. eine Änderung der Periodisierungen verlangt. Das führt Gerda Lerner zu dem Schluß, daß die bisher bekannte Geschichte für Frauen nichts als Vorgeschichte ist.
Einen speziellen Ort der historischen Unsichtbarkeit von Frauen dekonstruiert die feministische Theologie. Die Folgerungen daraus erweisen sich als bis heute aktuell, weit über den religiösen Bereich hinaus.
Und der zweite historische Spezialfall, nämlich die feministische Auseinandersetzung mit Literatur und Literaturgeschichte, schließt den Bogen zum Ausgangspunkt dieser Arbeit. Auf unterschiedliche Weise haben die Autorinnen Bachmann und Haushofer einen geradezu prototypischen Stellenwert durch ihre zeitweilige "Unsichtbarkeit" nicht nur im männlichen Diskurs. Die Beschäftigung mit literarischen Texten macht darauf aufmerksam, daß es beim De- und Rekonstruieren in den von mir ausgewählten Forschungs-Bereichen immer um Sprache geht, um das Lesen von Texten, um das Wieder- und Gegenlesen der Abwesenheiten, der Löschungen und Tilgungen als Spuren. Das gilt auch und gerade für die Autorinnen-Position, für den Ort, von dem aus Frauen schreiben als in Bezug auf das symbolische System zugleich Ein- und Ausgeschlossene.
In jenen bildhaften Bezeichnungen, Metaphern und Umschreibungen, mit welchen die AutorInnen ihre Aufdeckungsarbeiten benennen, zeigt sich einerseits eine kreative und anregende Vielfalt, andererseits eine große inhaltliche Übereinstimmung. Ich führe ohne besondere Systematik an, was davon mir besonders plastisch erscheint:
Zunächst bezeichnet Derrida die Asche als das beste Paradigma der Spur. Rohde-Dachser zitiert Klingers Forderung, daß zur Sprache gebracht werden muß, was verschwiegen wird; die Leerstellen, Auslassungen und Verdrängungen sollen erkennbar, der verschlüsselte Text dechiffriert werden. Pusch geht es darum, die verborgenen Gesetzmäßigkeiten (in der Sprache) als Unrat aufzudecken, das Außerbewußte in der Sprache bewußt zu machen. Streeruwitz sieht Frauen als Nicht Gesagte und Nicht zu Sagende. Spuren der Auslöschung und Zerstörung, Zeichen des Mangels und der Abwesenheit sind zu entziffern. (Weigel, Günter) Die Spitze eines Eisbergs (Schüssler-Fiorenza) verweist auf das unter der Oberfläche Verborgene. Die Stimme des Schweigens (Schüssler-Fiorenza), die Beredsamkeit des Schweigens (Weigel) sind zu hören, sind als Spuren zu lesen.
Nicht nur für die Spurensuche, auch für die eigentliche Arbeit der De- und Rekonstruktion finden sich ausdrucksstarke Begriffe. Immer wieder wird das Vorgehen als Entzifferung bezeichnet, als Ausgrabung (Weigel), als Freilegen von Adern (Schüssler-Fiorenza), werden archäologische und detektivische Arbeit (Weigel, Schüssler-Fiorenza) angesprochen. Lt. Streeruwitz ist ein Bogen zu zerschlagen, um aus den Bruchstücken eine neue Geschichte zu formen. Vom Zerlegen in Teile und dem Einfügen in einen neuen Bezugsrahmen ist die Rede bei Bovenschen. Schüssler-Fiorenza setzt aus den gefundenen Puzzle-Teilen ein neues Mosaik zusammen, auch Weigel spricht vom Zusammenfügen von Mosaiksteinen.
Das ausdrückliche Benennen von Werkzeugen, von Methoden ist weniger deutlich ausgeprägt. Die tiefenhermeneutische Kulturanalyse nach Lorenzer und das von Bovenschen vorgeschlagene Interpretationsmuster für androzentrische Texte verwendet Rohde-Dachser. Schüssler-Fiorenza hat für die feministische Theologie ein vierstufiges hermeneutisches Untersuchungs-Verfahren entwickelt. Dieses wurde nicht nur von Plaskow übernommen, sondern auch von Günter für den Bereich der Literaturwissenschaft adaptiert. Lerner spricht von der Entwicklung neuer Werkzeuge für die feministische Geschichtsforschung, ohne sie genauer zu beschreiben. Doch auch die bloß metaphorisch benannten Vorgangsweisen fügen sich in den Rahmen dieser methodischen Ansätze ein. Und Parallelen wie Querverbindungen zwischen den von mir ausgewählten Schwerpunktthemen haben sich immer wieder gezeigt. Das betrifft die Stufen des Aufdeckens, das Lesenlernen der Spuren, vor allem aber die bewußten Brüche mit tradierten patriarchalen Denkmustern, das Durchtrennen der "Gedankenleitungen". Damit ist letztlich ein Paradigmenwechsel bezeichnet.
Bachmann und Haushofer, Franza und Anna waren auf unterschiedliche Weise leitmotivisch anwesend bei all diesem Bewußtmachen, dem Aufdecken der Löschungen und dem Lesen der Spuren. Meine Schlußüberlegungen führen mich zu ihnen zurück.
11. Schlußdiskussion
11.1 Oder war da manchmal noch etwas anderes? (Marlen Haushofer)
Die literarischen Figuren: Franza und Anna
Zwei Frauen lesen den Text ihres Lebens. Die Anordnung der Zeilen und der Wörter ihrer alltäglichen Existenz war für sie lange Zeit ganz selbstverständlich, wurde nie in Frage gestellt. Oder war es doch nicht ganz so? Ist da eine Beunruhigung irgendwie mitgelaufen, war eine Bedrohung wie hinter einer Mauer verborgen, ohne je ganz zu verschwinden? Etwas ist dann geschehen, das die Arrangements zerstört, die Fassaden zum Einsturz gebracht hat. Die beiden Frauen sind gezwungen, nach einer neuen Lesart zu suchen, nach einer Schrift unterhalb oder außerhalb des vertrauten Textes. Die Bausteine ihrer Existenz sind durcheinandergeraten, haben sich verschoben, sind zerbrochen. So, wie sie vorher aufgebaut waren, passen die Teile nicht mehr zusammen. Franza und Anna sind gezwungen zu einer Lesart "gegen den Strich". Das Lernen ist schmerzlich, das Neu-Buchstabieren mühsam. Und was ist das Ergebnis? Finden sie für sich einen neuen Lebensentwurf?
Für Augenblicke hat die eine - Franza - darauf gehofft. Doch zu tief war schon die Zerstörung, zu groß waren die Verluste, zu weit fortgeschritten die Vernichtung ihres innersten Personseins. Das Gewahrwerden dieses Zustands, das Wahr-Nehmen, hat keine Heilung, keine Neuordnung mehr erlaubt. Die Zeit war abgelaufen. Die gelöschte Spur hat Franza nur bis zur Konfrontation mit einer anderen Zerstörung geführt, bis vor das getilgte Bildnis einer ägyptischen Königin. Die Spur hat ihr keinen weiteren Weg mehr gezeigt. Franza stirbt. Ihre letzten Worte sind ein Fluch.
Die andere - Anna - lebt weiter. Äußerlich nicht viel anders als vor dem Ereignis, das sie mit der schonungslosen Wahrheit über ihr eigenes Leben konfrontiert hat. Allerdings: Selbsttäuschung ist nicht länger möglich. Anna weiß nun, daß sie seit langem nicht mehr wirklich lebt. Schon das kleine Mädchen, das sie einmal war, ist brutal zerstört und aller weiteren Lebensmöglichkeiten beraubt worden. Die Wand, hinter der das Grauen verborgen war, ist durchsichtig geworden; durchsichtig wie ein Stoff, von dem die dunklen Flecken einer Untat - waren es Blutflecken? - getilgt worden sind. Weiterleben ist Qual und Strafe. Viel lieber wäre Anna tot, tot wie Stella, an deren Tod sie Mitschuld trägt; ausgelöscht wie Stella, deren kurzes Leben ihr die Augen geöffnet hat für ihr eigenes Schicksal.
Ausgangspunkt meiner Überlegungen waren zwei literarische Werke: "Der Fall Franza" von Ingeborg Bachmann und "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer. Beide Texte tragen die Anleitung zu ihrem "Gegenlesen" bereits in sich. Wer genau hinschaut, kann den Spuren folgen, die von den Autorinnen gelegt wurden, kann erkennen, welche Geschichte sich verbirgt unter der Geschichte, die erzählt wird. Diese zusätzliche Ebene, diese tiefere Schicht gibt dem, was von den beiden Frauen erzählt wird, einen gemeinsamen Nenner.
Im Abschnitt 4.3 habe ich darauf hingewiesen, daß die dargestellten Frauengestalten und ihre Schicksale genau in den Kontext patriarchaler Vorstellungen über die Beziehungen der Geschlechter passen, daß sie wesentliche Ausprägungen davon abbilden. Am Ende von Abschnitt 10 habe ich den literarischen Ausgangspunkt meiner Überlegungen als ein "Leitmotiv" bezeichnet, welches die wissenschaftlichen Überlegungen begleitet hat. Für diese tiefere Text-Schicht bietet sich ebenfalls ein Begriff aus der Musik an, jener des "cantus firmus": eine "feste Stimme", die beharrlich unter den anderen Melodien und deren Variationen läuft, manchmal übertönt wird, doch unaufhaltsam weitergespielt wird. Letztlich bestimmt sie den Rhythmus.
11.2 Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (Ingeborg Bachmann)
Die Autorinnen: Ingeborg Bachmann und Marlen Haushofer
Das Schreiben der beiden Autorinnen steht im Kontext der Nachkriegsgesellschaft, einer "vorfeministischen" Zeit. Der damalige "Wiederaufbau" bezog sich nicht nur auf Gebäude, Wirtschaft und öffentliche Strukturen, sondern auch auf das Verhältnis der Geschlechter. Dieses war insbesondere durch die vom Krieg und seinen Folgen erzwungene Selbständigkeit der Frauen empfindlich gestört worden. Vor allem in Österreich hatte sich die Gesellschaft aber auch der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit weitgehend verweigert. Anna Mitgutsch nennt es das "Nachkriegsverbrechen des Verschweigens und Vertuschens". Sie sieht darin einen Hauptbestandteil der Thematik des Schreibens von Marlen Haushofer, auch wenn diese Autorin "auf zeitgeschichtliche Bezüge verzichtet oder sie nur andeutet." (Mitgutsch 1999,101) Die Frauen in Haushofers Romanen gehen auf in "Übererfüllung ihrer Rollenerwartungen und der Pflichten, die ihnen Zeitgeist und Gesellschaft diktieren." (ebd.101) Dabei geschieht eine "Demaskierung der bürgerlichen Welt, die sich ... die Maske vom Gesicht reißt, während sie versucht, möglichst viel zu verbergen." Und am deutlichsten geschieht das durch Haushofers "überscharfen und mitleidlosen Blick" in "Wir töten Stella". (ebd.100) Haushofer verwendet eine Sprache, welche die Figuren entlarvt als "Täterinnen und Mitwisserinnen" nicht nur dessen, was in ihrem privaten Umfeld geschieht. Diese Sprache läßt "Schlüsselwörter des Nationalsozialismus nachklingen und sich zu einem Geflecht von Lügen und Verdrängung verdichten". (ebd.102) Auf die Frage nach dem Stellenwert eigener Erfahrungen in ihrem Schreiben hat Haushofer geantwortet: "Ich schreibe nie über etwas anderes als über eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne." (Anne Duden, 1995,130) Daß dies nicht mit bloß autobiographischem, rein zeitbezogenem Schreiben zu verwechseln ist, hat unterdessen auch die Literaturwissenschaft zu Kenntnis genommen. Möglicherweise gilt auch für Haushofers Verhältnis zu ihrem Werk das, was sie in ihrem frühen Roman "Eine Handvoll Leben" die Protagonistin Elisabeth sagen läßt: "Vielleicht, daß ein sehr entferntes Auge eine geheime Schrift enträtseln konnte ..." (Haushofer 1955,198) Die Autorin wußte um den Text unter dem Text in ihrem Schreiben.
Haushofer war zwar zu ihren Lebzeiten nicht unbekannt, sie fand literarische Mentoren und Verlage, sie erhielt Preise. Doch nach ihrem frühen Tod (1970) ist sie bis zu ihrer Wiederentdeckung in den 1980er Jahren in Vergessenheit geraten. Dieser Wiederentdeckung ist eine Bachmann-Renaissance vorangegangen. Diese hat den Blick auf die vorfeministische Literatur von Frauen verändert. (Stephan et al.,8)
Ingeborg Bachmanns Werk wurde (in einem männlich bestimmten Literaturbetrieb) rezipiert, anerkannt, auch auf "politische, sprachlich-innovative Bedeutung hin gelesen". (Mitgutsch 1999,98). Allerdings ist der Beifall deutlich zurückgegangen in Zusammenhang mit dem "Todesarten"-Projekt, als sich Bachmann (offiziell) dem weiteren Schreiben von Lyrik verweigerte. Der 1971 erschienene Roman "Malina" etwa wurde damals als "Zeugnis weiblicher Empfindsamkeit oder 'krankhafter' Subjektivität gewertet." (Weigel 1990,255) Die durchwegs männliche Kritik reduzierte (nicht nur damals) die Literatur von Frauen gerne auf die Ebene trivialer Liebesgeschichten und suchte nach sensationellen biographischen Hintergründen. Den philosophischen und kulturkritischen Bezügen dieser Literatur gegenüber war sie blind. (ebd. 255) Deutlicher als Haushofer hat sich Bachmann über die Doppelbödigkeit und Vielschichtigkeit ihres Schreibens geäußert. Sie spricht von den wirklichen Geschichten, "unter den lauten, unwirklichen", die niemand kennt. (Werke 3,542) "Schwer zu sehen ist, was unter der Erde liegt: Wasserstätten und Todesstätten ..." heißt es in ihrem Essay "Was ich in Rom sah und hörte". Und: "Wer sich abmüht, die Erde aufzukratzen, findet den (Kummer) der anderen darunter." (Werke 4,33f) In der Vorrede zu "Der Fall Franza" fragt Bachmann aber auch, "wohin das Virus Verbrechen gegangen ist - es kann doch nicht vor zwanzig Jahren plötzlich aus unserer Welt verschwunden sein, bloß weil hier Mord nicht mehr ausgezeichnet, verlangt, mit Orden bedacht und unterstützt wird." Und weiter: "Dieses Buch ... versucht, mit etwas bekanntzumachen, etwas aufzusuchen, was nicht aus der Welt verschwunden ist." (...) Die Autorin verweist auf "die wirklichen Schauplätze, die inwendigen, von den äußeren mühsam überdeckt ..." (Werke 3,341f)
Im Abschnitt 9.1 habe ich bei der Diskussion des Begriffes "Frauenliteratur" darauf hingewiesen, daß die radikale Analyse patriarchalischer Verhältnisse im Schreiben von Bachmann und Haushofer von der frühen feministischen Literaturwissenschaft zunächst nicht erkannt und anerkannt worden ist.
Trotz der vernichtenden Kritik von Reich-Ranicki, der die Erzählerin Bachmann eine "gefallene Lyrikerin" genannt hat, wurde ihre Prosa kontinuierlich rezipiert. Dabei hat sich auch eine neue Lesart ihrer Werke entwickelt. Der Bachmann-Biograph Hans Höller stellt jedoch fest, daß es eine Zeitlang schien, "als gerate die Lyrikerin in Vergessenheit, als würden die jungen feministischen Literaturwissenschaftlerinnen nur mehr die Verfasserin der Todesarten-Romane kennen und die Lyrik als vormodernen Rest vergessen." (Höller 1999,160)
Ob die im Hinblick auf Haushofer festzustellende "Renaissance" dann tatsächlich dem Werk gerecht wurde, bezweifelt zumindest Regula Venske. Sie ortet eine "feministische Vereinnahmung", welcher auf der männlichen Seite eine "antifeministische Vereinnahmung" entspricht. (Venske 1995,52)
Nicht nur Romanfiguren, nicht nur Autorinnen, auch Bücher haben ihre Schicksale.
11.3 Im Nichts ist Hatschepsut ewig anwesend (Christa Wolf)
Die Abwesenheit von Frauen ist ihre Anwesenheit
Mein Hauptthema ist die Frage nach Anwesenheit und/oder Abwesenheit von Frauen in wesentlichen Bereichen der (westlichen Gegenwarts-) Gesellschaft. In den von mir exemplarisch ausgewählten Wissensgebieten (Diskursen) konnte ich aufzeigen, daß auf Grund der Mechanismen eines patriarchalischen Systems Frauen auf vielfältige Weise unsichtbar, unhörbar (gemacht worden) sind. Ebenso wurde deutlich, wie sich ihr Ausschluß aus Systemen des Wissensgewinns und dessen Tradierung jeweils ausgewirkt hat. Nicht in erster Linie offener Sexismus, sondern der generelle Androzentrismus unserer Kultur bildet dabei den Hintergrund und die Ursache. "Aktives Vergessen" und die "Beredsamkeit des Fachdiskurses in seinem Schweigen" diagnostiziert Sigrid Weigel für die Literaturwissenschaft. (1990,258) Dieser Befund findet seine Parallelen in den anderen untersuchten Gebieten. Als "kollektives Vergessen" bezeichnet Gerda Lerner die Situation in bezug auf die Geschichtswissenschaft. (2000,130) Kanonbildungen, etwa in Literatur und Theologie, sind ein weiterer Ausschlußmechanismus. Und der Mangel an Traditionsbildung, die stets sich wiederholenden Brüche in der (Nicht-) Überlieferung des von Frauen längst Gedachten, Gewußten und Gelebten führen lt. Gisela Bock dazu, daß Frauen immer wieder "das Rad neu erfinden müssen." (2000,348) Nicht reale Möglichkeiten von Frausein, sondern Konstrukte stellen die Weiblichkeitsbilder im Kontext der Psychoanalyse dar. Sprachliches "Mitgemeintsein" anstelle des Ansprechens und Aussprechens weiblicher Anwesenheit ist ein weiteres Kennzeichen auf vielen Gebieten. Die Arbeit des Gewinnens und Wiedergewinnens jener Terrains, auf denen Frauen anwesend und sichtbar sind, wird vielfach mit archäologischen und detektivischen Metaphern bezeichnet. Sie ist trotz beachtlicher Erfolge für Frauen ganz allgemein und für feministische Wissenschaftlerinnen im besonderen noch lange nicht abgeschlossen.
11.4 Wie wissen? Wie finden?
Für die Beantwortung meiner zweiten Fragestellung und für die Überprüfung meiner zweiten Vorannahme habe ich mich zunächst mit einigen Aspekten feministischer Theorie auseinandergesetzt. Jene Stufen des Erkenntnisgewinns, wie sie auf literarischer Ebene in den Schicksalen von Franza und Anna zu finden sind, haben Parallelen in der Entwicklung feministischer Kultur- und Wissenschaftkritik. Ausgehend von einer Position innerhalb des patriarchalischen symbolischen Systems ist es jeweils notwendig geworden, die "Gedankenleitungen" zu durchtrennen, wie es im "Fall Franza" genannt wird. In diesen Kontext gehört der Schritt heraus aus dem Fortschreiben der Dichotomie weiblich-männlich und der Konstrukte von "Weiblichkeit" überhaupt. Es gehören dazu die Verweigerung gegenüber den patriarchal konstituierten Kategorien von Denken und Erkennen (Klinger 1990,44) ebenso wie die Dekonstruktion der von Freud postulierten "Kulturunfähigkeit" von Frauen. (Nagl-Docekal 1999/2000,90)
Als Dekonstruktion - nicht Destruktion - mit dem Ziel einer nachfolgenden Re-Konstruktion unter neuen, nicht polarisierenden Vorzeichen lassen sich derartige Denkmodelle am besten bezeichnen und beschreiben. Ausgehend von einer kurzen Spurensuche bei Derrida habe ich daher in verschiedenen Diskurs-Zusammenhängen feministisch orientierte dekonstruierende Ansätze gesucht und gefunden. Nicht immer, aber doch häufig genug werden sie auch als Dekonstruktion benannt. Sie zeigen auf, daß die Löschung einer Spur selbst die Spur ist, daß etwas Zugedecktes erkannt werden kann, weil es zugedeckt ist, daß ein Schweigen sehr laut und ein getilgter Fleck sehr sichtbar sein können.
Derrida zufolge setzt Dekonstruktion eine besondere Aufmerksamkeit für den jeweiligen Kontext voraus. Sie ist nicht als Methode, nicht als ein starres Regelsystem zu begreifen, sondern als ein "bewegliches, sich jeweiligen Kontexten anpassendes Lesen (Handeln) ..." (Engelmann 1990,24ff) Ich habe Dekonstruktion verstehen gelernt als eine Art von Denkbewegung, welche auch im (feministisch orientierten) Alltag stattfinden kann. Auf Grund der Kontextgebundenheit ist verständlich, daß es in einem solchen Rahmen so gut wie keine fertig ausgearbeiteten Untersuchungsweisen gibt. Rohde-Dachser (1991/1997) verwendet bei ihrer Dekonstruktion der psychoanalytischen Weiblichkeitstheorie den Ansatz einer tiefenhermeneutischen Kulturanalyse von Lorenzer (1988). Sie greift weiters einen von Bovenschen (1979) vorgeschlagenen Ansatz feministischer Wissenschaftskritik auf. (Rohde-Dachser, 200) Für die Untersuchung biblischer und frühchristlicher Überlieferungen hat Schüssler-Fiorenza (1988,II) ein Modell entwickelt, welches den Begriff "Hermeneutik" in seiner bisherigen Ausprägung dekonstruierend überschreitet. Eben dieses Modell hat Günter (1997) für die Literaturwissenschaft modifiziert. An solchen Beispielen läßt sich erkennen, daß es vor dem Hintergrund theoretisch abgesicherten Wissens auf das Entwickeln einer grundlegenden Fähigkeit ankommt: auf die Fähigkeit zum Wider-Lesen, Gegen-Lesen, Gegen-den-Strich-Lesen eines (jeden) Textes. Als "Text" gilt dabei, dem Verständnis Derridas folgend, alles, "sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere." (Derrida nach Engelmann 1990,20f) Eine solche Lesefähigkeit haben alle jene Autorinnen entwickelt, deren Vorgehen und Ergebnisse beim Sichtbarmachen von Frauen ich im Abschnitt 10 zusammengefaßt habe und von denen auch weiter oben unter 11.3 die Rede war.
11.5 Soziologische Fragestellungen und Dichtung
Welche Bedeutung kann das Heranziehen von Dichtung, also von nichtwissenschaftlicher Literatur, für die Untersuchung eines soziologischen Themas haben? Diese Frage war der dritte Ausgangspunkt meiner Arbeit. Die Überzeugung, daß durch ein solches Vorgehen zusätzliche Dimensionen der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen eröffnet werden, habe ich mit einem ersten Zitat von Bachmann ausgedrückt: "Denn die Tatsachen, die die Welt ausmachen - sie brauchen das Nichttatsächliche, um von ihm aus erkannt zu werden." (Werke 3,346) Auch Christa Wolf ist überzeugt: "Es gibt eine Wahrheit jenseits der wichtigen Welt der Fakten." (1997,492) Dazu eine Stimme aus der jüngeren Generation von Autorinnen: "Es liegen Wahrnehmungsmuster unter den Informationen, denen unsere eigentliche Aufmerksamkeit gelten muß." (Streeruwitz 1998,23)
11.5.1 Ab- und Eingrenzungen
Abgrenzung tut hier not von Ansätzen der Literatur-Soziologie, welche als eine der "Bindestrich-Soziologien" die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Literatur ganz allgemein zu untersuchen hat. Auch um Fragestellungen der Germanistik oder der (Sozio-)Linguistik geht es hier nicht. Allerdings können diese Disziplinen Hilfestellung leisten für das genaue Lesen (nicht nur) literarischer Werke. Solche Texte sind klarerweise - wie andere schriftliche Materialien auch - mögliche Quellen für soziologische Untersuchungen.
Literatur-Schaffende wissen, daß Dichten nicht außerhalb der geschichtlichen Situation stattfindet. Sie verstehen sich durchaus als "Repräsentanten ihrer Zeit". (Wolf über Bachmann, 1987,87,92) AutorInnen äußern sich häufig direkt zu politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen und üben damit Gesellschaftskritik im engeren Sinn. Auch mit diesem Bereich setze ich mich im Rahmen meiner Arbeit nicht auseinander. Denn literarische Texte wirken gerade dadurch, daß sie viel Ungesagtes enthalten; sie müssen ebenso viel verschweigen, wie sie sagen. "Das Aussparen, das Exemplarische der Details, das Vermeiden von Erklärungen, gehört wesentlich zur Kunst." (Mitgutsch 1999,91)
11.5.2 Kunstfiguren als Prototypen
Der Autor Robert Menasse erklärt seinen Anspruch, beim Schreiben von Literatur "das Sinnliche mit dem Exemplarischen" zu verbinden, folgendermaßen: "Der Roman, wenn er glückt, schafft sozusagen Prototypen aus Fleisch und Blut." (Der Standard, 21./22.7.2001, 26)
In Gestalten wie Franza oder Anna verkörpert sich auf eine im wahrsten Wortsinn "verdichtete" Weise die Situation von Frauen, die in einem patriarchalen Kontext (und in einer bestimmten geschichtlichen Konstellation) leben. Schwer vorstellbar, daß an einem realen Menschen, einem jeweils einzigen Leben, einem konkreten Schicksal die (nach wie vor wirksame) traditionelle Konstruktion der Geschlechterdifferenz in dieser überdeutlichen Weise ablesbar wäre. Dabei kommt die Figur der Anna näher als Franza an das heran, was als ein "bürgerlicher Normalfall" verstanden werden kann. Bei der literarischen Darstellung dieser Personen und ihres jeweiligen Lebens werden jedoch nicht einfach all jene Schrecken addiert, die im Verhältnis der Geschlechter wirksam werden (können). Eher geschieht so etwas wie Focussieren, auf den "Brenn-Punkt"-Bringen. An solchen Kunstfiguren wird sichtbar, was im realen Leben von Individuen in jeweils weniger klaren Ausprägungen und damit in größerer Streuung zu beobachten ist. Die literarische Kraft der Autorinnen zeigt sich darin, daß es bei der Zeichnung der Personen nicht zu einer bloßen Anhäufung von Bestimmungsstücken kommt. Langsam, schrittweise, entsteht beim Lesen aus verschiedenen Andeutungen und Blickwinkeln heraus ein facettenreiches Bild, das immer klarere Konturen gewinnt. In einem Werk der Trivialliteratur (das zweifellos auch Aufschlüsse über soziologische Tatbestände liefern kann) würden Figuren mit einer solchen Fülle von Zuschreibungen kaum eine derartige ebenso beklemmende wie erhellende Wirkung ausüben.
Ich möchte es so ausdrücken: Eine literarische Figur - oder eine literarische Personen-Konstellation - ist in gewisser Weise ein Gegenpol zum "statistischen Normalfall", welcher über den konkreten Einzelfall schon kaum mehr etwas aussagt. In der radikalen "Verdichtung" erhält die Einmaligkeit und Subjektivität eines "Falles" eine ganz andere und tiefere Art von Allgemeingültigkeit. (vgl. Siegfried Lamnek, Qualitative Sozialforschung, Band 2, Abschnitt 2: Die Einzelfallstudie, 1995,4ff) "Dem literarischen Text gelingt es, auf neue Art und Weise das Besondere mit dem Allgemeinen zu verbinden." Solche Texte "sind Inszenierungen von Realität, die deuten, verschieben, zuordnen, hervorheben, verdrängen und verschweigen - und: sie definieren nicht." (Günter 1997,212)
11.5.3 Die sprachliche Ebene
Das genaue Lesen von Texten, welche dem Bereich der Dichtung entstammen, kann den Blick und das Bewußtsein für soziologische Phänomene schärfen. Es kann einen neuen Ort, einen neuen Zugang ermöglichen. Andrea Günter zitiert Hilde Domin (1993) mit der Behauptung, daß die genaue und sensible Lektüre eines literarischen Textes eine "aufs äußerste geschärfte Bewußtheit hervorruft".(Günter 1997,213) Und Christa Wolf ist der Ansicht, daß die Sprache der Literatur "der Wirklichkeit des Menschen heute am nächsten kommt." (1987,622)
Ein möglicher weiterer Gewinn sind zusätzliche Qualitäten auf der sprachlichen Ebene, die dem gängigen wissenschaftlichen Jargon im allgemeinen nicht zur Verfügung stehen. Wissenschaftlich Tätige können ihre Ausdrucksmöglichkeiten erweitern, können Worte finden für bisher nicht Gedachtes, nicht Benanntes. Und die gerade auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen verwendeten Metaphern, Redewendungen oder Klischees können mit einer solchen geschärften Aufmerksamkeit eher auf ihre Aussagekraft hin befragt werden. Autorinnen wie Wolf und Streeruwitz, vor allem aber Bachmann haben sich vielfach darüber geäußert, wie nötig eine "neue Sprache" ist, wie nötig auch das "Herausführen aus der Sprachverwirrung". (Bachmann 4,192,186) Das könnte ein Anstoß sein für eine Verbesserung gerade auch der wissenschaftlichen Ausdrucksweise.
11.5.4 Die inhaltliche Ebene
Literarische Werke haben häufig eine seismographische, eine geradezu prophetische Qualität. Wie Autorinnen soziale Strömungen, gesellschaftliche Blindheiten und Unterlassungen frühzeitig wahrnehmen und auf der symbolischen Ebene benennen, das läßt sich aus heutiger Sicht am Schreiben von Bachmann und Haushofer exemplarisch aufzeigen. "Jede Art von Unzulänglichkeit begegnet uns schon vor der Zeit, mit der wir uns zu befassen haben." Und dem Dichter kann "im glücklichsten Fall" zweierlei gelingen: "... seine Zeit zu repräsentieren, und etwas zu präsentieren, wofür die Zeit noch nicht gekommen ist." (Bachmann 4,188,196) In "Der Fall Franza" und in "Wir töten Stella" ist vieles von dem vorweggenommen, was erst der Diskurs der Zweiten Frauenbewegung benannt, öffentlich gemacht und in politische Forderungen umgesetzt hat.
Literarische Werke können auch Tatbestände gewissermaßen "aufbewahren", die eine Zeit lang aus dem gesellschaftlichen Bewußtsein verschwinden, ins kollektive Unbewußte verdrängt werden, um später erst wieder relevant zu werden. Markante Beispiele dafür sind wiederum die beiden von mir ausgewählten Prosa-Texte. Bei Haushofer geschieht das subtil durch das Verwenden der "Schlüsselwörter des Nationalsozialismus" (Mitgutsch 1999,102). Bachmann thematisiert in ihrem Werk häufig das Weiterdauern von Faschismen, die verweigerte Auseinandersetzung der Gesellschaft mit den Geschehnissen der NS-Zeit, sowie den Post-Kolonialismus. Sie tut das sowohl verschlüsselt als auch klar benannt. Das Begraben der Erinnerungen unter "idyllischen Unwahrheiten" nennt es Streeruwitz (1998,124) am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Daß sich Schreibende in einer "ungeschriebenen Geschichte" aufhalten, hat schon Bachmann formuliert. (Werke 4,271) Und exemplarisch bringt Mitgutsch einen wichtigen Aspekt ein: "Lange bevor das Thema 'Frauen als Täterinnen' aufgegriffen wurde, hatte Haushofer es in ihrem Werk ... thematisiert, ohne gehört und verstanden zu werden." (1999,101) Zu einer "prophetischen" Position gehört seit je (auch) das Scheitern.
11.5.5 Exkurs: Persönliche Erfahrungen mit Literatur
Einige Zeugnisse für die unmittelbare Wirkung von Literatur füge ich hier ein.
Bei einem soziologischen Blockseminar über "Gewalt gegen Frauen in der Familie" wurde auf die unterschiedlichen Schwerpunkt-Referate häufig mit ironisierenden Bemerkungen, mit (eher hilflosem) Lachen oder ähnlichen Distanzierungs-Versuchen reagiert. Nachdem ich das Thema anhand von Texten aus "Malina" und "Der Fall Franza" von Bachmann behandelt hatte, war die Reaktion eine andere. Es schien, daß die TeilnehmerInnen erstmals die ganze Schwere der Problematik an sich heranlassen konnten. Wissenschaftliches Arbeiten kann nicht bedingen, sich immer in die zu erforschende oder zu bearbeitende Situation voll hineinzubegeben. Doch das reflektierte Wahrnehmen und Feststellen von persönlichem Betroffensein sehe ich nicht im Gegensatz zu Wissenschaftlichkeit. Auch das kann Literatur leisten: Sie kann die Nachvollziehbarkeit einer Situation erhöhen und zugleich die Möglichkeit von Distanzierung und Selbstschutz bieten. (Schließlich handelt es sich ja "nur" um Fiktion.) Ich halte das für eine wichtige Ergänzung zu Untersuchungen im "Feld".
Das zweite Beispiel stammt vom Schweizer Schriftsteller Otto F. Walter (1928-1994), der sich in einem Brief im Hinblick auf "Wir töten Stella" geäußert hat: "Ich wüßte kein von einer Frau geschriebenes Stück Literatur, das mich in meinem Dasein und Verhalten als Mann fundamentaler in Frage stellte als diese Prosa." (nach Studer 2000,28)
Für mich selber war und ist die Auseinandersetzung mit diesen Werken von Haushofer und Bachmann (sowie mit anderen vergleichbaren literarischen Produkten) eine immer neue Herausforderung. Ich werde sowohl mit meiner Vergangenheit als Kind in der NS-Zeit wie mit meinen Erfahrungen als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft konfrontiert. Darüber hinaus stellen mich gerade diese beiden Texte vor die Frage, wie weit ich bereit bin, auf die (für Frauen auch in mancher Hinsicht bequeme) Opferrolle zu verzichten und Verantwortung für mich und für mein Leben zu übernehmen.
11.5.6 Aktualisierung
Die beiden Prosa-Werke, von denen ich ausgegangen bin, sind in den 1950er bzw. 1960er Jahren geschrieben worden. Ihre literarische Kraft zeigt sich unter anderem darin, daß sie ungebrochen zeitgemäß wirken, noch oder gerade erst nach Jahrzehnten. (Gleichzeitig verweist diese Tatsache darauf, wie langsam die Veränderung gesellschaftlichen Bewußtseins vor sich geht.) Feminismus und Dekonstruktivismus waren damals noch nicht "erfunden" bzw. gesellschaftlich nicht relevant. "Der Fall Franza" und "Wir töten Stella" haben sich als ein guter thematischer Ausgangspunkt erwiesen für eine Arbeit, welche der Frage nach der (Un)Sichtbarkeit von Frauen im Rahmen einiger exemplarischer Diskurse nachgeht.
Ich bin davon überzeugt, daß für das fruchtbare Zusammenführen von Literatur und Soziologie nicht unbedingt ein historischer Abstand nötig ist. Die Lektüre zeitgenössischer Dichtung könnte gerade in der Gegenwart das Bewußtsein dafür schärfen, was heute gesellschaftlich (noch) nicht klar gedacht, benannt, ausgesprochen wird. Der sogenannten Postmoderne entspricht das dafür nötige dekonstruierende Herangehen in besonderer Weise. Im Kontext feministischer Fragestellungen bieten sich als Beispiele die Werke von Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz an. Und vielleicht sind sogar im Schreiben männlicher Autoren schon Spuren gelegt, welche durch die Veränderung des Bildes von "Männlichkeit" auf das Entstehen einer postpatriarchalen Gesellschaft verweisen. Ingeborg Bachmann hat in Werken der Literatur außer dem Zeugnis für Vergangenes durchaus auch "utopische" Voraussetzungen gesehen. "... die Literatur ist ungeschlossen, die alte so gut wie die neue, sie ist ungeschlossener als jeder andere Bereich - als Wissenschaften ... , sie ist ungeschlossen, da ihre ganze Vergangenheit sich in die Gegenwart drängt. Mit der Kraft aus allen Zeiten drückt sie gegen uns, gegen die Zeitschwelle, auf der wir halten, und ihr Anrücken mit starken alten und starken neuen Erkenntnissen macht uns begreifen, daß keines ihrer Werke datiert und unschädlich gemacht sein wollte, sondern daß sie alle Voraussetzungen enthalten, die sich jeder endgültigen Absprache und Einordnung entziehen. Diese Voraussetzungen, die in den Werken selber liegen, möchte ich versuchen, die 'utopischen' zu nennen." (Werke 4,258,260)
12. Postskriptum: Eine nicht gelöschte Spur
Der Weg, der mich zur Wahl meines Diplomarbeits-Themas geführt hat, beginnt früh. Er geht aus von einer lesegeförderten, lesesüchtigen Kindheit und Jugend. Damit war eine Spur gelegt, der ich folgen konnte. Allerdings war diese Spur zeitweise auch in Gefahr. Sie wurde jedoch nicht gelöscht, sondern überlagert durch anderes, wurde verweht vom Sand des Alltags einer Haus- und Familienfrau. Die Spur konnte wieder aufgenommen werden und bekam neue Schwerpunkte. Vor allem die Begegnung mit der zeitgenössischen Literatur, mit dem Schreiben von Autorinnen hat ihr eine neue, starke Ausprägung gegeben.
Neues ist dazugekommen. Auch das war grundgelegt in frühen Jahren durch Freude am Wissenserwerb, durch den tief vergrabenen Wunsch zu studieren. Unter den Eindrücken aller anderen Spuren ist er über Jahrzehnte mitgelaufen, bis ich endlich ein Studium beginnen konnte. Das war eine Zeit der fast beständigen Freude.
Und dann das Thema: "zugefallen" durch die Eindrücke eines Seminars. Kaum jemals hat mich eine Tätigkeit so befriedigt wie das Schreiben dieser rund hundert Seiten. Und in die Freude des Fertigwerdens mischt sich leise Wehmut: War das alles?
Ob sie noch weiterführt, diese Spur ?
Vielen Menschen möchte ich danken.
* Meinem Vater verdanke ich die Freude am Lesen und am Erwerb von Wissen. Er hätte sich sehr gefreut, mich als Studentin zu sehen.
* Meine Mutter hat unter schwierigsten Umständen nicht nur für das Überleben ihrer Kinder gekämpft, sondern auch darum, daß ich zumindest bis zur Matura in die Schule gehen konnte. Vielleicht kann sie meine Sponsion noch miterleben.
* Meine LehrerInnen haben trotz eines eher repressiven Schulsystems die Freude am Lernen mehr gefördert als unterdrückt.
* Ein unbekannter Studienberater hat mich 1991 davon überzeugt, daß auch ich die Hürde der Statistik überwinden kann.
* Die an der Universität Lehrenden haben mich als "Spätstudierende" ernstgenommen, mich bestärkt und gefordert. Sie haben mir viele neue Welten aufgetan. Vor allem danke ich der Betreuerin meiner Diplomarbeit, Prof. Gerburg Treusch-Dieter. Sie hat die Gabe, Menschen zu ermutigen und von ihren Fähigkeiten zu überzeugen.
* Die KollegInnen, nicht zuletzt jene im Forschungspraktikum, haben mich immer gut aufgenommen. Manche sind zu Freundinnen geworden. Mit Helga Hübner und Gabi Stampler als Gegen-Leserinnen, Lektorinnen und Begleiterinnen war ich in der Zeit des Diplomarbeit-Schreibens nicht einsam.
* Meine Kinder haben mir Verständnis entgegengebracht, wenn es mir nicht möglich war, ein größeres Maß an Großmutterpflichten zu übernehmen. Und sie haben mir gezeigt, daß sie auf ihre studierende Mutter stolz sind. Meiner Tochter Elisabeth danke ich dafür, daß sie diese Arbeit "in Form" gebracht hat.
* Noch vielen anderen Menschen danke ich; vor allem meinen Freundinnen sehr unterschiedlichen Alters, mit denen ich gemeinsame Wege gehen konnte. Manche von ihnen haben mich feministisches Denken gelehrt, alle haben mich bestärkt und ermutigt.
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Elisabeth Hellmich geb. Oberascher
1170 Wien, Geblergasse 78/41
Lebenslauf
Persönliches:
1930 in Hamburg geboren
1956 Heirat, seit 1980 verwitwet
3 Kinder, 8 Enkelkinder
16 Jahre ausschließlich Haus- und Familienarbeit
Bildungsweg:
1937 - 1948 Schulbesuch in Hamburg, Mödling, Gmunden, Salzburg
1948 Matura am Mädchenrealgymnasium Salzburg
1981 - 1984 Erwerb des BAKEB-Zertifikats für Erwachsenenbildung
1990/91 Studium Ernährungswissenschaften
1991/92 Beginn des Soziologie-Studiums (Grund- und Integrativwissenschaftliche Fakultät) mit Fächerkombination: Frauenforschung, Sozialgeschichte, Soziolinguistik
1995 erste Diplomprüfung
Berufliche und ehrenamtliche Tätigkeiten:
1948 - 1957 und 1973 - 1990 Kaufmännische Angestellte bzw. Sekretärin (1974 - 1990 an der Universität Wien)
Referentin in der Erwachsenenbildung, Lektorin und Rezensentin
Gründungsmitglied des sozail-integrativen Vereins “Gemeinschaft B.R:O:T”, aktive Mitarbeit in unterschiedlichen Gruppen, vorwiegend im feministischen, kirchlichen und sozialpolitischen Bereich.
- ↑ Entsprechend den "großen Formen der Rede" in der antiken Rhetorik handelt es sich hier um die politische Rede in Form einer Protestrede und um die Rede vor Gericht in Form einer Anklage. Anm. (E.H.)
- ↑ Zu diesem Begriff wurden von Freud zwei Modelle entwickelt. Im sog. "topischen" Modell werden die Systeme Unbewußt, Vorbewußt und Bewußt unterschieden. Im sog. "Strukturmodell" werden die drei Instanzen des Ich, des Es und des Über-Ich differenziert. (Rohde-Dachser 395)
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