Review:Everyday Stalinism - Soviet Russia 1930s - Sheila Fitzpatrick - 1999

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"If I had listened to the critics I'd have died drunk in the gutter."
-Anton Pawlowitsch Tschechow / Антон Павлович Чехов,
(1860-1904) russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker.
Informationen zur Rezension
Titel: Everyday Stalinism - Ordinary Life in Extraordinary Times - Soviet Russia in the 1930s
Künstler / Autor: Fitzpatrick Sheila
Herausgeber: Oxford University Press
Erscheinungsjahr: 1999
Erscheinungsort: Oxford
Sprache: English
Werktyp: Monographie
Genre: Monographie
Themen: Geschichte
ISBN: 0195050010 (Buchlink DE)
ISSN: (Buchlink DE)
ISBN-13: 978-0195050011 (Buchlink US)
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Inhaltsverzeichnis


Interaktion und Metadaten

Zitierweise: Rezension von "Everyday Stalinism - Ordinary Life in Extraordinary Times - Soviet Russia in the 1930s" (1999). in: eLib, Hg. v. eLibrary Projekt, in: literature.at/elib ( 08. Februar 2012 ). URL: http://www.literature.at/elib/index.php5?title= Everyday_Stalinism_-_Soviet_Russia_1930s_-_Sheila_Fitzpatrick_-_1999

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Titel


Everyday Stalinism - Ordinary Life in Extraordinary Times: Soviet Russia in the 1930s

Rezension von Anna Felderer
Zurück zum Themenkreis Historiographische Texte zur Geschichte Osteuropas.



Einleitung

Diese Zusammenfassung behandelt die einzelnen Kapitel von Sheila Fitzpatricks Everyday Stalinism. Die Informationen sind nicht rein objektiv sondern teilweise mit meinem Gedankengut angereichert. Weiters sind biographische Details der Autorin angeführt und die Arbeit wird von einer zusammengefassten Rezension abgeschlossen. Da bei der mündlichen Präsentation der Verantwortliche für Rezensionen zum Buch (anfangs) nicht anwesend war, habe ich diese selbst ausgesucht und bearbeitet.

Auf gendergerechte Formulierungen wurde zugunsten der Leserlichkeit verzichtet.

Information zur Autorin

Ph. D. Sheila Fitzpatrick promovierte 1969 in Oxford. Sie gilt als Spezialistin für Sozial- und Kulturgeschichte während des Stalinismus und als Vorreiterin der zweiten Generation der Revisionisten. Temporär arbeitet sie an Projekten zur sowjetischen Gesellschaft unter Chruschtschow und zu Verschleppten in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. 2002 erhielt sie den Mellon Foundation Distinguished Achievement Award.

The Party Is Always Right

Ihre Entscheidung, dieses Buch über das tägliche Leben mit einem Kapitel über die Partei und Bürokratie zu beginnen, begründet Fitzpatrick damit, dass das alltägliche Leben ohne Einmischung des Staats nicht vorhanden war. Die Partei sah sich selbst Ende der 20er noch als revolutionär und nahm den Unmut der Bevölkerung in Kauf zugunsten des Ziels: die Umwandlung des rückständigen, ländlich-bäuerlichen, kleinbürgerlichen Staates in ein industrialisiertes, alphabetisiertes, modernes und vor allem sozialistisches Russland.[1] Die Umsetzung nahm dabei damals noch ungeahnte Ausmaße an, die die anfänglichen Revolutionäre wohl nicht gerne gesehen hätten, wie zum Beispiel der Personenkult um Stalin und auch Beamte in niedrigeren Rängen.

Die Partei sieht sich selbst und wird als kulturelle und politische Vorhut[2] in Form von einer „Armee revolutionärer Kämpfer“[3] gesehen. Die Mitgliedschaft war höchst erstrebenswert, allerdings nicht leicht zu erreichen. Doch mit guter Ausbildung und dem „richtigen sozialen Hintergrund“ stand nur noch die komplizierte Aufnahme selbst im Weg und selbst diese wurde durch die enormen Verluste während der großen Säuberungen erleichtert.[4]

Des Weiteren beschreibt Fitzpatrick die Handhabung der Opposition und der Meinungsfreiheit. Sie erwähnt die propagierte Wachsamkeit gegenüber allen Genossen, vergleicht die Geheimhaltung und Rituale, denen man unterworfen war, mit Freimaurern und hinterlegt dies mit Beispielen.

Um zu erklären, warum die Revolution nicht so funktionierte wie sie sollte, wurden verschiedene Verschwörungen erfunden, die entweder generell von „Klassenfeinden“ ausgingen, von der kapitalistischen Außenwelt oder später von Parteimitgliedern.[5] Dann beschreibt sie, wie Stalin sich selbst zum inoffiziellen Herrscher über die Sowjetunion krönte und wie der Personenkult um ihn und auch um andere „little Stalins“[6] entstand.

Im letzten Abschnitt bringt die Autorin Beispiele von aktiven Sowjetbürgern, den Unterstützern der Regierung.

Hard Times

Dieses Kapitel, meiner Meinung nach das Herz des Buches, behandelt den täglichen Kampf um Nahrungsmittel, Kleidung und Unterkunft. Die ständigen Kürzungen erzwangen stundenlanges Anstellen für Brot, Fleisch, Milch, Butter oder Gemüse und Salz, Seife, Zündhölzer oder Petroleum waren noch seltener erhältlich.[7] Auch in schlechter Qualität bekam man Kleidung fast nie; diese zu reparieren war aufgrund des Mangels an Werkzeugen kaum möglich.[8]

In den Städten entwickelte sich enormer Wohnungsmangel, einerseits durch den Zuzug der ländlichen Bevölkerung, andererseits durch allgemeines Bevölkerungswachstum.[9] In neu entstandenen Städten und Industriestädten war die Situation am schlimmsten und änderte sich auch nicht wesentlich bis zur Amtszeit Chruschtschows. Wohnraum wurde in Quadratmetern gemessen, 1933 betrug dieser in Krasnojarsk nur noch 3,4 m2 per capita; zusätzlich waren Fließwasser oder Elektrizität in den Wohnungen keinesfalls normal.[10] Und auch außerhalb der Behausung war die Situation katastrophal: Öffentliche Verkehrsmittel, Straßenbeleuchtung, gepflasterte Straßen und Kanalisation waren nur in der Musterstadt Moskau vorhanden, in allen anderen und in der Peripherie nur teilweise, mangelhaft oder gar nicht. Zusätzlich wurden die Straßen von Vandalen heimgesucht.

Lebensnotwendige Waren erhielt man in den staatlichen Verkaufsläden gegen Rationierungskarten. In so genannten torgsin-Läden konnte man zusätzliche Waren gegen Fremdwährung oder Schmuck erstehen. Eine Preisklasse höher konnte man in „commercial stores“ Produkte kaufen, die es nicht in den normalen staatlichen gab, gefolgt von dem Kolchosenmarkt, der gleichzeitig als Schwarzmarkt für weit definierte Spekulanten diente; dieses System wurde vom Handelsminister Izrael Veitser als „sowjetischer Freihandel“ bezeichnet.[11]

Doch ohne blat war das Überleben schwierig. Blat, von Zeitzeugen oft als „Freundschaften“ oder „Hilfe unter Nachbarn“ umschrieben, sind Verbindungen, die das Leben des „homo sovieticus“ erheblich erleichterten.[12]

Palaces on Monday

Die Utopie der 30er Jahre war die einer revolutionierten Welt durch Industrialisierung und moderne Technik.[13] Vor allem die jüngere Generation glaubte an die in unter anderen Filmen propagierte Konstruktion einer neuen Welt.[14] Es veränderte sich zwar einiges (Wachstum der Städte, Alphabetisierung der Bevölkerung), jedoch wurde auch oft geprahlt und übertrieben.[15] Die Errungenschaften wurden für In- und Ausland in mehreren Sprachen schriftlich festgehalten, aber diese Erfolge milderten nicht die Paranoia der Sowjetunion gegenüber dem „kapitalistischen Westen“[16]. Fitzpatrick bringt verschiedene Beispiele kämpferischer Kriegslieder, die unter anderem auch von Helden berichten. In den 30ern waren das Polarforscher, Grenzschützer, Stachanowisten, Politiker und diverse „Helden der Arbeit“.[17] Fiktive wie auch reale Vorfälle wurden verfilmt, in denen bevorzugt „kleine Leute“ durch absolute Linientreue zu Stars (so genannten Stachanowisten) wurden. Einige der Stachanowisten verließen ihre Kolchose (oder den Ort, an dem zuvor arbeiteten), wurden durch die Medien berühmt, nahmen an Staatsbanketten teil und trafen Stalin, um ihm zu huldigen.[18]

Ein zentrales Thema der Propaganda war die „Wiedergeburt des Menschen“. (Jugendliche) Kriminelle wurden durch Arbeit und Gemeinschaft zu pflichtbewussten Unionsbürgern.[19] Die Autorin nennt Beispiele von konvertierten Kriminellen, Berichten darüber und den Wahrheitsgehalt dahinter.

Die Umsetzung der kulturellen Revolution kann man laut Fitzpatrick in drei Ebenen aufteilen: Die erste Stufe, grundlegende Hygiene, wurde in den Zeitungen als erklommen deklariert, die zweite (angemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit, Tischmanieren, Grundkenntnisse der kommunistischen Ideologie…) wurde von Stadtbewohnern erwartet während das höchste Niveau nach 1917 als bürgerlich-klassenfeindlich abgetan und plötzlich erstrebenwert wurde. Ein weiterer Aspekt war der Trend zur Namensänderung von bäuerlich-ländlichen oder kirchlichen zu städtischen, modernen Name.

Gegen Ende dieses Kapitels beschäftigte sich Fitzpatrick mit den Karrieren einiger SU-Bürger, die einer Variante des heutigen „American Dream“ entsprachen: Junge Leute, die in die Stadt ziehen, der Partei beitreten und nach einem höheren Abschluss in die Elite aufgenommen werden, wobei sie sich in Eigenbetrachtung nicht vom Proletariat entfernen.

The Magic Tablecloth

Das „Tischlein-deck-dich“ gab es nur in Haushalten von kommunistischen Beamten und manchmal auch in denen von Intellektuellen und Stachanowisten.[20] Die propagierten Verbesserungen der Lebensqualität schafften ein Bild des Überflusses. Vergnügensveranstaltungen mit Tanz, Maskeraden, Musik und Entspannung sowie neue Produkte wie Frankfurter, Eis oder Ketchup waren angeblich für alle zugänglich. Auch die alte Kleiderordnung (Uniform) wurde zugunsten des klassischen Anzugs abgelegt, der Gang ins Restaurant war angesehen, der Tonfilm wurde zum Massenmedium, in Moskau wurde zum Volksvergnügen Gorki Park eröffnet; doch galten diese Errungenschaften nicht wie die alte bürgerliche Verdorbenheit als verwerflich sondern als Kultur[21]. Die Autorin widmet sich im Folgenden den Privilegien, die erst Ingeneure und später Intellektuelle erhielten. Diese reichten von bevorzugter Behandlung bei der Ausgabe von Gütern und zusätzliche Essenspakete in mageren Zeiten über Zuteilung von Plätzen in Erholungsheimen und Autos bis zur Ignoranz von Beamten gegenüber der Lagerung von dubiosen Vermögenswerten und Kreditanleihen.[22] Auch Hausdiener wurden zu schlechten Bedingungen angestellt, ohne dass das Wort „Klasse“ fiel.[23]

Im Unterkapitel „Thinking about Privilege“ erörtert Fitzpatrick die Eigenbetrachtung der Privilegierten und die Einschätzung des Volkes dazu. Die Vorteile werden erst im Zuge der großen Säuberungen als Abhebung von der übrigen Bevölkerung, Machtmissbrauch und Korruption gesehen.[24]

Mitte der 30er lebten Statussymbole, wie sie es vor 1917 waren, wieder auf. Militärische Ränge und Schuluniformen wurden wieder eingeführt und verschiedene Titel, Orden und Ehrenzeichen verliehen.[25]

Jedwede Beförderung oder Bevorzugung war schwer mit reiner Arbeitsleistung zu erreichen. Selbst als Mitglied der „kreativen Intelligenz“ brauchte man einen Patron, wenn man die Behausung wechseln, zu Erholung fahren und vor Anschuldigungen oder Säuberungswellen beschützt werden wollte.[26] Dies war für beide Seiten mit Gefahren verbunden, auf die Fitzpatrick in den letzten Seiten des Kapitels näher eingeht.

Insulted and Injured

Als bereits erwähnte benachteiligte Bevölkerung galten Leute, die von Mietzahlungen, Unternehmensanteilen oder Kapitalzinsen lebten, Mittelmänner, Mönche und Priester, frühere Agenten der Geheimpolizei der Zaren und Mitglieder der ehemals herrschenden Romanow Familie.[27] Ihre Diskriminierung bestand aus dem Entzug des Wahlrechts, des versperrten Zugangs zu höherer Ausbildung, der Nachsicht bei der Zuteilung von Wohnungen, keine zusätzlichen Lebensmittelmarken, keine Steuererleichterungen, erschwerte Beschaffung von Dokumenten, Deportation, Spezial-Siedlung und Exil.[28] Alle Nachteile galten auch für Nachkommen bis unter dem Slogan „A son does not answer für his father“ dazu aufgefordert wurde, sich als Sprössling aus „sozial schlechtem Milieu“ zu outen, da jeder Bürger (ab 18 Jahren) nach der neuen Verfassung unbeachtet der Rasse, der Nationalität, des religiösen Bekenntnisses, des Ausbildungsgrad, des Lebensstils, des sozialen Hintergrunds, des Wohlstands und den vergangenen (kriminellen) Aktivitäten wahlberechtigt wären.[29] Allerdings schreibt die Autorin von schockierenden Fällen, in denen geoutete Personen plötzlich verschwanden und stellt die Vermutung an, dass dieser vermeintlich tolerante Zug zur Aufspürung bisher verborgener Klassenfremder diente.

Weiters führt sie mithilfe von Interviews aus dem im Buch bereits mehrfach zitierten Harvard Interview Project aus, wie man der Verfolgung durch den Erwerb neuer Identitäten entgehen konnte und wie die Aufdeckung von „Klassenfeinden“ zum Volkssport mutierte.


Family Problems

Unregistrierte Ehen, Scheidungswellen und legale Abtreibung sorgten für diffuse Familiensituationen. Zum Beispiel blieben geschiedene Eheleute aus wirtschaftlichen Gründen oder aufgrund des Wohnplatzmangels zusammen oder Ehen wurden aufgelöst um bei einer potentiellen Denunziation gegen die eigene Person den Partner zu schützen.[30] Andererseits belegen Briefe an die Regierung die gegenteilige Situation: Diverse Beschwerden über davongelaufene, gewalttätige oder/und ehebrechende Männer, die sich weigerten, Alimente zu bezahlen und die Forderung, diese zu verfolgen.[31] Diese Briefe beinhalteten teilweise auch Hilferufe für Kinder, da sich Mütter oder Väter manchmal gezwungen sahen, ihre Nachkommen zu verlassen. Die große Zahl an vernachlässigten und obdachlosen Kindern führte zu erhöhter Jugendkriminalität, die die Regierung mit strengen Gesetzen beantwortete. Ein weiterer Gesetzesentwurf, der die Familie betraf, wurde im Mai 1936 vorgelegt: bisher legale Abtreibung wurde verboten, die Registrierung einer Scheidung verlangte eine Gebühr von 50 Rubel und mehr, zu zahlender Unterhalt wurde mit bis zu zwei Drittel des Gehalt des Vaters angesetzt und Mütter erhielten finanzielle Unterstützung für zahlreiche (eigene, lebende) Nachkommen, sofern der soziale Hintergrund nicht im Weg stand.[32] Vor allem das Abreibungsgesetz löste enormen Widerstand aus, mit, dem Ergebnis, dass es ein Monat später geringfügig reformiert wurde.

Die Frauenbewegung Obshchestvennitsa wurde laut Fitzpatrick von gelangweilten Hausfrauen gegründet, die Kultur in ihr Leben bringen wollten. Sie war ähnlich der Firmenstruktur der Ehemänner der Mitglieder organisiert und ihre Tätigkeiten umfassten die Dekoration der Arbeitsplätze, Eigenheime und Umgebung, die Gründung von Bildungseinrichtungen und andere Verbesserungen der Lebensqualität. Auch wenn diese Art der Beschäftigung starke Ähnlichkeiten mit der Wohltätigkeit der ehemals führenden Klasse aufwies, wurde sie als „soziale Aktivität“ bezeichnet.[33] Aus dieser Bewegung entwickelte sich die Ausbildung der Frauen in männertypischen Berufen, um diese im Krieg ersetzen zu können.[34]

Listening In

Die Regierung hatte generell zwei Möglichkeiten, die öffentliche Meinung zu evaluieren. Einerseits spionierte die Polizei in den allgegenwärtigen Warteschlangen, am Kolchosenmarkt, in Cafeterias, in Badeanstalten und an der Universität und andererseits durch die Flut von Briefen, die mit Beschwerden, Drohungen oder Forderungen bei diversen Politikern und Zeitungen eintrafen.[35] Schwieriger zu erfassen waren Privatgespräche in den Gängen der Firmen und zu Hause sowie die Aktivitäten der Intelligenz, doch auch hier hatte die Polizei Erfolg.[36] Vor allem zu Zeiten spezieller Ereignisse (wie zum Beispiel das Ende der Rationierung, Schauprozesse, die Legalisierung der Bauernmärkte, Preissteigerungen, neue Gesetze, Aktivitäten im Ausland (Machtergreifung Hitlers, spanischer Bürgerkrieg), Hungersnöte, der Tod eines Politikers)[37] war die Staatsführung an der öffentlichen Meinung interessiert. Für die Aktivitäten der Jugend war zusätzliche Wachsamkeit geboten.

Suizid wurde genauestens untersucht, da man darin eine Kritik am System sah. So kann Fitzpatrick die genauen Umstände einiger Selbstmorde aufzählen und die weit gefächerten Gründe analysieren.[38]

Briefe waren das beste funktionierende Kommunikationsmittel zwischen Staat und Bevölkerung. Sie vermittelten den Bürgern den Eindruck von Demokratie und Selbstbestimmung. Während Gruppenpetitionen selten vorkamen, wurden private Briefe mit anti-sowjetischem Inhalt sogar an die zuständigen Stellen weitergeleitet (wenn sie nicht davor schon von diesen abgefangen wurden).[39]

Teilnahmepflichtige öffentliche Diskussionen als Demokratisierungsversuch wurden zwar eingesetzt, blieb jedoch wenig erfolgreich. Im Folgenden erläutert die Autorin die Reaktionen der Bevölkerung auf verschiedene Gesetzesentwürfe und auf die Entwicklung der Wahlen, die mit diesen Methoden erhoben wurden.

Im Abschnitt „Talking Back“ wird die wahre, schwer zu erfassende Meinung des Volkes eingekreist. Mittels Gerüchten, parodierten Propagandaslogans, veränderten Bedeutungen von Akronymen, vermeintlichen Fehlern in Zeitungen, Schmähbriefen, Witzen oder Spottliedern verbreitete, so anonym wie möglich, die Bevölkerung ihre Ansichten.[40]

A Time of Troubles

Der große Terror, den der Titel umschreibt, war sowohl für die Land-, als auch für die Stadtbevölkerung (ausgenommen “Klassenfeinde”) weniger Unglück bringend als zum Beispiel die frühere Kollektivierung oder Brotmängel, da sich die Säuberungen hauptsächlich gegen Parteifunktionäre richtete.[41] Die Hysterie der Verschwörungen und des Verfolgungswahns reichten bis zum Zweifel an der eigenen Person hinsichtlich der absoluten Zugehörigkeit zum Kommunismus.[42] Hochrangige Beamte, Politiker und Intellektuelle wurden als „enemies of the people“ deklariert, wobei man keine klaren Grenzen setzen konnte: falsche Freunde und Bekannte, Verbindungen ins Ausland, Verdacht auf Verschwörung, Missbrauch von Regierungsgeldern, unvorteilhafte soziale Herkunft, Kontakt mit Oppositionellen; aber auch diffusere Anschuldigungen führten ab 1937 zu Schauprozessen, Verurteilungen und Exekutionen.[43] Wahlen wurden langwierig, da man dafür Partei ergreifen musste und diese kurz darauf diskreditiert werden konnte. Somit wurde auch der Wähler schnell zum Unterstützer des Feindes. Personen, die aus bekannten Gründen bereits im Exil lebten, wurden zurückgeholt und erneut (strenger) für ihre angeblichen Verbrechen bestraft. Söhne und Töchter, die parteikonform in den frühern 30ern ihre Eltern als „sozial Fremde“ meldeten, wurden nun aufgrund von Kontakt mit „sozial Fremden“ angeklagt. Immer durchsichtigere Verdächtigungen führten zu einer Demaskierungs-Manie. Die Autorin nennt einzelne Spezialisten, die sich auf die Enthüllung von „enemies of the people“ konzentrierten, bis sie im Normalfall selbst denunziert wurden. Sie beschreibt den Ablauf von Verhaftungen und die Reaktion der Betroffenen, die durch zitierte Tagebucheinträge illustriert werden. Der letzte Teil des Buches handelt von der beginnenden Einsicht der unkontrollierten Ausbreitung der Verdächtigungen 1939, jedoch wurden bis zu Chruschtschows Amtszeit als Parteichef kaum Deportierte rehabilitiert.[44]

Rezension

Von Jeffrey J. ROSSMAN, University of Virginia

Erschienen in The Journal of Modern History, Vol.73, September 2001, 722-724

Rossman befindet Everyday Stalinism als sorgfältig recherchiert, flüssig und für ein breites Publikum geschrieben. Thematisch ist die Reichweite umfangreich, die Sekundärliteratur großzügig und die Quellen stammen aus regionalen und zentralen Archiven der Sowjetunion, aus Zeitungen und Journalen, aus Büchern, Filmen und Interviews von Nachkriegsemigranten (zum Beispiel aus dem Harvard Interview Project). Rossmans einziger negativer Kritikpunkt ist die nur beiläufige Erwähnung der Arbeit und Arbeitserfahrung. Fitzpatrick schreibt dazu in der Einleitung, dass sie Erfahrungen und Praktiken als Ganzes darstellen wollte, nicht nur einzelne Aspekte, aber laut Rossman wäre das Buch viel kürzer, hätte sie diese Methode ganzheitlich angewandt.

Rossman hält das Buch für eine gute Grundlage für weitere Forschung zum alltäglichen Leben unter Stalin und sowohl für Laien als auch für Spezialisten geeignet.

Literaturverzeichnis, Quellen


Rezensionen


Endnoten

  1. Ebda. 15
  2. Ebda. 15f
  3. Ebda. 17
  4. Ebda. 16ff
  5. Ebda. 21ff
  6. Ebda. 30
  7. Ebda. 42f
  8. Ebda. 43f
  9. Ebda. 46
  10. Ebda. 46
  11. Ebda. 57ff
  12. Ebda. 62ff
  13. Ebda. 67
  14. Ebda. 69
  15. Ebda. 70
  16. Ebda. 71
  17. Ebda 71ff
  18. Ebda. 74f
  19. Ebda. 76
  20. Ebda. 89f
  21. Ebda. 93f
  22. Ebda. 96ff
  23. Ebda. 99f
  24. Ebda. 105f
  25. Ebda. 107ff
  26. Ebda. 110f
  27. Ebda. 117
  28. Ebda. 122ff
  29. Ebda. 130f
  30. Ebda. 140ff
  31. Ebda. 145ff
  32. Ebda. 152
  33. Ebda. 158
  34. Ebda. 161f
  35. Ebda 164f
  36. Ebda. 167f
  37. Ebda. 169ff
  38. Ebda. 173ff
  39. Ebda. 175ff
  40. Ebd182
  41. Ebda 192
  42. Ebda. 193f
  43. Ebda. 194ff
  44. Ebda. 212