Kosovo - Germanistisch Linguistische Betrachtung - Csaba Földes - 1999
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Volltext
Wir bedanken uns bei Herrn Dr Földes für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
ORTSNAMEN IM SPANNUNGSFELD VON ÖFFENTLICHKEITSSPRACHE UND SPRACHLICHEM WANDEL
Germanistisch-linguistische Bemerkungen anhand der Kosovo-Krise
- Dr. Csaba Földes
- Pannonische Universität Veszprém
- 1999
- Erstveröffentlichung: Muttersprache. - Wiesbaden 109 (1999) 3. - S. 303-315.
- Alternative Version des Beitrages
1. Einleitung
Der Balkan hält Europa - und andere Kontinente - seit einiger Zeit erneut in Atem. Diese politischen Erschütterungen und die Diskurse darüber haben auch sprachliche Ungereimtheiten und grammatische Zweifels- bzw. Problemfälle deutlich werden lassen, auf die man ohne diese Ereignisse wohl kaum aufmerksam geworden wäre. Der Kosovo-Konflikt scheint also offensichtlich auch im Kontext der deutschen Grammatik - und umfassender der Sprache schlechthin - ein vielschichtiges und subtiles Problem von einiger Brisanz darzustellen.
2. Themenstellung
Der Ortsname (im weiteren Sinn)[1] Kosovo geriet 1998/1999 in den Fokus des öffentlichen Interesses. Es gibt heutzutage kaum eine Zeitungsseite, kaum eine Presseerklärung, kaum ein Interview mit einer Politikerin oder einem Politiker ohne eine - oder gar mehrmalige - Erwähnung des Toponyms Kosovo und/oder einiger seiner Derivate. Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber dieser geographische Name auch aus der Sicht der deutschen Grammatik als ein Sorgenkind. Die Genusbestimmung, der Artikelgebrauch, die Genitivbildung usw. fallen in der Sprachpraxis von heute uneinheitlich aus, selbst die Lautgestalt des Ortsnamens ist heute in unterschiedlichen Spielarten präsent.
Mit Blick auf diese Unsicherheiten und Schwankungen möchte ich die gegenwärtige Verwendung des Namens dieser Provinz im Deutschen vor allem anhand von aktuellen Zeitungstexten sowie von Pressemitteilungen, Beschlüssen deutscher, österreichischer, schweizerischer, aber auch internationaler politischer Gremien und Organisationen wie auch von Statements deutschsprachiger Politiker(inne)n untersuchen. Ziel meiner Betrachtungen sind
- - eine Bestandsaufnahme der tatsächlichen Sprachverwendung von heute im genannten Bereich
- - die Herausarbeitung von Erklärungsansätzen für die ermittelten Uneinheitlichkeiten beim Stichwort Kosovo und
- - die Aufzeichnung möglicher sprachlicher Entwicklungslinien und Perspektiven für den grammatischen Umgang mit dem von mir zur Debatte gestellten Ortsnamen.
Natürlich wäre eine komplexe vor allem sozio-, pragma- und textlinguistische Analyse der sprachlichen Auseinandersetzung mit dem Kosovo-Thema insgesamt von großem Wert; in diesem Beitrag werde ich mich jedoch lediglich auf den genannten Ausschnitt der Problematik konzentrieren.
3. Sprachliche Problemlage
3.1 Wissenschaftliche, Gebrauchs- und Lernergrammatiken besagen, dass Länder- und überregionale wie regionale Gebiets-, Landschafts- bzw. Raumnamen im Deutschen im Allgemeinen Neutra, seltener Feminina oder Maskulina[2] sind. Es wird ferner festgehalten, dass der Artikel - außer bei manchen Landschaftsnamen - meist nur zusammen mit Attributen verwendet wird, z.B. das mittelalterliche Spanien, und nur Nichtneutra den Artikel haben, z.B. der Jemen (Jung, 1982, S. 256). Für Gebiets- oder Landschaftsnamen im Neutrum, die ständig mit definitem Artikel stehen, bei denen also der Artikelgebrauch so gut wie "lexikalisiert" ist,[3] d.h. der Artikel zum Namen als Vokabel gehört, werden zumeist etwa das Elsass, Ries, Engadin, Wallis und Pandschab angeführt. Vom Kosovo - weil bis vor kurzem kommunikativ wohl wenig aktuell - war bisher nicht die Rede, obwohl dieses Toponym aufgrund seiner morphologischen Merkmale ebenfalls zu dieser Gruppe zählt.
3.2 Diese grammatischen Eigenschaften werden - wie meine Betrachtungen zeigen - beim tatsächlichen Sprachgebrauch wenig bzw. selten beachtet. Um ein möglichst umfassendes Bild von einigen relevanten Bereichen des aktuellen Sprachusus zu bekommen, habe ich im ersten Arbeitsschritt zahlreiche große renommierte überregionale und kleinere regionale Zeitungen und Zeitschriften unterschiedlicher Coleur sowohl aus dem so genannten "geschlossenen" (meiner Meinung nach eher: zusammenhängenden) deutschen Sprachraum - also aus Deutschland, Österreich und der Schweiz - als auch von Gebieten, in denen Deutsch regionale Amtssprache ist - z.B. aus Südtirol - wie auch von Gegenden, in denen Deutsch als Minderheitensprache ohne Amtssprachencharakter eine Rolle spielt - z.B. aus Ungarn - auf das Vorkommen des Ortsnamens Kosovo und seiner Ableitungen hin analysiert. In der zweiten Phase wurden auch amtliche Verlautbarungen, Pressemitteilungen und sonstige zugängliche Dokumente politischer Parteien, staatlicher Institutionen (z.B. Bundesministerien) und unterschiedlicher (auch internationaler) Körperschaften wie etwa des Deutschen Bundestages, des Weltsicherheitsrats usw. in die Untersuchung mit einbezogen.
3.3 Die Sichtung der Zeitungstexte hat ergeben, dass ein sehr hoher Grad an Uneinheitlichkeit, Unsicherheit und gar fluktuierendem Gebrauch vorliegt. Die sprachlichen Befunde kann man wie folgt zusammenfassen:
3.3.1 Des Öfteren wird Kosovo zwar als Neutrum betrachtet, dennoch mit Nullartikel verwendet. So begegnen einem - besonders frequent in der Frankfurter Rundschau (und im Tages-Anzeiger) - Items wie aus Kosovo, in Kosovo (z.B. am 17., 21. und 22.4.1999), aber auch in anderen deutschsprachigen Blättern kommen sie immer wieder vor, beispielsweise im Tages-Anzeiger (z.B. am 21.4.1999) oder im schweizerischen Tagblatt (z.B. am 5.5.1999) wie auch in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12.5.1999 (online). Auch in den sog. neuen Medien stößt man auf Belege dieser Art, z.B. Yahoo! Schlagzeilen vom 10.5.1999.[4]
3.3.2 Die normgerechten Realisierungen, d.h. als Neutrum mit der Verwendung des bestimmten Artikels, sind natürlich auch häufig anzutreffen: In der FAZ vom 12.4.1999 geht es um die "sichere Rückkehr in das Kosovo"; die Zeit betont in ihrer Nummer 16/1999, "daß das Kosovo etwa so groß ist wie Schleswig-Hostein"; der Spiegel, Nr. 14, schildert, dass "das Kosovo ein Bild zunehmender Verwüstung" bietet. Die Welt am Sonntag lässt in ihrer Ausgabe 17/1999 Flüchtlinge zu Wort kommen, die "so schnell wie möglich ins Kosovo" zurück möchten, und beruft sich auf Reporter und TV-Teams, die "das Kosovo überstürzt verlassen" mussten; in Heft 17 des Stern wird thematisiert, wie Miloševiæ "das Kosovo 'säubern'" will. Der Bonner General-Anzeiger vom 17.4.1999 beklagt, dass Jugoslawien den Fünf-Punkte-Friedensplan des UNO-Generalsekretärs "für das Kosovo" zurückwies; die Goslarsche Zeitung verweist am 6.5.1999 auf Flüchtlinge, die "in das Kosovo" zurückgetrieben wurden. Selbst die nicht gerade politikzentrierte Bravo bedient sich im Heft 17 der Form "das Kosovo". Das Südtiroler Blatt Dolomiten vom 17.4. zitiert die Frage, ob es sich lohnt, "für das Kosovo" zu sterben bzw. "für das Kosovo" zu töten. Die in Budapest erscheinende Wochenzeitung Der neue Pester Lloyd bringt z.B. in der Nummer 16 ebenfalls Formulierungen mit "das Kosovo".
3.3.3 Die Zahl der Belege mit Maskulinum + bestimmtem Artikel ist auch nicht geringer.[5] Wieder einige ausgewählte Beispiele: Heft 17 des FOCUS berichtet über eine unbemannte Bundeswehr-Drohne, "die täglich von Mazedonien aus über den Kosovo fliegt"; die Welt am Sonntag, Nr. 16, konstatiert, dass sich auf der politischen Ebene weiterhin "keine Lösung des Konflikts um den Kosovo" abzeichne, und die Süddeutsche Zeitung vom 10.5. setzt sich damit auseinander, "warum ein englisches Buch über den Kosovo in Jugoslawien Ärger macht". In der Frankfurter Rundschau vom 14.4.1999 kann man über die Drohung eines Einmarsches von NATO-Truppen "in den Kosovo" lesen. Der Fränkischer Tag vom 17.4. berichtet von einer EU-Debatte "über den Kosovo"; die Aachener Zeitung informiert am 17.4. über die "Rückkehr der Vertriebenen und Flüchtlinge in den Kosovo" und die mögliche Entsendung einer "internationalen UN-Friedenstruppe in den Kosovo". Die Basler Zeitung thematisiert am 24.4. den "Krieg um den Kosovo". Belege vom Typ "der Kosovo" lassen sich auch in den Dolomiten, z.B. am 14.4., und anderen Presseerzeugnissen finden.
3.3.4 Schon aus diesen Sprachdaten geht hervor, dass mitunter ein und dasselbe Blatt denselben Ortsnamen in unterschiedlichen Texten grammatisch unterschiedlich handhabt. Diese Unsicherheit tritt ganz krass in Erscheinung, wenn sogar innerhalb eines Textes bzw. auf einer Seite einander widersprechende Verwendungen vorliegen. Besonders auffällig sind Textstellen mit unterschiedlichen Genuszuweisungen für den Eigennamen Kosovo wie die in der Nummer vom 16.4. des Handelsblattes, wo zunächst "der deutsche Friedensplan für das Kosovo" erwähnt wird und ein paar Zeilen weiter von einem "Bonner Friedensplan für den Kosovo" die Rede ist. Ähnlich formuliert Der neue Pester Lloyd, Nr. 17 (der/das). Sowohl die Genuszuweisung als auch die Artikelverwendung variieren in den Belegen wie "Journalisten in Kosovo" und "eine zweieinhalbwöchige Odyssee durch Kosovo" (also Neutrum mit Nullartikel) vs. "aus Belgrad in den Kosovo" (also Maskulinum mit bestimmtem Artikel) innerhalb eines Artikels der Frankfurter Rundschau vom 17.4. oder ebenda am 8.5. Freilich sind auch andere Zeitungen nicht gefeit gegenüber Inkonsequenzen. So schreibt Die Welt am 24.4.: "[…] ihre Sache für das Kosovo" (= bestimmter Artikel), wohingegen auf derselben Seite weiter unten "gegen Kosovo" (= Nullartikel) steht. In der Welt am Sonntag Nr. 17 finden sich auf S. 34 "ins Kosovo" und "das Kosovo", auf S. 33 jedoch "in den Kosovo"; analog bei Bei Yahoo! Schlagzeilen vom 10.05.
3.3.5 Die meisten Unsicherheiten und die daraus resultierenden Widersprüche dürften in den deklinierten Formen mit obliquen Kasus zu registrieren sein. In der schon zitierten Nummer der Basler Zeitung vom 24.4.1999 erscheint das Kosovo an den meisten Stellen als Maskulinum mit bestimmtem Artikel (z.B. "um den Kosovo", "in den Kosovo"), gleichwohl kommt hin und wieder auch der Nullartikel in Belegen wie "um Kosovo" und "in Kosovo" vor. Die Genitivverwendung scheint in höchstem Maße problematisch zu sein. In Verbindung mit dem Toponym Kosovo sind im zusammengetragenen Material drei verschiedene genitivische Bildungen anzutreffen:
- - die Endung -s bei Formen mit Nullartikel, z.B. "die gesamte Bevölkerung Kosovos" (Frankfurter Rundschau, 17.4.) oder "das frühere KP-Establishment Kosovos" (Tages-Anzeiger, 21.4.),
- - Flexion des bestimmten Artikels, z.B. "Status des Kosovo" (Rheinischer Merkur, Nr. 15) sowie "des Kosovo" (Bravo, Nr. 17),
- - Deklination des bestimmten Artikels + Genitiv-s, z.B. "von den Bergen des Kosovos", "die Islamisierung des Kosovos" (Aachener Zeitung, 18.4.).
Nach Auskünften von Gebrauchsgrammatiken scheint dieses Flexiv -s nicht ganz den Gepflogenheiten des Deutschen zu entsprechen, denn "fremde erdkundliche Namen pflegen ein Genitiv-s nur anzunehmen, wenn sie eingedeutscht sind oder häufig gebraucht werden" (Jung, 1982, S. 284, aber auch Duden, 1995, S. 246). Analog wird auch bei Helbig/Buscha (1993, S. 248) oder bei Götze/Hess-Lüttich 1989, S. 143) Stellung genommen: "Bei geographischen Namen aus anderen Sprachbereichen dominiert die Tendenz, kein -s zu setzen". In Zukunft wird sich wohl entscheiden, ob sich im vorliegenden Fall längerfristig die Version mit dem Flexiv -s oder ohne es durchsetzen wird. Meine Prognose: wohl letzteres.
Hinsichtlich der Genitivformen eröffnet sich also im gesammelten Material eine breite Palette diverser Verwendungen: Die Rhein-Zeitung bringt am 8.4. im Artikel "Das Logbuch des Kosovo-Krieges" zunächst "aus dem Süden des Kosovos", dann "im Südwesten Kosovos". Ähnlich die Aachener Zeitung vom 24.4.: "im Süden des Kosovos" vs. "im Südwesten Kosovos". Aber auch die FAZ wartet auf ein und derselben Seite mit "innerhalb des Kosovos", dann mit "des Kosovo" auf (14.4.). In den Dolomiten vom 24.4. finden sich "Teilung des Kosovo" und "Teilung Kosovos" unreflektiert innerhalb eines Artikels.
Insgesamt ist ersichtlich, dass selbst die Artikel, die den topographischen Namen Kosovo mit dem korrekten bestimmten Artikel gebrauchen (z.B. "in das Kosovo"), in der Genitivbildung nicht selten inkonsequent sind und Formen mit dem Nullartikel bringen (z.B. "aus dem urbanen Bürgertum Kosovos", Rheinischer Merkur, Nr. 15).
Die Verbindung mit Präpositionen weist ebenfalls Schwankungen auf. Wie aus manchen der obigen Belege hervorgeht, wird die - im Sinne von Helbig und Buscha (1993, S. 429) "nicht zielgerichtete" - Ortsbestimmung auf die Frage wo? in den meisten Fällen durch Präpositionalgefüge mit in ausgedrückt. Dennoch finden sich auch Formen mit der lokalen Präposition auf, z.B. "die Situation auf dem Kosovo" (Badische Zeitung, 5.5.).
3.3.6 Es ist ebenfalls aufschlussreich zu beobachten, welche Ableitungen des Namens Kosovo in der Pressesprache auftauchen. Die Bevölkerungsbezeichnung Kosovare als Singular bzw. Kosovaren als Plural erscheint regulär, z.B. im Wiener Kurier vom 17.4., in der Wochenzeitung Die Zeit Nr. 16, in der Welt am Sonntag Nr. 16, und die Movierung Kosovarin ist etwa in der Frankfurter Rundschau vom 22.4. belegt. Die Schwäbische Zeitung greift am 18.4. sowohl im Singular als auch im Plural auf die Form Kosovari zurück ("bringt ein Kosovari neu ins Spiel" bzw. "Besuch bei hier lebenden Kosovari"). Ähnlich z.B. der Zürcher Tages-Anzeiger vom 19.5. Das denominale Herkunfts- und Zugehörigkeitsadjektiv kosovarisch (Suffigierung mit -isch) ist in der Pressesprache gleichfalls nicht häufig, aber auch nicht unbekannt, z.B. "Stellvertreter des kosovarischen Präsidenten" (taz vom 17.4.).[6]
3.3.7 Als wichtigste der linguistischen Fragen dürfte die Bezeichnung der Region selbst gelten.
Kosovo - mit Erstsilbenbetonung und dem neutralem Genus! - ist ein serbischer Ortsname, der auf Kosovo polje[7] zurückgeht: Dabei heißt serb. kos = Amsel (vgl. Amselfeld), diesem Stamm tritt die Endung -ovo als Determinativsuffix (oder vielmehr als Possessivsuffix) hinzu, das etwas ausdrückt, was einem gehört. Dementsprechend könnte Kosovo durch eine Umschreibung mit dem Syntagma der Amsel gehörend ins Deutsche übersetzt werden. Das Suffix -ovo/-evo ist bei Ortsnamen im Serbischen sehr produktiv, z.B. Hajdukovo (in der Batschka), Borovo (in Kroatien) usw.
Die Albanischsprachigen haben diese Bezeichnung wahrscheinlich aus dem Serbischen entlehnt[8] und so dient im Albanischen Kosova - mit dem Akzent auf der zweiten Silbe und (wie die meisten Ländernamen im Albanischen) als Femininum - zur Bezeichnung des Gebiets. Kosova ist also in der albanischen Sprache ein opaker Ortsname ohne eine nachvollziehbare Bedeutung. Hinsichtlich seiner Wortbildungsart betrachtet ist Kosova die mit -a, dem Nominativ des angehängten ("enklitischen") Artikels des Femininums, verbundene bestimmte Form von Kosovë.[9] Grundsätzlich verfügen im Albanischen Substantive - und die zu ihnen gehörigen Adjektive - über eine unbestimmte und eine bestimmte Form. Erstere wird im Großen und Ganzen dort eingesetzt, wo man im Deutschen den unbestimmten Artikel setzt. Letztere wird meist dann genutzt, wenn man im Deutschen den bestimmten Artikel setzt, z.B. alb. grua = dt. (eine) Frau, gruaja = die Frau. Die beiden Formen werden dadurch unterschieden, dass bei der bestimmten Form eine zusätzliche Endung als enklitischer Artikel (funktionsähnlich mit dem bestimmten Artikel im Deutschen) angehängt wird: im Nominativ Singular bei Maskulina -i (manchmal -u), bei Feminina -a (Neutra gibt es heute kaum mehr, diese werden als Maskulina dekliniert), z.B. im Maskulinum fshat = 'Dorf' –› fsati, 'das Dorf'; mi = 'Maus' –› miu 'die Maus'; im Femininum vajzë = 'Mädchen' –› vajza 'das Mädchen'.[10] Länder-, Gebiets- und Siedlungsnamen werden im Albanischen ähnlich den nicht-onymischen Substantiven behandelt, d.h. vorrangig in der bestimmten Form - wie eben Kosova, Tirana, Hungaria usw. Zur Graphie sei erwähnt, dass man im Ausland gewöhnlich die Form Kosova (statt Kosovë) wählt, um den Anderssprachigen den ungewohnten Buchstaben ë zu ersparen.
Die deutschsprachige Presse macht von dieser Version nur sehr sporadisch Gebrauch. Allerdings steht in der Schwäbischen Zeitung vom 18.4.: "Wie sich die Kosovari den Frieden in Kosova vorstellen?" Ansonsten finden sich Belege für Kosova eher nur in Bezug auf authentische Bezeichnungen von Vereinigungen, Organisationen etc. mit dieser Komponente. Aber auch hierbei ist die Presse inkonsequent. Die taz löst die Abkürzung LDK am 16.4. als "Demokratische Liga von[11] Kosovo", am 17.4. als "Demokratische Liga von Kosova" auf. (Die Bezeichnung heißt in der Originalsprache: Lidhja Demokratike e Kosovës - siehe Rehder 1993, S. 339). Im Interview mit Bujar Bukoshi, dem Premier der Kosovo-Albaner im Exil, schreibt die Frankfurter Rundschau am 24.4. dem Interviewten u.a. folgende Formulierungen zu: "Aber eine bewaffnete Organisation wie die UCK hat kein Recht, das gesamte politische Leben in Kosova zu monopolisieren. Kosovo muß ein Raum sein, in dem sich alle demokratischen Kräfte entfalten können."
3.4 Die Erklärungen, Mitteilungen, Beschlüsse etc. von Politiker(inne)n zeichnen sich im Wesentlichen durch kategorial die gleichen Divergenzen in Genuszuweisung, Artikelverwendung und morphosyntaktischen Einbettungen aus, wie es die Zitate aus der oben vorgestellten Presse dokumentieren, so dass nun weitere Details erspart bleiben sollen.
3.4.1 Belege für eine Verwendung mit dem Nullartikel finden sich selbst in der Rede des Bundespräsidenten "anläßlich der ersten Sitzung des Deutschen Bundestags im ehemaligen Reichstagsgebäude in Berlin am 19. April 1999", in der er einen kriegerischen "Konflikt um Kosovo" erwähnt. Auf den Nullartikel wird häufig zurückgegriffen in Texten wie im "Communiqué der Informationsdienste der Bundesverwaltung" in der Schweiz, in dem es sich u.a. um "Konfliktopfer in […] Kosovo" handelt (Information des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport). Ferner erkundigt sich der Abgeordnete Alexander J. Baumann in seiner sog. dringlichen einfachen Anfrage vom 10.06.1998 im schweizerischen Nationalrat (Nr. 98.1073) nach der "jüngsten Lageentwicklung in Kosovo".[12] Ebenso auch zahlreiche seiner Kollegen in unterschiedlichen Eingaben, (z.B. Samuel Schmid unter Nr. 98.1077 oder Cécile Bühlmann unter Nr. 98.1081). Besonders augenfällig ist der Umgang mit der Artikelproblematik im Bericht der Delegation bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE (Ständerat: Frühjahrssession 1999, 11. Sitzung). Darin wird die Nullartikel-Variante so oft und so beharrlich eingesetzt, dass sie sogar in engster Symbiose mit anderen Ortsnamen mit bestimmtem Artikel in unveränderter Form prangt: "in Kosovo, im Sandzak und in der Vojvodina".
3.4.2 Die offizielle deutschsprachige Fassung der Resolution Nr. 1203 vom 24.10.1998, die auf der 3937. Sitzung des Sicherheitsrates verabschiedet wurde, enthält stets die grammatisch korrekten Formen, wie: "für das Kosovo", "im Kosovo". Des Weiteren sind im Beschluss des SPD-Parteitages vom 12.4.1999 zum Kosovo-Konflikt ebenfalls Formulierungen wie "eine friedliche Lösung für das Kosovo", "Rahmenbedingungen für das Kosovo" usw. verwendet. In seinem Statement vom 7.4.1999 setzt sich Bundeskanzler Gerhard Schröder für "ein friedliches, multiethnisches und demokratisches Kosovo" ein, und bei den Präpositialkonstruktionen bedient er sich durchweg des bestimmten Artikels, z.B. "aus dem Kosovo", "im Kosovo". Einige Tage später will Schröder in der Regierungserklärung vom 15.4. im Deutschen Bundestag zur aktuellen Lage im Kosovo jedoch schon "eine friedliche politische Lösung für den Kosovo" erreichen und fordert "einen multiethnischen und demokratischen Kosovo". Der österreichische Bundeskanzler, Viktor Klima, hat in der aktuellen Erklärung des Bundeskanzleramtes (Bundespressedienst) vom 20.4. ähnlich deklariert: "Österreichs Hilfsaktionen für den Kosovo" seien voll angelaufen. Aus dem Munde des österreichischen Außenministers und Vizekanzlers Dr. Wolfgang Schüssel tönte im "Zeit im Bild"-Abendstudio am 8.6.1998 "in den Kosovo", dann bei der Fragestunde des Bundesrates am 10.5.1999 wieder zweimal "für den Kosovo". Auf eine ähnliche Weise wirft die österreichische Abgeordnete Dr. Helene Partik-Pablé dem serbischen Präsidenten "einen sogenannten 'gesäuberten' Kosovo" vor (vgl. Nationalrat, Stenographisches Protokoll, 165. Sitzung/93), und ihr Kollege, Dr. Alexander Van der Bellen, warnt vor Milliarden, die "für den Kosovo" benötigt werden (vgl. Nationalrat, Stenographisches Protokoll, 165. Sitzung/91).
Mit dem Maskulinum wird auch in anderen Dokumenten operiert: Aufgrund der Pressemitteilung der Bundesregierung vom 14.4. über die "Zusammenfassung der Aussprache zu Kosovo durch den Vorsitzenden beim informellen Treffen der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Brüssel am 14. April 1999" wurde "ein politisches Abkommen über den Kosovo" forciert. Das Auswärtige Amt hat eine "Deutsche Initiative für den Kosovo" erarbeitet, in der dem Leser - sogar zweimal - die Form "in den Kosovo" begegnet. Im Papier "Hintergrund und Entwicklung des Kosovo-Konfliktes bis Oktober 1998" des deutschen Bundesministeriums der Verteidigung finden sich "auf den Kosovo" und "für den Kosovo". Die Erklärung des Europäischen Rates zum Kosovo vom 24.3.1999 wartet gleichfalls mit Maskulina des Typs "in den Kosovo" und "für den Kosovo" auf. Die "G-8-Erklärung zum Kosovo" beim Außenministertreffen auf dem Petersberg am 6.5. enthält ebenfalls - und sogar zweimal - das Präpositionalgefüge "für den Kosovo" (Quelle: Reuters, abgedruckt in der Rhein-Zeitung am 6.5.).
Im Brief des SPD-Bundesgeschäftsführers Ottmar Schreiners zur Krise im Kosovo vom 25.3. wird gleichfalls für eine "Friedenslösung für den Kosovo" plädiert. Claudia Roth stellt in der Pressemitteilung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN Nr. 0139/99 fest, dass bis vor kurzem "in den Kosovo" noch abgeschoben worden ist.
Belege aus hochoffiziellen Dokumenten gibt es auch nicht selten. So fordert die "VN-Sicherheitsrat-Resolution 1160 (1998) vom 31. März 1998" einen "verbesserten Status für den Kosovo". Der "Beschluß des Deutschen Bundestages zur Beteiligung an geplanten begrenzten und in Phasen durchzuführenden Luftoperationen der NATO zur Abwendung einer humanitären Katastrophe im Kosovo-Konflikt am 16. Oktober 1998" spricht von "Zwangsmaßnahmen mit Blick auf den Kosovo". Die Mitteilung der Schweizerischen Bundeskanzlei vom 7.5.1999 über die "Ernennung des Sondergesandten des UNO-Generalsekretärs für den Balkan" beruft sich auf das Schicksal von Vertriebenen, die "den Kosovo" verlassen mussten.
3.4.3 In mehreren Texten schwankt der einschlägige Sprachgebrauch. Beispielsweise hielt Außenminister Joschka Fischer beim "Pressegespräch von BM Fischer zum Kosovo am 6. April 1999 im Weltsaal des Auswärtigen Amtes" eine Konzentration der Anstrengungen "auf das Kosovo" für zweckmäßig - dabei dürfte vielleicht die beim Toponym mit einem Neutrum operierende Frageformulierung des Journalisten ("in das Kosovo") den Minister bei der Wahl dieses Genus in seiner Antwort mit motiviert haben. Etwas später kommt in der Äußerung von BM Fischer schon die Form "auf den Kosovo" vor (in der Frage war hier der Ortsname nicht enthalten). Ähnliches lässt sich in der "Rede von Dr. Wolfgang Schäuble, Vorsitzender der CDU Deutschlands, auf dem Empfang der CDU Deutschlands am 16. April 1999 in Berlin anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Gründung der NATO" beobachten. Zunächst sprach er davon, dass "Miloševiæ seine Truppen in den Kosovo geschickt" hat, wohingegen schon im übernächsten Absatz "das Kosovo" steht. In der Rede des österreichischen Abgeordneten Dr. Alois Mock im Nationalrat am 14.11.1998 findet das Wort Kosovo in nacheinander folgenden Sätzen achtmal Erwähnung, davon siebenmal als Maskulinum mit bestimmtem Artikel ("für den Kosovo"), einmal aber als "herkömmlicher" Ortsname im Neutrum mit Nullartikel "von Kosovo" (Stenographisches Protokoll, 110. Sitzung/59). Überdies wird man in amtlichen Dokumenten auf Unebenheiten dieser Art aufmerksam. Die "VN-Sicherheitsrat-Resolution 1199 (1998) vom 23. September 1998" operiert an den meisten Stellen mit dem Neutrum + dem bestimmten Artikel, einmal aber steht mitten im Text eine Nullartikel-Verwendung: "von und nach Kosovo". Ähnlich verhält es sich auch im Material "Reihe Stichworte für Öffentlichkeitsarbeit und Truppeninformation" des deutschen Bundesministeriums der Verteidigung unter dem Titel "Hintergrundinformationen zum Einsatz der Internationalen Staatengemeinschaft im Kosovo und Beteiligung der Bundeswehr" , auf dessen Titelseite mal "für Kosovo", mal "über dem bzw. im Kosovo" steht. Am ehesten auffallen dürfte in diesem Zusammenhang das Pressematerial Nr. XXXVI/2 des Bundesministeriums der Verteidigung vom 21.4.1999, in dem sich Formen wie "auf Kosovo", "im Kosovo", "von Kosovo" und "aus dem Kosovo" abwechseln.
Die Genitivverwendung ist auch in der Sprache der Politik durch eine große Bandbreite mehrerer Realisierungen gekennzeichnet. Oft kombiniert man Formen in bestimmtem Artikel mit solchen im Nullartikel. Einen diesbezüglichen Fall liefert die "Erklärung des Bundesrates zum Kosovokrieg durch Bundespräsidentin Ruth Dreifuss vor der Vereinigten Bundesversammlung" am 21.4.1999, die sich mehrfach einiger Präpositionalgefüge mit bestimmtem Artikel vom Typ "im Kosovo, aus dem Kosovo"[13] bedient, dennoch von der "Bevölkerung Kosovos" spricht. Als ganz ergiebig erweist sich unter diesem Gesichtspunkt der Beitrag von Dr. Alois Mock am 24.11.1998 im Wiener Nationalrat, der in drei nacheinander folgenden Sätzen drei divergierende Genitivbildungen - "des Kosovos", "Präsident von Kosovo" und "des Kosovo" - gebrauchte (Stenographisches Protokoll, 110. Sitzung/59).
Die Verwendung der Präpositionen weist bei Politiker(inne)n ebenfalls Divergenzen auf. Für die Lokalbestimmung auf die Frage wo?, die im Allgemeinen mit im Kosovo ausgedrückt wird, heißt es aber in der Erklärung des Präsidiums der CDU Deutschlands zum Thema "Neue politische Initiativen sind unverzichtbar, um das Leiden und Sterben im Kosovo zu beenden" vom 12.4.1999: "Die CDU unterstützt die Aktionen der NATO auf dem Kosovo. […]". Das Präpositionalgefüge auf dem Kosovo tritt übrigens in mehreren Belegen auf, z.B. in der Erklärung "CDU und Bundesregierung stehen hinter Nato-Luftangriffen vom 15.4.1999", ferner im Beitrag von Dr. Wolfgang Schäuble, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, "in der Kosovo-Debatte des Deutschen Bundestages" wie auch in seiner Kolumne in der Eßlinger Zeitung am 16.4. "Die Nato vor einer neuen Herausforderung" usw.
4. Mögliche Gründe und Erklärungen für die grammatische Divergenz
Warum eine so gravierende Vielfalt an unterschiedlichen Sprachverwendungen, die ihrerseits als Indizien für eine grammatische Unsicherheit der Textproduzenten zu werten sind, beobachtet werden kann, dürfte mehrere Gründe haben.
4.1 Vor allem ist es gewiss die mangelnde Geläufigkeit des Toponyms samt seinen morphologischen Formen für die kommunikative Praxis und dadurch für das Sprachrepertoire der Textproduzenten.[14] Bis vor kurzem war ja das Kosovo kaum Gegenstand deutschsprachigen Diskurses.
4.2 Ein weiterer Grund dürfte wohl darin liegen, dass das Flexionsparadigma dieses Ortsnamens nicht zu den produktiven Mustern der deutschen Gegenwartssprache gehört.
4.2.1 Diejenigen, die den Nullartikel verwenden, orientieren sich dabei unbewusst an den prototypischen Fällen, denn die Grammatiken lehren, wie schon gesagt, dass Länder- und Gebietsnamen in der Regel Neutra sind (vgl. Duden, 1995, S. 199) und diese nur attribuiert den bestimmten Artikel haben (vgl. Jung, 1982, S. 251, und Engel, 1988, S. 530), z.B. Bosnien –› in Bosnien, aber im multiethnischen Bosnien. In solchen Fällen wird die gängige Regel automatisch auf den in Frage stehenden Ortsnamen übertragen: *in Kosovo.
4.2.2 Das Wort das Kosovo kommt in den meisten Kontexten nicht im Nominativ vor. Daher können die Kommunikatoren, denen die eine oder andere flektierte Variante des topographischen Namens mental präsent ist (z.B. im Kosovo), womöglich aus solchen Formen fälschlicherweise auch auf ein Maskulinum schließen. So eine logische Konsequenz wäre im Grunde auch legitim, denn "bei erdkundlichen Namen" halten Grammatiken fest: "Nichtneutra haben den Artikel" (Jung, 1982, S. 256).
4.3 Summa summarum ist das morphosyntaktische Verhalten des zur Debatte stehenden Ortsnamens ziemlich atypisch: Neutrum – aber mit obligatorischem bestimmtem Artikel. Es ist bemerkenswert, dass auch im Falle des Eigennamens (das) Elsass, der mit dem von mir besprochenen Nomen parallel ist, früher ähnliche Schwankungen auftraten. Das im 19. Jahrhundert gelegentlich vorkommende männliche Genus ist zugunsten des Neutrums aufgegeben worden (s. Duden, 1995, S. 199). Ein Vorbild für die sprachliche Zukunft des Kosovo?
5. Perspektiven und Fragezeichen
Wie wird sich wohl der grammatische Umgang mit dem diskutierten Ortsnamen weiter gestalten? Sprachliche Tendenzen und Entwicklungen sind bekanntlich nicht einfach vorauszusehen. Die Vorbildfunktion - und damit die Verantwortung - der Politiker(innen) und der Medien ist insbesondere in einem solchen thematischen Feld recht markant. Im Spannungsfeld von sprachlichen und politischen bzw. soziokulturellen Faktoren sind im vorliegenden Fall mindestens drei Dimensionen zu unterscheiden.
5.1 Die rein morphosyntaktische Dimension: Ausgehend von der heute zuweilen anzutreffenden Verwendung mit Nullartikel könnte sich dieses Toponym in Zukunft in Sprachsystem und Sprachgebrauch vielleicht derart fest etablieren, dass es zu einem "normalen" Ortsnamen im Neutrum wird und dann ohne bestimmten Artikel steht. Dies ist zwar im Prinzip denkbar, aber meiner Meinung nach nicht sehr wahrscheinlich. Ein weiterer potentieller Trend könnte darin bestehen, dass die gegenwärtig relativ häufige Verwendung im Maskulinum (wie in Abschnitt 4 demonstriert) so intensiv um sich greift, dass es schließlich zu einer regulären männlichen Genuszuweisung als der Kosovo kommt. Diese Möglichkeit ist ebenfalls nicht auszuschließen, dennoch würde ich einer dritten Alternative eine größere Wahrscheinlichkeit einräumen, dass sich nämlich das Neutrum plus bestimmter Artikel (das Kosovo) stabilisieren wird.
5.2 Die Dimension der Lautgestalt des Ortsnamens Kosovo vs. Kosova: In Abschnitt 3.3.7. habe ich erwähnt, dass die Form Kosovo der serbische Name des im Brennpunkt stehenden Gebiets ist, während Kosova die albanische Version darstellt. Die politischen Fronten sind vor Ort - wie bekannt - bis zum Äußersten verhärtet, was natürlich auch auf den Sprachgebrauch abfärbt. Viele behaupten: Kosovo wird gesagt, um den Anspruch Serbiens auf seine Provinz festzuschreiben; Kosova wird verwendet, um einen eigenständigen Staat zu signalisieren. So steht noch aus, ob in Zukunft im Deutschen - wie bisher - die serbische oder infolge der politischen Umwälzungen die albanische Variante die Oberhand gewinnen wird. Im letzteren Fall könnte dieses Toponym nach der albanischen Vorlage auch im Deutschen ein Femininum werden (die Kosova) – dies halte ich aber für unwahrscheinlich. Aufgrund des häufigen Gebrauchs und des grammatischen Systemzwangs in der Sprache dürfte sich hier wohl eher das Neutrum ohne bestimmten Artikel (also Kosova, in Kosova etc.) als Flexionsmuster anbieten.[15]
Dass sich der alte deutsche Name Amselfeld als gängige und allgemeine Bezeichnung für diese Region je wieder verbreitet, ist ebenfalls kaum vorstellbar. Allerdings gibt es heute sporadisch solche Belege, auch in der Sprache der Politik. In einigen Fällen wird Amselfeld lediglich zur Vermeidung von Wortwiederholung eingesetzt, z.B. "Die Stimmung wird […] vom Krieg im Kosovo beeinträchtigt. Der […] Teilrückzug aus dem Amselfeld […]" (Börsen-Zeitung, 15.5.1999); anderswo wird es ganz neutral verwendet: So führte z.B. der österreichische Bundesrat Dr. Liechtenstein im Parlament aus, dass eine humanitäre Katastrophe "auf dem Amselfeld" zu verhindern sei (Parlamentskorrespondenz, 23.3.1999, Nr. 154).
5.3 Die Dimension des Wechsels der Eigennamenklasse: Letztlich ist auch die Möglichkeit nicht gänzlich außer Acht zu lassen, dass das Kosovo unter Umständen einmal völkerrechtlich seine Souveränität erlangt und ihm Rang und Status eines eigenständigen Staates zuerkannt werden. An diesem Punkt kreuzen sich die Wege der Politik mit denen der Sprache. Ein solches Szenario dürfte im Hinblick auf die deutsche Grammatik eine merkwürdige Situation nach sich ziehen. Dann nämlich fände ein kategorialer onomastischer Wandel statt: Der Gebietsname das Kosovo würde ausdrücklich zu einem Ländernamen aufgewertet. Dies wäre in grammatischer Sicht von entscheidender Bedeutung. Fleischer legte dar (1964, S. 377 und 1967, S. 149), dass die Artikelverwendung bei der Differenzierung der einzelnen Gruppen von Eigennamen eine ausschlaggebende Rolle spielt, und postulierte, "Raumnamen" würden "von Siedlungsnamen durch den Gebrauch des Artikels unterschieden" (mit bestimmtem Artikel[16] vs. mit der Nullform), darin manifestiere sich die - typische - klassifizierende Funktion des Artikels bei Eigennamen. Er beruft sich als Beispiel auf Teltow (mit Nullartikel) als Namen einer Stadt und auf der Teltow als Namen eines Landstriches (Raumnamen). Von Polenz (1961, S. 12 f.) sah diese Unterscheidung zwischen den echten Raumnamen einerseits und den Siedlungsnamen und Territorialnamen andererseits.
Im Hinblick auf die vorliegende Thematik betone ich hingegen das unterschiedliche Verhalten bezüglich der Artikelverwendung zwischen den Gebiets- bzw. Landschaftsnamen und den Ländernamen. Ländernamen können zwar nach den Regeln der Grammatik der deutschen Gegenwartssprache männlich, weiblich oder sächlich sein bzw. mit oder ohne bestimmten Artikel stehen, aber die Konstellation Ländername mit bestimmtem Artikel im Neutrum kennt die deutsche Grammatik bisher nicht. Gerade das könnte aber wohl im hier diskutierten Fall relevant werden. Was birgt wohl Kosovo noch in sich?
6. Literatur
DEBUS, Friedhelm (1980): Onomastik. In: Althaus, Hans Peter/Henne, Helmut/Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.): Lexikon der germanistischen Linguistik. 2., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl. Tübingen: Niemeyer. S. 187-198.
DUDEN (1995). Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 5., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Hrsg. u. bearb. von Günther Drosdowski [u.a.]. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag (Der Duden in 12 Bänden; 4).
ENGEL, Ulrich (1988): Deutsche Grammatik. Heidelberg: Groos/Tokyo: Sansyusya.
ERBEN, Johannes (1983): Deutsche Grammatik. Ein Leitfaden. Ausgabe 1983. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag.
FLEISCHER, Wolfgang (1964): Zum Verhältnis von Name und Appellativum im Deutschen; in: Wiss. Zeitschr. der Karl-Marx-Universität Leipzig, GSR 13. S. 369-378.
FLEISCHER, Wolfgang (1969): Zur Funktion des Artikels in der deutschen Sprache der Gegenwart; in: Acta Universitatis Wratislaviensis 60, Germanica Wratislaviensia, 11, S. 131-160.
GENZMER, Herbert (1998): Sprache in Bewegung. Eine deutsche Grammatik; Frankfurt a.M.: Suhrkamp (=Suhrkamp Taschenbuch, 2826).
GÖTZE, Lutz/HESS-LÜTTICH, Ernest W.B.(1989): Knaurs Grammatik der deutschen Sprache. Sprachsystem und Sprachgebrauch; München: Droemer Knaur.
HELBIG, Gerhard/BUSCHA, Joachim (1993): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. 15., durchges. Aufl.; München/Wien/Zürich/New York: Langenscheidt.
HENTSCHEL, Elke/WEYDT, Harald (1990): Handbuch der deutschen Grammatik; Berlin/New York: de Gruyter.
JUNG, Walter (1982): Grammatik der deutschen Sprache. Neuausgabe. Bearb. von Günter Starke. 7. Aufl.; Leipzig: Bibliographisches Institut.
LUKIÆ, Radomir (1989): Znaæaj boja na Kosovu; in: Pravni život, 38. 6-7, S. 957-962.
MUENZEL, Frank (1999): What Does Public International Law Have to Say About Kosovar Independence?; gesehen am 11.5.1999 im Internet: http://jurist.law.pitt.edu/simop.htm.
OSCHLIES, Wolf (1998): Der, die, das Kosovo?; in: Der Sprachdienst, 5/1998, S. 178.
POLENZ, Peter von (1961): Landschafts- und Bezirksnamen im frühmittelalterlichen Deutschland. Untersuchungen zur sprachlichen Raumerschließung. Bd. 1; Marburg: Elwert.
REHDER, Peter (Hg.) (1993): Das neue Osteuropa von A bis Z. Staaten, Völker, Minderheiten, Religionen, Kulturen, Sprachen, Literaturen, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Neue Entwicklungen in Ost- und Südosteuropa. 2., verb. Aufl.; München: Droemer Knaur.
SCHÜTZ, István (1999): Albán; in: Fodor, István (szerk.): A világ nyelvei; Budapest: Akadémiai. S. 44-48.
SONDEREGGER, Stefan (1985): Terminologie, Gegenstand und interdisziplinärer Bezug der Namengeschichte; in: Besch, Werner [u.a.] (Hgg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung; Berlin/New York: de Gruyter (=Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 2.2), S. 2067-2087.
WITTKOWSKI, Teodolius (1995): Probleme der Terminologie; in: Eichler, Wolfgang [u.a.] (Hgg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik; Berlin/New York: de Gruyter (=Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 11.1), S. 289-294.
7. Endnoten
- ↑ In der Klassifikation der Namen und als deren Folge in der Verwendung der Terminologie ist die onomastische Forschungsliteratur nach wie vor durch erhebliche Differenzen gekennzeichnet (Wittkowski, 1995, S. 289 ff.). Ein Teil der Autoren versteht unter Ortsnamen einen spezifischen Typ innerhalb der Klasse der geographischen Namen (der Toponyme oder Oikonyme): die Bezeichnung einer relativ geschlossenen Siedlung, z.B. Stadt, Dorf, Hof (Helbig/Buscha, 1993, S. 231), andere betrachten diesen Terminus umfassender als Sammelnamen für Landschafts-, Siedlungs-, Gewässer-, Flurnamen etc. (Debus, 1980, S. 188, Sonderegger, 1985, S. 2069 f.). Die in der Namenkunde ausschlaggebenden Publikationen vertreten jedoch diesen zweiten Standpunkt, dem ich mich im vorliegenden Beitrag anschließe.
- ↑ Duden, 1995, S. 199; Engel, 1988, S. 503; Genzmer, 1998, S. 158; Helbig/Buscha, 1993, S. 272; Hentschel/Weydt, 1990, S. 144, und Jung, 1982, S. 251. Gleichwohl verweist die Grammatik von Erben (1983, S. 85) bei den Ländernamen nur auf Neutra und Feminina.
- ↑ Siehe zu diesem Terminus Fleischer (1964, S. 377 und 1967, S. 148).
- ↑ Ich beschränke mich hier wie in den weiteren Passagen auf nur einige wenige typische Belege.
- ↑ Auch außerhalb der journalistischen Stils wird Kosovo oft mit dem Artikel des Maskulinums verknüpft bzw. dementsprechend flektiert, vgl. z.B. die großangelegte Aktion des Caritas international "Hilfe für den Kosovo".
- ↑ Der Bundesaußenminister benutzte beim "Pressegespräch von BM Fischer zum Kosovo am 6. April im Weltsaal des Auswärtigen Amtes" sogar die Wortbildungskonstruktion Kosovarentum. Die Form Kosovaner kommt gleichfalls hie und da vor, z.B. in der Parlamentsrede des österreichischen Politikers Dr. Alois Mock (Nationalrat, XXGP, Stenographisches Protokoll, 130. Sitzung/17). Im Material des österreichischen Zivildienstes begegnet einem durchgehend Kosovarer (H.-G. Ehrhart/M. Z. Karádi: Brennt der Balkan?) Statt Kosovo-Albaner oder Kosovoalbaner kann man gelegentlich auf die Version Kosovalbaner stoßen (Anfrage der Abgeordneten Mag. Terezija Stoisits an den Bundesminister für Inneres Dr. Caspar Einem vom 12.8.1996). Diese Belege gehen aber schon in den Bereich des Sprachgebrauchs von Politiker(inne)n über (siehe im nächsten Punkt).
- ↑ Kosovo Polje ist heute der Name eines Dorfes.
- ↑ Der Ortsname wird herkömmlicherweise auf eine Legende zurückgeführt, nach der sich die auf dem Amselfeld gefallenen serbischen Helden in Amseln verwandelt haben und dort nun die Niederlage in ihren Gesängen beklagen. Daher soll das Toponym Amselfeld herrühren. Aus manch kosovo-albanischer Sicht kann dies auch so gesehen werden, dass diese Etymologie nichts genuin Albanisches an sich habe und damit suggeriere, dass das Kosovo urserbisch sei; vgl. Lukiæ, 1989, S. 957 ff., und Muenzel, 1999. Es könne dieser Herleitung entgegengehalten werden, dass es auf dem Amselfeld gar keine Amseln gebe, weil sie zumindest bis vor kurzem nicht so weit nach Süden vorgedrungen seien und überdies früher als scheue Waldvögel galten, wohingegen das Amselfeld eine fruchtbare, dicht bebaute Ebene bildet. Es könne auch der Schluss gezogen werden, dass der Amsel-Mythos von Personen erfunden worden sei, denen die Ornithologie, die Fauna des Kosovo, damit wohl das Kosovo selbst kaum vertraut gewesen sei. Der Name komme nach dieser Interpretation eher von kosit/kositi, dem in beiden Sprachen fast gleich lautenden Verb für mähen. Dies ist im Albanischen wiederum ein serbisches Lehnwort, was aber nicht mehr und nicht weniger als die lang andauernden Kontakte der beiden Volksgruppen widerspiegelt.
- ↑ Ebenso: Gjermani, mit Artikel Gjermania = Deutschland, Hungari, mit Artikel Hungaria = Ungarn etc. Ich danke Herrn Prof. F. Münzel (Göttingen/Hamburg) für seine Hinweise. Zur linguistischen Charakterisierung des des albanischen Sprachsystems s. Schütz, 1999, S. 44 ff.
- ↑ Im Neutrum hieß es ursprünglich ujë = 'Wasser' –› ujët 'das Wasser', aber heute schon eher nach dem Paradigma des Maskulinums: uji 'das Wasser'.
- ↑ Es wäre ohnehin vom korrekt.
- ↑ Es gehört auf ein anderes Blatt, dass in der Antwort des Bundesrates vom 1.7.1998 schon u.a. - aber auch nicht ganz konsequent - schon "im Kosovo" steht.
- ↑ Im Text der schweizerischen Politikerin findet sich auch die Konstruktion "in den Kosovo", aus der man darauf schließen kann, dass sie Kosovo als Maskulinum betrachtet.
- ↑ Wie wenig man mit diesem Ortsnamen nicht vertraut ist, zeigt auch der Umstand, dass selbst Nachschlagewerke, die sich gezielt diesen Themenschwerpunkten widmen, diesbezüglich jedoch nicht immer korrekt und fachkundig verfahren. Das spezielle Osteuropa-Lexikon von Rehder (1993) weist z.B. auf S. 38 und 46 Formen mit Nullartikel, auf S. 92, 288 und 612 mit bestimmtem Artikel auf.
- ↑ Allerdings finden sich heute auch in Verbindung mit der Version Kosova als Maskulinum deklinierte Formen mit dem bestimmten Artikel, z.B. "Frieden für den Kosova" (Zivieldienst Austria).
- ↑ Nach Fleischer, 1969, S. 148, zumeist der.
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