Review:Im Raume lesen wir die Zeit - Karl Schlögel - Monographie - 2006

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"If I had listened to the critics I'd have died drunk in the gutter."
-Anton Pawlowitsch Tschechow / Антон Павлович Чехов,
(1860-1904) russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker.
Informationen zur Rezension
Titel: Im Raume lesen wir die Zeit
Künstler / Autor: Schlögel Karl
Herausgeber: Fischer
Erscheinungsjahr: 2006
Erscheinungsort: Frankfurt
Sprache: Deutsch
Werktyp: Monographie
Genre: Essay
Themen: Geschichte
ISBN: 3596167183 (Buchlink DE)
ISSN: (Buchlink DE)
ISBN-13: 978-3596167180 (Buchlink US)
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik
Originalherkunft:
Quelle:
Kurzbeschreibung:
Sonstiges:
eLib Text v1.00
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Inhaltsverzeichnis


Interaktion und Metadaten

Zitierweise: Rezension von "Im Raume lesen wir die Zeit" (2006). in: eLib, Hg. v. eLibrary Projekt, in: literature.at/elib ( 08. Februar 2012 ). URL: http://www.literature.at/elib/index.php5?title= Lexikon:Im_Raume_lesen_wir_die_Zeit_-_Karl_Schlögel_-_Monographie_-_2006_-_Rezension

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Titel


Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Schlögel, Karl. Fischer, Frankfurt, 2006.

Rezension von Gernot Hausar
Zurück zum Themenkreis Historiographische Texte zur Geschichte Osteuropas.



Werkinfo

Das Werk ist keine wissenschaftliche Monographie. Es ist als Essay zu werten, der in Episoden und kleinen Beispielen die Wichtigkeit der räumlichen Dimension für die Geschichtswissenschaft unterstreicht.

Am besten ist das Buch als Mosaik von vielen, kleinen Episoden zu beschreiben, die ein facettenreiches Bild des Themas ergeben. Es sind Essays, Studien, Aufsätze und Texte, die manchmal ins Narrative und Literarische hinübergleiten. Dieser Ansatz ist nicht ausschließlich zielgerichtet, hat aber viel Charme und regt zum Querdenken an.

Dabei wird aufgezeigt, daß es viele der grundlegenden theoretischen Überlegungen bereits gibt und diese nur praxisrelevant reaktiviert werden sollten. Karten, Reiseberichte, Pflastersteine, Stadtpläne und persönliches Erfahren sind ebenso wichtige Werkzeuge des Historikers wie die klassischen Methoden und Herangehensweisen.


Inhaltsverzeichnis

Die Wiederkehr des Raumes
Kartenlesen
Augenarbeit
Europa diaphan


Zum Inhalt

Der Raum als wichtiges Element der Geschichte und historische Kategorie steht im Blickpunkt dieses Werkes. Es soll versucht werden, ein komplexes Bild der Welt um uns zu begreifen. Dies ist aber nur möglich, „wenn wir beginnen, Raum, Zeit und Handlung wieder zusammenzudenken.“ (S 24) Er stellt sich ausdrücklich gegen Theorien, die mit der Informationsgesellschaft, den Transport- und Infrastrukturnetzen und und der fast unmittelbaren Übertragung von Daten auch ein Verschwinden der Raum- und Ortsgebundenheit propagieren.

Für Historiker besonders interessant ist auch Schlögels Plädoyer, daß man

„ein Geschichtsstudium streckenweise auch als Schulung der Sinne und als Augentraining absolvieren (könnte) - mit Städten und Landschaften als Dokumenten. Etwas zur Anschauung bringen können ist nicht Sache von ein paar literarischen oder rhetorischen Tricks, sondern hat zunächst einmal die Anstrengung, sich eine Sache anzusehen, zur Voraussetzung. Alles bekommt dann ein anderes Aussehen und beginnt zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern. Was sonst nur als Hilfsmittel in Gebrauch ist - Kursbücher, Adreß- und Telephonbücher, gewinnt eine ganz neue Aussagekraft, sobald sie als Dokumente sui generis behandelt und befragt werden."


Kapitelauswahl

Die vier Hauptkapitel zeichnen einen schönen Bogen zu Schlögels These von der Wiederkehr des Raumes.

Im ersten Kapitel, „Die Wiederkehr des Raumes“ argumentiert Karl Schlögl, daß der neue Fokus auf den Raum durch zwei Ereignisse wesentlich geschärft wurde: 1989 mit all seinen Folgen, daß das Ende des 20. Jahrhunderts einläutete und die Terroranschläge vom 11. September 2001 zeigen auf, daß wir Räume neu wahrnehmen müssen. Sie sind Auslöser für eine politische Raumrevolution, die vielleicht zur Konstruktion von Riesenräumen führen. Für diese Konzepte fehlt uns allerdings heute noch die Terminologie.

„Kartenlesen“ beschäftigt sich mit verschiedenen Anwendungen räumlicher Kategorien in einem geschichtlichen Kontext. Er betont, daß mit der Vermessung und den Karten auch die machtpolitische Durchdringung einhergeht. Als Beispiel dafür nennt er zB Indien, daß im 18. Jahrhundert durch die Vermessung politisch greif- und kontrollierbar wurde. Auch Kriege beginnen und enden mit Karten, wie an Hand der Bosnienkrise unter anderen wieder sehr deutlich wird.

„Augenarbeit“ behandelt die Möglichkeiten der Wahrnehmung und Ideen zum Sammeln von Informationen. Das Streifen durch die Seitengassen einer urbanen Landschaft liefert dem Historiker genauso relevante Informationen wie das Forschen in einer Bibliothek. Wie einer der Rezensenten allerdings bemerkt, kommt der ländliche Wandersmann allerdings vielzu kurz, während dem urbanen „Flaneur“ gehuldigt wird.

„Europa diaphan“ plädiert für ein Begreifen des Geschehens über alle Grenzen hinweg. „Und wieder war er erstaunt über das waage und mysteriöse Konzept der Grenze“ bemerkt schon ein Charakter aus Milan Kunderas Buch des Lachens und Vergessens und unterstreicht damit die willkürliche Ziehung nationalstaatlicher Grenzen. Dies wird auch durch die Veränderungen der letzten 50 Jahre deutlich gezeigt, wie Schlögel, der ein ausgesprochener Osteuropakenner ist, aufzeigt. Schlögel sieht die klassischen Grenzen als Möglichkeit, den Prozeß der Transformation unter Kontrolle zu bringen und eine problemfreie Transformation zu ermöglichen.


Osteuropa und das Raumkonzept

Karl Schlögel ist ein ausgesprochener Kenner der Räume Mittel- und Osteuropas. Er hat ein großes theoretisches Wissen, welches ergänzt wird, durch die für Schlögel so wichtigen persönlichen Erfahrungen, Eindrücke und Kontakte. Gerade für die Osteuropaforschung ist Schlögels Ansatz sehr attraktiv, da er der Realität in diesem Raum gerecht wird.

Katastrophen und mentales Kartographieren haben das Bild einer übermächtigen Sowjetunion geprägt, die über Nacht verschwunden war und die Leute zwang, neue Räume zu begreifen.

Räume sind in vielerlei Facetten wahrzunehmen, zum Beispiel als Stadtgrenzen, die sich ständig verändern, wie bei der urbanen Landschaft von Los Angeles. Es sei hier auch das Beispiel von Sergej Pawlowitsch Djagilew erwähnt, der das moderne russische Ballett nach Westeuropa brachte und damit grenzüberschreitend Kunst machte.


Über den Autor

Karl Schlögel ist Osteuropahistoriker und lehrt an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Karl Schlögl wurde 1948 geboren. Er studierte in Berlin, Moskau und St. Petersburg Slawistik, Osteuropäische Geschichte, Philosophie und Soziologie.

Er ist der Anwalt des vergessenen Ostens, er trägt mit intensiven Essays und Reiseberichten zu seinem Verständnis dabei. Seine Essays leben von der enormen Kenntnis dieser Region, die er unzählige Male selbst bereist hat.


Annahme des Werks

Die Rezensionen zum Werk sind zu einem großen Teil sehr positiv. H-Net, Zeit, Litrix, Hr-Online und Perlentaucher sind eigentlich durchwegs positiv und orten nur kleine Versäumnisse.

"Ein Buch von tiefem Ernst und großer Leichtigkeit, ein Pamphlet und eine Spurenlese, dicht und welthaltig. Nur zu glänzen ist schon eine ganze Menge. Dieses Buch glüht von innen." (Jürgen Osterhammel, Die Zeit)

"Eine wunderbare Lektüre... Karl Schlögel ist ein grandioser Landschaftsmaler, vor allem bei der Charakterisierung osteuropäischer Räume. Er hat ein Werk der Leidenschaft geschrieben, wie es die Geschichtswissenschaft in jeder Generation nur wenige Male hervorbringt. Hier hat ein König gebaut, der noch vielen Kärrnern zu tun geben wird." (Gustav Seibt, Literaturen,)


Kritik

Das Buch ist in jedem Fall sehr empfehlenswert. Es liest sich sehr gut und die Konzepte werden nachvollziehbar und verständlich erläutert. Gerade durch die vielen kurzen Episoden kann man Schlögels Thesen nicht nur gut folgen, sondern ertappt sich auch dabei, daß man durch seine Umwege zu neuen Ideen gekommen ist.

Auch die Grundthese von einer stärkeren Gewichtung und Beachtung der räumlichen Komponente kann er glaubhaft vermitteln. Dies ist gerade im innerdeutschen Diskurs besonders wichtig, da ein gundsätzlich wertvoller wissenschaftlicher Ansatz durch den Umgang mit der jüngeren deutschen Vergangenheit lange Zeit fast vollständig tabuisiert wurde.

Die vom Autor gewählte Art der Präsentation in vielen kleinen Episoden wird dem Thema für mich gut gerecht, auch wenn manche Episoden den Kern der Aussage nur streifen. Ich empfand diese Herangehensweise als sehr anschaulich und gut, um sich in das Thema einzudenken und es von möglichst vielen Seiten zu beleuchten.

Es ist allerdings keinesfalls eine wissenschaftliche Behandlung der These, da die Struktur fehlt. Dies ist aber vom Autor auch explizit nicht gewollt, da er die Raumkomponente für die Praxis der Geschichtswissenschaft reaktivieren und keinesfalls eine Theoriediskussion lostreten wollte.

Einziges wirkliches Versäumnis des Autors sehe ich gerade bei dem starken Fokus auf dem 20. Jahrhundert darin, daß er die weltweiten Infrastruktur- und Datennetze des „Cyberspace“ nicht auch als Raum behandelt. Mit dem Cyberspace gibt es bereits einen Riesenraum, der sich mit einer ausreichenden Infrastruktur automatisch und grenzüberschreitend ausbreitet.

Der Cyberspace kann im Rahmen eines neuen „spatial turns“ der historischen Forschung als Quelle und Forschungsgegenstand auch entscheidende Aspekte liefern und sollte nicht vernachlässigt werden.


Rezensionen


Weiterführende Literatur